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Ein soziokulturelles Biotop

Am Samstag feierte das Gemeinschaftsprojekt «Ulmen 5» im St.Galler Lachenquartier Eröffnung. Mit Werkstatt, Materialmarkt, Atelier, Repair-Café und einem zukünftigen Glacé-Betrieb setzt sich das ambitionierte Zwischennutzungsprojekt für einen nachhaltigen gesellschaftlichen und ökologischen Wandel ein. Karsten Redmann war dabei.
Von  Gastbeitrag
Grosser Andrang im «Meter». (Bilder: Karsten Redmann)

Es ist kurz nach halb acht. Im Lachenquartier hat sich die Sonne mittlerweile von den Strassen, den Hinterhöfen und den geschlossenen Geschäften verabschiedet und der Nacht Platz gemacht. Von der weithin belebten Zürcher Strasse kommend, wirkt die Ulmenstrasse eher ruhig, zumindest wenn man die ersten Schritte in Richtung Migros Lachen macht.

Auf Höhe eines ehemaligen Gewerbegebäudes, dort, wo früher eine Fensterfabrik ihren Sitz hatte, ändert sich mit einem Mal die Stimmung: Reihen von Lichterketten erhellen die Fassade, ein dumpfer Bass dringt aus dem langgezogenen Gebäude.

Durch die Fenster sind zahlreiche Menschen zu erkennen, die gruppenweise zusammenstehen und angeregt miteinander reden. Wenige Meter vor der Eingangstür taucht ein Hinweisschild mit Plakat und einem dicken roten Pfeil auf, «Opening» steht da geschrieben. Alles deutet auf ein Fest hin.

Und so ist es auch: Das Kreativhaus «Ulmen 5» wird an diesem Samstag feierlich eröffnet. Laut Selbstbeschreibung des im April 2022 gegründeten Dachvereins soll das Haus eine erste Adresse sein für all diejenigen, «die gerne gestalten, werken und bauen».

Auf insgesamt zwei Etagen und etwa 740 Quadratmeter Gesamtfläche findet sich seit dem Pre-Opening im Sommer 2022 darin mittlerweile «alles, was es braucht, vom Material über Werkzeug und Maschinen bis zu Menschen, die unterstützen und weiterhelfen».

Seit 14 Uhr ist Rahel Flückiger, «Ulmen 5»-Vereinsmitgründerin und Co-Geschäftsleiterin von OFFCUT, hier ohne Pause an der Kasse gestanden und hat sich über die vielen einströmenden Menschen gefreut. Sie sei aber zu nichts anderem gekommen, als die Besucher:innen zu empfangen und etliche Materialien aus dem OFFCUT-Lagerbestand an diese zu verkaufen, sagt sie.

Und weil das so ist, müsse sie jetzt dringend etwas Kleines essen und stünde dann erst für ein Gespräch zur Verfügung. Zu entdecken gäbe es ja vieles. Lächelnd nimmt sie die Treppe nach unten, um sich an einem eigens für die Eröffnung aufgestellten Essensstand zu bedienen.

Die offene Werkstatt

Vorbei geht es an Regalen mit buntem Textilstoff, Holz, PVC und Papier, weiter ins Untergeschoss, dort, wo sich die offene Werkstatt METER befindet mit ihren vier Arbeitsbereichen: Metall, Textil, Holz und Keramik.

Die offene Werkstatt mit dem Keramikbereich

Barbara Keiser, im Verein METER aktiv, betont, dass es hier in der Werkstatt in erster Linie darum geht, den Leuten einen niederschwelligen und kostengünstigen Zugang zu Werkzeug und Maschinen sowie einen Austausch unter Gleichgesinnten zu ermöglichen.

«In St.Gallen besteht seit Jahren schon ein überaus grosser Bedarf an einer offenen Werkstatt wie dieser, wo man in Workshops lernen kann, wie man die vorhandenen Maschinen und Werkzeuge bedient und sich im Anschluss künstlerisch ausprobiert», sagt sie, «und so helfe ich hier gerne mit, packe mit an.» Ob es bereits fertiggestellte Produkte gäbe? Sie nickt und präsentiert auf dem Tisch diverse Taschen und sogar einen Hut.

«Um mit Materialien wie Holz, Textilien oder Metall arbeiten zu können, müssen die Kund:innen diese immer selbst mitbringen», stellt Keiser klar. «Lediglich im Keramik-Bereich ist es möglich, Glasuren und Ton von METER zu verwenden.»

Der Materialmarkt

Zurück beim Materialmarkt, eine Etage höher, mit seinen langen Regalreihen auf einer Fläche von etwa 250 Quadratmetern, kommt Rahel Flückiger – endlich gestärkt – ins Schwärmen: «Bevor es heute Nachmittag losging», sagt sie, «standen die Leute schon vor der Tür oder riefen bei uns an, wollten unbedingt dabei sein. Gerechnet hatten wir mit 200 bis 300 Leuten. Gekommen sind aber sicher doppelt so viele, bekannte wie unbekannte Gesichter. Und alle waren sichtlich begeistert, dass es jetzt auch in St.Gallen ein Kreativhaus gibt.»

Rahel Flückiger (links) im «Offcut»

Während Flückiger redet, strömen weitere Besucher:innen ins Gebäude und verteilen sich auf den beiden Etagen.

Was ist denn das Besondere an OFFCUT? Sie lacht und erklärt: «Wir sind eine Genossenschaft mit bisher fünf Standorten in der Schweiz. Als solche setzen wir uns aktiv für einen ressourcenschonenden Materialkreislauf ein und regen damit zum nachhaltigen Wirtschaften an. Seit unserer Gründung arbeiten wir hier in St.Gallen in einem dreiköpfigen Team, wobei unsere Hauptdienstleistung darin besteht, Überschuss- und Restmaterialien zu beschaffen, zu selektionieren, aufzubereiten und zu verkaufen. Daher auch die vielen Regale mit den unterschiedlichen Materialien.»

Wie es zum Zusammenschluss mit den anderen Vereinen hier gekommen ist, erklärt Flückiger so: «Das Gebäude, in dem wir uns befinden, wird in ein paar Jahren ja abgerissen. Und weil wir Interesse bekundeten, ist uns die Zwischennutzung für mindestens fünf Jahre zugesichert worden; einzige Bedingung: Dass wir die gesamte Fläche anmieten. Aufgrund dessen haben wir uns zu einem Dachverein zusammengeschlossen, nicht zuletzt, um auch gemeinschaftlich Synergien zu nutzen. So arbeiten die Kunden von METER beispielsweise mit Materialien aus unserem Fundus. Oder im Atelier, eine Etage höher, greifen Künstler:innen womöglich auf unsere Materialien zurück.»

Die Galerie, das Repair-Café und die Gelateria

Es folgt der spontane Gang zu Thomas und Sabine Starozynski, die das Atelier vielraum betreiben. Beide sind ausgebildete Kunsttherapeut:innen und kennen sich bestens aus in der Begleitung künstlerischer Arbeiten.

Ihr Atelier ist ein wunderschöner Ort, der mitunter an eine schicke grossstädtische Galerie erinnert; an einer weissen Wand hängen in Reihe die expressiven Werke eines Künstlers. Auch deren Preise sind angeschrieben.

Sabine und Thomas Starozynski

«In erster Linie bieten wir einen Ort der Begegnung», sagt Sabine Starozynski. «Wir unterstützen und begleiten Künstlerinnen und Künstler sehr individuell und auf Augenhöhe. Dabei sind wir natürlich offen für die unterschiedlichsten Bedürfnisse, die an uns herangetragen werden – ob es sich dabei um die Schaffung einer Tagesstruktur handelt, um Themen wie Inklusion oder auch gangbare Wege zum Kunstmarkt.»

Derzeit sind die Werke Alfred Gmeiners im Atelier zu bestaunen. Mit Graphit und Tusche hat er Figuren gezeichnet, die mehrheitlich die gesamte Leinwand oder die gesamte Papierfläche einnehmen. Höchst eigenständig wirken die ausgestellten Arbeiten.

Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich das ehrenamtlich betriebene Repair-Café. Aus dem ehemaligen Schulhaus Tschudiwies sei man vor Kurzem mit Sack und Pack hierher gezogen, sagt Samuel Passler. So hat sich das Café von 15 Quadratmetern auf 30 Quadratmeter vergrössert.

Als kleiner Verein sei man jetzt ein weiteres Puzzleteil von «Ulmen 5» und versuche dem Thema Nachhaltigkeit Leben einzuhauchen, erklärt er. Hier werden nicht funktionierende Mixer, CD-Player, Spielzeug oder auch Kaffeemaschinen an Ort und Stelle repariert, statt weggeworfen.

Blick ins Repair-Café mit Samuel Passler (stehend)

Das fünfte Projekt, der Glacé-Betrieb von Angela Angelati befindet sich im gleichen Geschoss wie der Materialmarkt, nur ein wenig versteckt: Zwei kleine Räume, angefüllt mit Utensilien und Arbeitsgeräten für die Glacé-Produktion.

Vor zwei Jahren habe sie angefangen Glacé herzustellen, ganz im Kleinen, sagt Angela Angelati und verweist auf die hohe Qualität ihrer Rohstoffe: «Nicht mehr als fünf Zutaten dürfen in ein von mir hergestelltes Produkt. Dabei sollen die hinzugezogenen Rohstoffe so natürlich wie möglich sein. Bei meinen Kund:innen kommt das sehr gut an. Sie schätzen die Qualität.»

Will bald loslegen: Angela Angelati

Leider warte sie zurzeit noch auf die Bewilligung vom Kanton. Erst wenn diese eintreffe, könne sie ihre Kleinproduktion starten. «Im schlimmsten Fall bekomme ich die Bewilligung erst im kommenden Januar. Ich bin aber guter Dinge. Ausserdem ist die Miete günstig. Das ist nicht unwichtig.»

Es ist spät geworden. Im Innenhof klingt der Abend allmählich aus. Die Leute stehen in kleinen Gruppen zusammen, prosten sich zu, unterhalten sich, und würden, wenn es nach ihnen ginge, offensichtlich gerne noch länger bleiben. Einzig der Umstand, dass man sich in einem Wohnquartier befindet, führt sukzessive zu einem Ende der Feierlichkeiten. Um kurz nach halb elf ist die Party vorbei.

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