Eine Bühne für Autismus

«¡!WindspeedF400» überschreitet die Grenze der Kunst und bietet dem Publikum einen fruchtbaren Boden zur autodidaktischen Wissensaneignung. Am Dienstag und am Mittwoch wird das Stück in der Grabenhalle St.Gallen aufgeführt. von Viktoria Koelle
Von  Gastbeitrag
Bilder: pd, Christian Glaus

Als Tanz- und Performancekünstlerin wurde Cynthia Gonzales bereits beim Fernsehsender «Arte» ausgestrahlt. Jetzt kommt sie mit ihrem Projekt ¡!WindspeedF400 nach St.Gallen in die Grabenhalle. Das Thema: Autismus. Gonzalez setzt sich darin mit der Wahrnehmung und der Welt eines Menschen mit Autismus auseinander und stellt die Frage, was es bedeutet, «anders» zu sein.

Dem Savant-Syndrom auf der Spur

Protagonistin der Handlung ist eine autistische Frau, gespielt wird sie von Cynthia Gonzales selber. Diese Bühnenrolle ergab sich aus der Summe der Begegnungen, die Gonzales in den letzten vier Jahren mit autistisch veranlagten Menschen und Personen, die mit Autistinnen und Autisten zusammenarbeiten, machte.

Nebst verschiedenen Interviews, Arbeitsgesprächen und alltäglichen Begegnungen mit Menschen, die Erfahrung mit Autismus haben, war für Gonzales vor allem die Gruppe der Autisten mit Savant-Syndrom von besonderer Bedeutung. Das Savant-Syndrom steht für Menschen mit Inselbegabungen, die angeblich vor allem bei männlichen Autisten bekannt sind. Auch die Protagonistin des Stücks hat eine Inselbegabung, die einen zum Schmunzeln bringen kann.

Mit wenigen Worten umschreibt Gonzales ihre Rolle folgendermassen: «Wetter – laut – schrill – Ruhe – innere Ruhe – Ruhepol – Sehnsucht nach Zärtlichkeit – Kontakaufnahme – scheitern – Sturm – Menschensturm – Wut – Entladung – Glücklich sein.»

Spielstadt als Bühnenbild

Die Lichteffekte auf der Bühne sind einfach und unmittelbar gehalten: Die kaltbeleuchtete Aussenwelt des Alltags umgibt eine warme Innenwelt, die durch die Spielstadt der Protagonistin abgebildet wird. Diese Spielstadt als Bühnenbild wird durch eine Komposition aus Papphäusern, bunten Holzklötzen und abstrakten Tonfiguren Teil der Handlung. Auf den ersten Blick hat diese Objektkomposition etwas Kindliches und Verspieltes, und man fragt sich wie bunte Holzklötze und Figuren, die Knetfiguren ähneln, die Welt einer Erwachsenen darstellen können.

Die Soundeffekte umfassen ein breites Spektrum von schönen Klängen bis zu irritierenden, teils unangenehm klingenden Lauten, die von einer tiefen, durchdringenden Stille begleitet werden. In der Inszenierung nehmen die irritierenden Geräusche metaphorisch Anklang auf den Wahrnehmungszustand von Autisten, die selbst kleinste Veränderungen im Alltag irritieren oder beängstigen können. Die durchdringende Stille verweise auf den Charakter ihrer Protagonistin, erklärt Gonzales.

Einstieg in die Inklusionsdebatte

Mit dem thematischen Schwerpunkt «Autismus» wird man dazu eingeladen, sich in die Protagonistin hineinzuversetzen und sich auf den Wahrnehmungszustand von autistischen Mitmenschen einzulassen. Auch gibt das Stück einen Einstieg auf die Integrations- und Inklusionsdebatte unserer Zeit. Gonzales geht auf die hochkomplexe Wahrnehmungslücke zwischen Autisten und Nicht-Autisten ein und gibt damit Raum zur Reflexion gegenüber Vorurteilen in einer Gesellschaft, in der jede und jeder anders ist.

¡!WindspeedF400:
16. und 17. Januar, 20 Uhr, Grabenhalle St.Gallen

grabenhalle.ch

Auch im Bezug zum Standort St.Gallen findet diese Kunstproduktion einen Anschluss. Die Heilpädagogische Schule (HPS) St.Gallen etwa bietet Menschen mit andersartigem Wahrnehmungsspektrum und Ausdrucksvermögen durch die Affolter-Methode (die auch bei Kindern mit Autismus angewendet wird) einen individuellen Ansatz, um mit den Hürden des Alltags umzugehen. Hierzu stellt sich die Frage: Wie trägt das Stück ¡!WindspeedF400 zu einem Arbeitsalltag mit autistisch veranlagten Personen bei?

Am Dienstag und Mittwoch erwartet das Publikum in der Grabenhalle jedenfalls ein durchdachtes Bühnenkonzept, das mit Tanz- und Schauspielelementen über einen klassischen Unterhaltungswert hinausgeht – ein Abend voller Bewegung, Kunst und gesellschaftspolitischem Diskussionspotenzial.

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