Andrea Leutenegger – seit Samstag hat St.Gallen einen neuen Bürger, bzw. eine neue Bürgerin, und hier fängt das Problem bereits an: Mann oder Frau? Andrea ist hierzulande ein ‚geschlechtsneutraler‘ Name. In der Schweiz sind Eltern bei der Namensvergabe ihres Kindes deshalb rechtlich gezwungen, mit einem zweiten Vornamen dessen Geschlecht zu definieren.
Die Angabe des Namens ist in westlichen Staaten neben Nationalität und Geburtsdatum die Minimalanforderung, um als natürliche Personen identifiziert werden zu können. Der britische Netz-Künstler Heath Bunting, welcher aktuell in der Ausstellung der Kunsthalle St.Gallen rund um das Darknet vertreten ist, hat mit seinem «Status Project» im Laufe der vergangenen zehn Jahre eine riesige Datenbank aufgebaut, mit deren Hilfe er untersucht, wodurch persönliche Identität in westlichen Gesellschaften definiert wird.
In vier Stunden zu einer neuen Identität?
In Grossbritannien kann er damit relativ einfach neue Identitäten kreieren: Mit Fake-Briefkästen besorgt er sich Postadressen, dank denen er in den Besitz von Kundenkarten grosser Warenhäuser gelangt. Mit diesen wiederum holt er sich beispielsweise Bibliothekskarten. So arbeitet er sich im System hoch und kreiert unterschiedliche Identitäten, die in den digitalen Netzwerken und administrativen Systemen des Staates leben. Bunting hinterfragt mit diesen Aktionen und den gesammelten Informationen Klassensysteme und die Macht der Staaten und des Kapitals.
Heath Bunting, geb. 1966, lebt und arbeitet in Bristol.
ImWorkshop am vergangenen Samstagnachmittag in St.Gallen wollte Bunting versuchen, eine Schweizer Identität zu kreieren. Nach allgemeineren Diskussionen verbreitet sich Hektik, gemischt mit Ratlosigkeit: Welche Schritte müssen als erstes ausgeführt werden, um welche Ziele zu erreichen?
Die rund 15 Personen anwesenden Personen, vom Kunststudenten über die Kuratorin bis zum pensionierten Datenexperten, teilen sich in Gruppen auf, Online und Offline. Am Ende des Workshops können wir Andrea Leutenegger in unseren Kreis aufnehmen, wohnhaft an der Vadianstrasse 31, 9001 St.Gallen. Geboren am 13. Februar 1978, ausgerüstet mit Mailaccount und stolze Besitzerin einer Prepaid-Simkarte und einer Migros Cumulus-Karte, immerhin.
«Aktivismus bedeutet, gute Antworten zu finden» Heath Bunting versucht, das System zu seinem Vorteil zu nutzen, strategisch in der Tradition der Hacker: Sie greifen in ein System ein und machen damit bisher unsichtbare Prozesse sichtbar oder erzwingen eine Blickumkehr. Das kürzlich in der Reihe Edition digital Culture erschienene Buch Hacking beschäftigt sich mit der Rolle des Hacking in den Künsten. Heath Buntings Antwort auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Kunst und Aktivismus: «Kunst bedeutet, gute Fragen zu stellen – Aktivismus heisst, gute Antworten zu finden.»
Der spielerische Nachmittag in der Kunsthalle St.Gallen führte deutlich die Absurdität des von uns meist als ’normal‘ empfundenen Systems und dessen Regeln vor Augen. Das Bewusstsein dafür, wie die Bestandteile unserer Identität ineinander spielen, wurde gestärkt. Andrea Leutenegger scheint eine ermutigende Wirkung auf die Runde zu haben, eine der Erkenntnisse des Nachmittags: Es ist unsere Identität und nicht die des Staates – deshalb müssen auch wir über sie bestimmen können.
Andrea Leutenegger würde sich übrigens über Nachrichten freuen: Kommentare können in Form von Briefen oder Postkarten an die Vadianstr. 31, 9001 geschickt werden.
Hacking, Edition Digital Culture 2. Dominik Landwehr, Migros Kulturprozent (Hg.), Merian Verlag. 260 Seiten, 20 CHF.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.