Einfach akzeptiert werden
Das Buch Queer Kids gibt jungen queeren Menschen eine Stimme – roh, ungeschönt und voller Leben. Es erzählt von Identität, Widerstand und dem Wunsch nach Akzeptanz in einer Gesellschaft, die oft wegschaut.
Charlie ist 21 und nonbinär. (Bild: Judith Schönenberger)
Queer sein ist kein Trend, sondern die Realität vieler junger Menschen. Doch statt Unterstützung erfahren sie oft Mobbing, Unverständnis oder Ignoranz. Im Buch Queer Kids von Christina Caprez und Judith Schönenberger geht es um Akzeptanz, aber auch um Repräsentation. Am 11. März ist die Autorin Caprez zu Gast in St. Gallen und liest im Raum für Literatur aus ihrem Werk.
Doch was ist denn das überhaupt, dieses «queer»? Der Begriff «queer» dient als Sammelbezeichnung für Lebensweisen, die nicht der heterosexuellen, binären Norm entsprechen. Dazu zählen unter anderem Homo- und Bisexualität, Pansexualität, aber auch Asexualität sowie nichtbinäre, trans und intergeschlechtliche Personen. Der Begriff betont die Vielfalt menschlicher Identitäten und Lebensweisen und hinterfragt die gesellschaftlichen Normen bezüglich Sexualität und Geschlecht.
In der Schweiz identifizieren sich gemäss einer Studie aus dem Jahr 2023 etwa 13% der Bevölkerung als queer. Die Wahrscheinlichkeit, eine queere Person im Umfeld zu haben, ist also sehr hoch. Und wer jetzt den Kopf schüttelt – vielleicht weiss man auch einfach nicht, dass eine Person queer ist. Und das ist dann auch völlig in Ordnung. Queere Menschen sind nicht verpflichtet, über ihre Queerness zu informieren. Von heterosexuellen Menschen erwartet das ja auch niemand.
Bisexualität: sexuelle oder romantische Anziehung zu Menschen des gleichen, aber auch zu Menschen von anderen Geschlechtern
Pansexualität: sexuelle Orientierung, bei der eine Person unabhängig vom Geschlecht oder der Geschlechtsidentität romantische oder sexuelle Anziehung empfinden kann
Asexualität: kein oder wenig Verlangen nach Sex mit anderen Menschen
nichtbinär: Geschlechtsidentität, die ausserhalb der traditionellen Kategorien männlich und weiblich liegt
trans: Geschlechtsidentität stimmt nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht überein
intergeschlechtlich: Menschen, deren körperliches Geschlecht nicht den medizinischen Kategorien männlich/weiblich entspricht
Studien zeigen, dass sich heute mehr junge Menschen als queer identifizieren, als vor einigen Jahren. Das heisst aber nicht, dass Queersein einfach nur ein Trend ist. Vielmehr sind junge Menschen heute oft «besser informiert und sensibilisierter als noch vor ein paar Jahren», schreibt Caprez in ihrem Buch. Sie verweist dabei auf eine Zürcher Umfrage, die ergab, dass «26 % der weiblichen und 9 % der männlichen Jugendlichen nicht oder nicht ausschliesslich heterosexuell» leben.
Trotzdem stellen Erwachsene das Queersein junger Menschen immer wieder infrage – oft mit der Behauptung, sie würden einfach nur einem Trend folgen. Doch indem sie ihnen die eigene Identität absprechen, entziehen diese Erwachsenen – darunter oft sogar Vertrauens- oder Bezugspersonen – den Kindern und Jugendlichen genau das, was sie am meisten brauchen: Unterstützung und Rückhalt. Gerade in dieser vulnerablen Zeit wäre es entscheidend, junge Menschen zu begleiten, statt ihre Erfahrungen kleinzureden.
Und genau hier setzt das 2024 erschienene Buch von Christina Caprez an. Einerseits soll es Menschen, die bislang keine Berührungspunkte mit queeren Personen hatten, einen Zugang zum Thema ermöglichen und Türöffner für mehr Akzeptanz sein. Andererseits soll es Repräsentation für queere Jugendliche schaffen, denen es oftmals an Vorbildern mangelt. Nicht zuletzt, weil das Thema Vielfalt im Sexualkundeunterricht oft nur oberflächlich oder gar nicht behandelt wird.
Die Autorin Christina Caprez und die Fotografin Judith Schönenberger porträtieren insgesamt 15 queere Kinder und Jugendliche. Ergänzt werden diese sehr persönlichen Geschichten durch Expert:innengespräche, die fundierte Hintergrundinformationen liefern und die Vielschichtigkeit des Themas verdeutlichen.
Da ist zum Beispiel Lia, der bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde. Doch Lia weiss: Sie ist ein Mädchen. Oder Samira, die schwer verliebt ist, sich aber nicht traut, ihre Gefühle mit ihren Eltern zu teilen. Oder Corsin, der kurzerhand selbst einen Treffpunkt für queere Jugendliche auf dem Land gründete, weil es kein entsprechendes Angebot gab.
Die Autorin bleibt dabei stets im Hintergrund; die Geschichten gehören den Kindern und Jugendlichen. Diese sprechen direkt, in ihrer eigenen Sprache, die alltagsnah und unverfälscht bleibt. Trotz der oft ernsten Thematik bewahrt das Buch eine gewisse Leichtigkeit. Es geht um Mobbing, Konflikte mit den Eltern und den Wunsch, einfach akzeptiert zu werden. Eigentlich ein Grundbedürfnis, eigentlich nicht viel verlangt und doch – so scheint es, manchmal zu viel.
Das Buch will Akzeptanz und Repräsentation schaffen – und genau das tut es auch. Doch ein fader Beigeschmack bleibt: Sollten so junge Menschen wirklich zu Held:innen werden müssen, nur weil die Gesellschaft ihre Verantwortung nicht wahrnimmt?
Und gerade jetzt ist es wichtig, Farbe (und Flagge, lieber St.Galler Stadtrat) zu bekennen und der queeren Community den Rücken zu stärken, ohne Wenn und Aber.
Caprez Christina: Queer Kids. Limmat Verlag, Zürich 2024.
Lesung von Christina Caprez und anschliessendes Gespräch in der Reihe «Gender Matters», 11. März, 19-20.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen
queerkids.ch
Christina Caprez (*1977) ist Soziologin, Historikerin und freie Journalistin. Sie realisiert Radio-, Film- und Buchprojekte zu Familie, Migration, Religion, Geschlecht und Sexualität. Die Idee zu ihrem Buch Queer Kids entstand bei einem Workshop mit dem Verein ABQ.
Judith Schönenberger (*1977) ist Künstlerin, freischaffende Fotografin und Gymnasiallehrerin für Bildnerisches Gestalten. Sie leitet den gestalterischen Vorkurs der «neuen schule für gestaltung bern» und ist als Dozentin für Fotografie tätig. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Geschlechtsidentität und der Auflösung von Geschlechtergrenzen.
Mit dem Stück Paul* werden queere Themen in Theaterform in die Schulen gebracht. Es fordert nicht nur die Klasse, sondern auch den Schauspieler heraus.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.