Die Kunst guckt in die Röhre

Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt eine Ausstellung zum Fernsehen in der Kunst. Das Medium reizt zum Widerstand und birgt einiges an Unterwanderungspotential.
Von  Kristin Schmidt
Ausstellungsansicht. Vorne: Günther Ueckers TV auf Tisch, 1963

Vergraben, versteckt, vernagelt oder mit Stacheldraht umwickelt – kaum hatte sich das Fernsehen zum Massenmedium entwickelt, attackierten Künstler das Gerät. Damit demonstrierten sie eindrücklich ihr Ohnmachtsgefühl gegenüber der neuen Allgegenwart bewegter Bilder oder vielmehr den präsentierten Inhalten.

Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt in der aktuellen Ausstellung TeleGen. Kunst und Fernsehen im ersten Raum eine Rückschau mit Werken aus den späten 50er- und in den 60er-Jahren. Altbacken wirken diese Arbeiten bis heute nicht, vor allem jene, die das Medium eben gerade nicht offensiv attackierten, sondern sich bereits damals die Strategien des Fernsehens zunutze machten und sie weiterentwickelten.

Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Foto: Ines Agostinelli © Kunstmuseum Liechtenstein

So beginnt Bruce Conner unmittelbar nach dem Attentat auf John F. Kennedy die ausgestrahlten Filmaufnahmen des Anschlages zu bearbeiten. Sequenzen werden stakkatohaft wiederholt, ältere Aufnahmen und Werbung werden zwischengeblendet, während das Attentat nie zu sehen ist. Spannung entsteht dennoch oder gerade deshalb.

Musik aus dem Kochtopf

Auch John Cage arbeitete mit den Möglichkeiten des Fernsehens. Er verwandelte seine Water Music für eine Fernsehsendung in einen Water Walk. Der Klang war damit nicht nur zu hören, sondern die Klangerzeugung war zu sehen. Cage setzte Dampfkochtopf und Mixer in Gang, betätigte Siphon und Piano, plätscherte in der Badewanne und warf Radios vom Tisch. Cage plauderte zunächst locker mit dem Moderator und brachte dann seine unkonventionelle Musik zu Gehör. Das Publikum der Unterhaltungssendung reagierte mit unsicherem Gelächter, Cage liess sich nicht aus der Ruhe bringen und verhalf seiner Arbeit mit grossem künstlerischen Ernst zu einiger Popularität.

Ausstellungsansicht Kunstmuseum Liechtenstein, Foto: Ines Agostinelli © Kunstmuseum Liechtenstein

Geht es um die frühe Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen, darf Nam June Paik nicht fehlen. Als erster Künstler veränderte er die Bildausstrahlung mit mechanischen Eingriffen, schloss externe Geräte an, deren Schwingungen auf die Monitore einwirkten oder verzerrte Bilder mit Magneten. Im Kunstmuseum Liechtenstein sind vier seiner transformierten Geräte aus dem Jahr 1963 zu sehen.

Fernsehen, das Mängelwesen

Die weiteren sechs Räume der umfangreichen Ausstellung sind der zeitgenössischen Kunst gewidmet. Mischa Kuball ist der Einzige, der mit einer Arbeit vertreten ist, die sich noch physisch gegen das Fernsehbild richtet, er deckt die Mattscheibe mit schwarzer Folie ab, in der das CNN-Logo ausgespart ist. Hörbar überlagern sich mehrere Podcasts mit Live-Berichterstattung aus dem ersten Golfkrieg – eine Arbeit mit eindeutig kritischem Anspruch.

Telegen. Kunst und Fernsehen,
bis 16. Mai 2016

kunstmuseum.li

Viel spannender sind aber jene Werke, die das Medium mit seinen eigenen Mitteln unterwandern und dessen Unzulänglichkeiten offen legen. Christian Jankowski etwa hatte bereits sogenannte Teleshopping-Kanäle in ein Kunstmarkt-TV-Format übersetzt, liess einen texanischen TV-Prediger seine Kunst heiligsprechen oder befragte im Vorfeld der Biennale Venedig einen TV-Wahrsager zu seiner künstlerischen Arbeit. Er vertauscht soziale Kontexte und Rollen und spielt mit dem inszenierten Fernsehspektakel. In der Ausstellung ist sein Werk Discourse News zu sehen, bei dem er eine professionelle Nachrichtensprecherin ein Kunstwerk erläutern lässt, dessen Teil sie selber ist. Jankowski setzt die brandaktuellen News und den Kunstdiskurs gleich und entlarvt damit einmal mehr nicht nur das Fernsehen, sondern auch den Warencharakter der Kunst.

In der Ausstellung dominieren, wenig verwunderlich, die filmischen und die Videoarbeiten. Aber Künstlerinnen und Künstler setzen sich auch in Malerei, Fotografie, Zeichnung und Installation mit dem Fernsehen auseinander. So sind etwa Caroline Hakes Fotografien leerer Fernsehstudios aufschlussreiche Kommentare zur televisuellen Bedeutungsproduktion. Und Julian Rosefeldt extrahiert die Gesten aus TV-Soaps und gliedert sie in Kategorien. Schon bei Kindergartenkindern ist zu beobachten, wie diese stereotypen Verhaltensweisen die Ausdrucksformen beeinflussen.

Schlingensiefs Talk-Protest

Viele der aktuelleren Werke greifen Details rund um die Fernsehkultur heraus, die Werkauswahl wäre denn auch anders möglich gewesen.

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Christoph Schlingensief ist jedoch eine der wichtigsten Positionen in diesem Zusammenhang. Mit seinem Talk 2000 (Bild), ausgestrahlt im Privatfernsehen und im ORF, trieb der damals junge Künstler die ohnehin schon absurd anmutenden Talkrunden auf die Spitze. Die Gäste wurden ebenso blossgestellt wie der Moderator selbst. Inhalte wurden keine vermittelt, es ging um Effekte und Emotionen. Wie echt letztere waren, bleibt dahingestellt.

Inzwischen sind alle Folgen dieser Show im Internet verfügbar – in einem Medium, dessen Auswirkungen aufs Fernsehen beträchtlich sind und das längst auch für die Kunst relevant ist. Aber dies ist ein anderes Ausstellungsthema.

Die Ausstellung wurde vom Kunstmuseum Bonn in Zusammenarbeit mit Dieter Daniels, Leipzig, konzipiert. Bilder: Ines Agostinelli/Kunstmuseum Liechtenstein

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