Kategorie
Autor:innen
Jahr

Eine Performance, die gehört werden muss

Passend zum diesjährigen Hitzesommer wurde dem Publikum gestern in der Kellerbühne Feuer unterm Hintern gemacht. Matthias Peter und Ralph Hufenus führten C.F. Ramuz’ neuen Klimaroman «Sturz in die Sonne» in einer musikalischen Lesung vor. Eine 60minütige Two Man Show mit Brisanz und Relevanz. Von Viviane Sonderegger
Von  Gastbeitrag

Eine potenzielle Krise – Ignoranz – Krise wird zur fatalen Katastrophe – letzte Apelle an die Vernunft scheitern – die Apokalypse ist unumgänglich. Ein rattenschwanzartiges Muster, in dem man lieber mal nichts tut, bis es dann aber schon zu spät ist.

Diese passive Wegschau-Strategie wurde uns schon des Öfteren eklatant vor Augen geführt: 1958 beispielsweise in der Parabel von Biedermann aus Max Frischs Bühnendrama Biedermann und die Brandstifter, die für die unheilvolle Fähigkeit des Menschen steht, eine erkennbar drohende Gefahr auszublenden. Dergleichen 2021 in der US-amerikanischen schwarzen Komödie Don’t Look Up, in der selbst banalste Kommunikation am menschlichen Berg der Ignoranz zerschellt, während ein rasender Asteroid die Erde zu zerstören droht.

Aktuell stehen wir gerade vor einer der grössten Krisen in der Menschheitsgeschichte: die globale Erderwärmung. In punkto desaströser Hitze wirkt C.F. Ramuz’ Klimaroman Sturz in die Sonne wie ein visionärer Weckruf vor bereits 100 Jahren. Der Schauspieler Matthias Peter (Leiter der Kellerbühne St.Gallen) und Ralph Hufenus (Kontrabassist) heizen der literarischen Trouvaille noch einmal zügig ein. Der Funken ist gesprungen.

Szenario wie aus dem Bilderbuch

Ramuz’ Buch (franz. Présence de la mort) liest sich in diesen hitzigen Tagen wie ein Spiegel im Zeitraffer: Schmelzende Gletscher, globale Waldbrände, schweizweiter Höchstwert von 39,3 °C in Genf, fast wie im Sommer 1921. Doch die Menschen am Ufer des Genfersees geniessen ihr Leben, als gäbe es wortwörtlich kein Morgen.

Vor dem feuerroten Vorhang, der an das Buch-Cover der Aufmachung der 2023 brandneu erschienenen deutschen Übersetzung von Steven Wyss erinnert, präsentierten Peter und Hufenus auf der Bühne das Endspiel: Die Welt geht durch eine verderbliche Hitzewelle dahin und die soziale Ordnung gerät langsam aus den Fugen.

Einer für alle und alle für einen? In der Hitze des Gefechts scheint selbst dieses traditionelle Muster dahinzuschmelzen. Geblendet von der Schönheit oder gelähmt von der Hitze prokrastinieren die Menschen und lassen die Zeit verglühen. Bald kein Gemüse mehr? Ach, wenigstens wird der Wein immer besser.

Die gelesenen Worte von Matthias Peter unterstreichend, lässt Ralph Hufenus die einzelnen Bilder der Climate Fiction auf dem Kontrabass mal zupfend wie glühendes Eisen, mal als gähnende Hitze durch stöhnendes Flageolett ertönen. In künstlerischen Pausen wechseln sich Wort und Musik teils ab, teils versuchen sie sich gegenseitig den Gar auszumachen. Und spätestens bei den ersten drei Tönen von Lueget vo Berg und Tal wird folgendes klar: Hoffnung gibt es nur noch in der Höhe. Trotz der verschiedenen experimentellen Spielarten am Bass fehlte es auf melodiöser Ebene aber doch etwas an Varianz, um Ramuz’ feurigen Weckruf zu verdeutlichen.

Der Funken ist gesprungen

Sturz in die Sonne: Textperformance von Matthias Peter und Ralph Hufenus.

Weitere Vorstellungen:

24. September, 18 Uhr, Stiftsbibliothek St.Gallen

15. Oktober, 11 Uhr, Kulturmuseum St.Gallen

26. November, 11 Uhr, Naturmuseum St.Gallen

kellerbuehne.ch

Wo bleibt nun also der Fortschritt in der aktuellen Klimakrise, wenn es bald zu heiss ist, um sich überhaupt noch fortbewegen zu können? Wenn wirs doch nun endlich alle einmal sehen würden. Matthias Peter zieht dafür alle Register. Wie ein Prophet wirkend steht er in weiss gekleidet mit starker Präsenz auf der Bühne, schaut dem Publikum tief in die Augen, verliert nicht eine Sekunde den Spannungsbogen. Ein fast zerstörendes Vergnügen, seiner expressiven Stimme zuzuhören.

Mit simplen, aber wirkungsvollen Gesten unterstützt er die inszenierten Charaktere und scheut sich auch nicht, zum Walking Bass das Tanzbein an einem Sonntag zu schwingen, «als es noch Feiertage gab». Dadurch lässt er nicht nur auditive Funken durch die Luft fliegen, sondern auch die, in einer Szene vorkommenden, Flugblätter, die er in Form seiner bereits vorgelesenen Seiten von der Bühne zu Boden fallen lässt. Ein performatives Hörspiel, welches wichtige Botschaften entflammt.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49