Kategorie
Autor:innen
Jahr

Es raschelt in den Unterröcken

Schänis feiert seine 1050 Jahre Ersterwähnung mit einem Freilichttheater. In «D'Schtund vo de Zuekunft» dreht sich alles um den gestohlenen Wahlsieg der Liberalen im schicksalhaften Jahr 1847. Das Stück geht aber weit übers historische Nacherzählen hinaus.
Von  Roman Hertler
Ein Fest feministischer Selbsterkenntnis: Die «Jahrhundertfrauen» im Freilichttheater D'Schtund vo de Zuekunft in Schänis. (Bilder: pd)

Eine einzige purpurne Pracht, wie die Rosskastanie im Innenhof des Kreuzstifts Schänis derzeit blüht und die Scheinwerfer ihre Schatten umspielen. Es ist eine nordamerikanische Züchtung. Das passt: Auch die erste schweizerische Bundesverfassung ist stark vom amerikanischen Liberalismus geprägt. Doch wie jeder verklärte und romantisierte Entstehungsmythos wirft auch die historisch umstrittene Posse um die St.Galler «Schicksalsgemeinde» Schänis ihre Schatten.

Commedia Adebar: D’Schtund vo de Zuekunft

Freilichttheater im Kreuzstift Schänis. Weitere Aufführungen am 4., 6., 7., 10., 11., 13., 14., 17., 18., 20., 21. und 22. Mai.

Wettermeldung auf der Website beachten: commediaadebar.ch

Das hübsche Bild des Siegs über die Konservativen an der Kantonsratswahl vom 2. Mai 1847, bei der Schänis mit einem pfiffigen Streich zuerst dem Kanton und folglich der ganzen Eidgenossenschaft eine winzige, aber für den heutigen Bundesstaat entscheidende liberale Mehrheit verschaffte, bekommt aus heutiger Sicht mehr als nur ein paar kleine Risse.

Fortschritt und Einigkeit durch radikalen Liberalismus oder transmontane Rückbesinnung auf eine heile, gottgegebene Weltordnung, die es so gar nie gegeben hat? So stellte sich die plakative Frage damals, so stellt sie sich auch heute im Freilichtstück des Uzner Theatervereins Commedia Adebar D’Schtund vo de Zuekunft.

Aber das Stück stellt natürlich weitere entscheidende Fragen: Wessen Zukunft, wessen Fortschritt, wessen Einigkeit, wessen Freiheit wurde 1847 eigentlich verhandelt? Und wer hatte in der Gretchenfrage des Kulturkampfs überhaupt mitzureden? Gretchen, so die Antwort des Stücks, sicherlich nicht.

Dominik Gmür (o. rechts, Christoph Zürrer) bringt seine liberalen Mitstreiter, den Hirschen-Wirt (Daniel Emmenegger) und einen Philosophen (Bruno Pfyl), auf Linie.

Die von historischen Quellen inspirierte Rahmenhandlung ist rasch erzählt, ohne damit zu viel über das unterhaltsame Stück zu verraten: In Schänis tobt der Kulturkampf. Im «Hirschen» agitieren die Liberalen mit verleumderischen Plakaten. Und im «Rössli» intrigieren die Konservativen, wo sie versuchen, für ihre Sache den verzweifelten Wirt zu gewinnen, der sich im Namen der Wirtschaft – seiner Wirtschaft – nicht für eine Seite entscheiden mag. Lügen, Schmierenkampagnen, Drohungen, Erpressungsversuche – so funktioniert Politik auch in Schänis.

Einzig die Liebe vermag die tiefen Gräben, die Spaltungen der Gesellschaft, die bis weit ins Private reichen, zu überwinden. Jemand dreht heimlich die Uhr am Schänner Kirchturm eine Stunde zurück. Die Bezirksgemeinde auf dem Rathausplatz beginnt für jene mit Blick auf die Turmuhr eine Stunde früher. Die konservativen Mehrheitsbeschaffer aus Amden kommen eine Stunde zu spät. Die Stimmen sind bereits ausgezählt, das Wahlergebnis ist besiegelt.

Das Publikum mitten im Ring

Die Legende mit der verstellten Kirchturmuhr wird seit 175 Jahren erzählt, historisch verbürgt ist sie nicht. Überliefert hingegen sind die schmutzigen Kampagnen, die damals beide Seiten gefahren haben. Die Legitimation der Wahlen in Schänis wurde von konservativer Seite noch Jahre danach angezweifelt.

Uhrenvergleich bei den Konservativen: Leonhard Gmür (Walter Huber), sein Sohn Konrad (Geri Rüegg), Bauer Peter (Andi Widmer) und Dorfbewohner Karl (Roli Widmer) wundern sich über die fortgeschrittene Zeit.

Und im Theater wird es zum Schluss sogar dem einen oder anderen Liberalen unwohl ob der gestohlenen Wahl. Das ist aber nur eines von vielen kleinen Einzeldramen, die sich vor diesem Hintergrund abspielen: eine Geburt zu einer Stunde, die es eigentlich gar nicht gibt; die Auswanderungspläne des Sohns eines Konservativen, für den wahre Freiheit die Absenz von Parteimeinungen ist; Dorf-, Familien- und Liebesgeschichten, wie sie das ideologisch zweigeteilte 19. Jahrhundert schrieb.

Und mitten drin das Publikum. Es betritt den Innenhof des Stifts über die kreisrunde Bühne und befindet sich quasi direkt im Ring, dem Ort des politischen Geschehens. Die Stühle lassen sich frei drehen. Wenn der Schauplatz einer Szene wieder auf eine andere Seite des Kreises wechselt, rascheln rundehrum die Pellerinen, die bei der zweiten Aufführung nötig waren, weil kurz vor der Vorstellung noch ein heftiger Frühlingsschauer über der Linthebene niederging.

Und auf der Bühne rascheln die Unterröcke. Sie gehören den Marktfrauen, den «Jahrhundertfrauen» von heute, die tanzen, plaudern, die historische Szenerie kommentieren und sich ärgern darüber, dass den Männern egal ist, wie ihre Frauen über den ganzen Politzirkus denken. Zumindest das hatten die Liberalen und die Konservativen damals gemein: Die patriarchale Vorstellung, dass die Frau nur der schöpferisch verlängerte Arm des Mannes darstellt. Und so wird die liberale Frage im Stück korrekterweise auch zu einer Frage weiblicher Selbstermächtigung.

Feministische Selbsterkenntnis

Aus Protest gegen die schmutzigen Politgeschäfte der Männer schälen sich die Marktfrauen aus ihren Röcken, Schicht um Schicht, entledigen sich den patriarchalen Fesseln und erkennen darunter: «Das bin ja ich!» Das Stück lebt von starken Frauenfiguren, von Johanna Gmür (Claudia Rickenmann), der Frau von Liberalenanführer Oberst Gmür, zum Beispiel. Oder Elise Gmür (Maria Rüegg), Tochter des Konservativen Leonhard Gmür, die beim Wäscheaufhängen den Anfang von Beethovens Für Elise immer trotziger hinträllert, bis sie sie schliesslich wutentbrannt hinter der blühenden Kastanie verschwindet.

Elise Gmür (Maria Rüegg), Tochter des Konservativen-Chefs, mit ihrer Freundin Johanna Gmür (Claudia Rickenmann), die Gattin des Liberalen-Chefs.

Dass die Frauen 1847 noch nicht viel zu melden hatten, ist an sich noch keine grosse Erkenntnis. Doch ist es Autorin Rebecca C. Schnyder und Regisseurin Barbara Schlumpf gelungen, die historisch angelegte Dorfpolitkomödie mit Schwung und Raffinesse ins Hier und Jetzt zu holen. Die schauspielerischen Leistungen des Ensembles, das 2008 mit dem nationalen Theaterpreis für das «innovativste Landschafts-Theater der Schweiz» ausgezeichnet wurde, haben ihrerseits grossen Anteil an der gelungenen Inszenierung.

Eine besonders tragende Rolle kommt der fünfköpfigen Blaskapelle zu, die mal schwungvollen Dorfplatz-Marsch, mal Mani Matter schmettert und dann wieder düstere Klänge anstimmt, wenn im «Hirschen» oder auf dem Weg zum «Rössli» wiedermal die Stimmung kippt.

Die Requisiten sind beschriftete Kartonschachteln, was dem Stück zusätzliche komische Noten verleiht. Sie sind so allerdings auch wetteranfälliger. Aber das macht schliesslich den besonderen Reiz eines Freilichttheaters aus. Und dabei wäre schon allein die schöne Purpurkastanie im Innenhof des Stifts eine Reise nach Schänis wert.

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf