Ausländer raus! Für Vanessa, die Anführerin der «Schweizer Fraktion» ist das völlig selbstverständlich, wie für ihren Vater auch, der nur Schweizer im Betrieb anstellt. Die Ausländer schmarotzen uns unseren Wohlstand weg, sie vermehren sich wie die Kaninchen, sie gehören weggemobbt. Vanessas einheimische Kolleginnen machen (vorerst einmal) mit beim fremdenfeindlichen Spiel, das kein Spiel ist, sondern bitterer Ernst.
Bitter für Goran, den Serben, der die Schweizerfahne hochhält und sich in die Schweizerin Lea verliebt. Bitter für die Jugendlichen aus der Türkei, aus Mazedonien, aus der Ukraine. Sie bilden die andere, die Ausländer-Fraktion in diesem Stück, das ganz auf Schwarz-Weiss-Malerei macht: hier die zickigen, ausländerhassenden Schweizerinnen, dort die gebeutelten Fremden.
Die ersten Bühnenschritte
Die zehn Jugendlichen des Theaterclubs (14+) wissen, wovon sie reden und was sie spielen. Rund die Hälfte von ihnen hat, was man zwar nicht mehr so nennen soll, weil auch das Wort die Fronten weiter zementiert: Migrationshintergrund. Für Diana Dengler, die Schauspielerin, die zusammen mit dem Theaterpädagogen Mario Franchi zum sechsten Mal den Theaterclub leitet, ist das eine neue, erfreuliche Entwicklung: Die Schwelle zum Mitmachen im Club sei offensichtlich niedriger geworden auch für Secondos und Secondas.
So fallen auch mal türkische oder mazedonische und italienische Sätze – die Dialoge sind alltagsnah, es wird diskutiert und gestritten und geflirtet wie auf dem Pausenplatz nebenan. Und (fast) alle wollen dasselbe: den roten Pass.
Ein- und Ausschlüsse
Das Stück erzählt, wie sich die Fronten langsam aufweichen und die eidgenössische Festung bröckelt. Die eine Schweizerin, Innerrhödlerin noch dazu, hat einen italienischen Vater, den sie ihren Freundinnen verheimlicht, um nicht gemobbt zu werden – bis sie ertappt wird. Lea hält ihrerseits zu Goran, andere wechseln die Seite, Vanessa wird mit ihrem militanten Fremdenhass zunehmend in die Ecke gedrängt und greift am Ende zur Verzweiflungstat. Sie versucht Goran ein Päckchen Koks unterzujubeln, damit er ausgeschafft wird.
Das Stück ist eine Collage aus Bühnenvorlage und eigenen, in Improvisationen und Recherchen erarbeiteten Szenen. Die Jugendlichen, allesamt erstmals auf der Bühne, spielen engagiert und glaubwürdig und riskieren zwischendurch auch eine surrealistische pantomimische Einlage – in der Schweizer und Nicht-Schweizer plötzlich nicht mehr so klar zu unterscheiden sind.
Stoff für Diskussionen
Ob die Story die heutige interkulturelle Wirklichkeit gerade dieser Generation widerspiegelt, ist aber eher zweifelhaft. Mit einiger Sicherheit geht es differenzierter und durchlässiger zu und her als im Stück. Und ist die Konfliktlage komplexer.
Davon weiss die am authentischsten wirkende Figur, eine junge Frau aus dem Bürgerkriegsgebiet bezeichnenderweise am meisten. Sie hält sich aus der Schweiz-Bewunderung heraus und unterläuft die sonst allzu stereotypen nationalen Aus- und Einschlüsse.
Zu schnellen Identifikationen bietet Heimatfremd keine Hand. Aber zum Weiterdiskutieren ist gerade das eine gute Grundlage. Es spielen: Cheyanne Metzger, Emma Schweizer, Gizem Baruk, Iris Abler, Jolanda Rechsteiner, Kathrin Tamburic, Leonid Paupe, Nina Lehnhard, Riccarda Bini und Staschia Hegner.
Weitere Aufführungen Donnerstag 19. und Freitag 20. Mai, je 20 Uhr, Theater St.Gallen (Studio)
Bilder: Tine Edel
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