Die Situation im Hafen Piräus ist bizarr. Was von weitem aussieht wie eine Openair-Zeltstadt, ist ein Flüchtlingscamp. Rund 3000 Menschen leben zwischen Containern auf dem Asphalt, gleich neben der Anlegestelle von Fährschiffen. Wer Glück hat, hat sich einen Platz im ausgedienten Lagerhaus oder in einem Wartehäuschen ergattern können. Wind, Regen und auch die griechische Sonne sind nur so erträglich.
Seit der Schliessung der Balkanroute und wegen der drohenden Rückweisung in die Türkei harren die Menschen hier aus, meist aus Syrien (davon viele ursprünglich aus Palästina), Irak und Afghanistan kommend. Es gibt nur wenige mobile WCs und Duschen und einen einzigen Schlauch mit fliessendem Wasser, um Kleider zu waschen.
Die griechische Flüchtlingspolitik hat sich verschärft. Jeweils am Morgen kommt das Militär und fordert die Familien auf, in offizielle, neu errichtete Camps zu dislozieren. Einige Gruppen lassen sich überzeugen, andere weigern sich. Niemand versteht, wieso sie in ein nächstes Camp wechseln sollen. Ihr Ziel ist Nordeuropa, denn da haben sie vielfach bereits Familienangehörige.
Das Essen reicht nicht für alle
Für die von der Türkei tolerierten Schlepperüberfahrten – so versuchte die Türkei Druck auf die EU zu machen – hätten sie viel Geld bezahlt. Wie viel, das wolle ich gar nicht wissen, meint ein Familienvater aus Syrien. Sie habe noch Hoffnung, aber um es hier aushalten zu können, müsste sie wissen wofür und wie lange, meint eine alleinflüchtende Mutter mit ihren zwei Buben. An ein Zurück sei nicht zu denken, auch wenn der Rest der Familie noch in Damaskus sei. Mit ihnen hat sie Kontakt. Sie deutet auf ihr Handy, während sie sich mit der anderen Hand die Tränen aus den Augen wischt.
Die Essensrationen, verteilt von offizieller Hand (meist abgepackte Pasta und Brot dazu), werden täglich weniger. Es reicht nicht für alle. Nicht nur deswegen, auch weil nachts weiter Flüchtlinge (zum Teil zurück) nach Piräus kommen, erlebe ich die Situation als zusehends angespannt, Eskalationen sind nicht selten und für alle bedrohlich. Dank vielen Freiwilligen aus verschiedenen Ländern und auch dank der Mitarbeit der Flüchtenden werden Projekte realisiert, die sich für ein menschenwürdigeres Leben im Camp einsetzen.
Es gibt Schulstunden und andere Aktivitäten für Kinder, Nummern fürs Duschen (im 10-Minutentakt), damit stundenlanges Anstehen im Regen oder in der Hitze nicht mehr nötig ist – und selbstverständlich regelmässig Fussballspiele. Eine spanische Organisation verteilt Tee mit viel Zucker und gewährt Aufenthalt im grossen Zelt. Ein Neuseeländer hat die Aufsicht über das Warenlager, wo Hilfslieferungen einsortiert und entsprechend den Bedürfnissen wieder ausgegeben werden. Auch spontane Aktionen haben Platz, künstlerische Darbietungen sorgen für etwas Unbeschwertheit. Immer wieder bin ich beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der die Griechinnen und Griechen solidarische Zeichen setzen, trotz eigener Armut.
Mehr als einmal fahren Busse von Kreuzfahrtschiffen vor. Rob, ein Irländer, auch ein Volontär, macht sich zur Aufgabe, den Schaulustigen sanft beizubringen, dass Flüchtlinge sich nicht wie im Zoo fühlen sollen und dass sie die mitgebrachten Spielzeuge nicht einzelnen Kindern direkt übergeben.
Intimität auch ohne Sprache
Didi, die amerikanische Hebamme, die unser Projekt initiiert hat, ist erfahren mit Frauen und Kindern in Not. Sie arbeitet unabhängig, aber eng mit «Amurtel Greece for Refugees, Mothers and Babies» zusammen.
Meine Hauptaufgabe ist die Schwangerschaftskontrolle. Unter einfachsten Bedingungen, aber zumindest unter Ausschluss der Öffentlichkeit, versuche ich auf der viel zu kurzen Pritsche des Wohnwagens die Herztöne eines Ungeborenen zu hören, die Gebärmutter und die Lage des Kindes zu tasten. Auch ohne Sprache entsteht viel Intimität. Nicht viele können ausreichend Englisch. Dann bringen sie eine Bekannte zum Übersetzen mit oder wir greifen aufs Telefondolmetschen zurück, wenden uns an Frauen und gelegentlich auch Männer aus dem Camp, deren Handynummer wir haben.
An meinem zweiten Einsatztag kommt eine Frühschwangere. Sie habe in der vergangenen Nacht Krämpfe und Blutungen gehabt. Ich vermute, dass sie einen Abort erleidet oder bereits erlitten hat. Dank der Übersetzerin erhalte ich bald detaillierte Angaben, die mich bewegen, die Frau ins Spital zu verlegen. Im Notfall ist das möglich und glücklicherweise lässt sich auch ein Transport organisieren. Die junge Dolmetscherin begleitet uns. Trotz ihres Alters wirkt sie, als wüsste sie, worauf sie sich einlässt.
Bescheiden, aber stolz auf ihren Dolmetschereinsatz: die minderjährige Flüchtlingsfrau aus Syrien
Ich bitte sie, am nächsten Tag wieder zu kommen und zu berichten. Was sie auch tut: Leider habe die noch kinderlose Syrerin diese Schwangerschaft verloren, es war bereits das dritte Mal. Weil ich ihr am Tag zuvor nichts mitgegeben habe für Rückreise, Essen und Trinken im Spital, will ich ihr 20 Euro geben. Sie lehnt das Geld vehement ab. Es sei ihr eine Ehre zu helfen, sagt sie mit Nachdruck. Daraufhin bitte ich sie um ein Foto, damit ich es zu Hause zeigen und von ihr erzählen kann. Sie willigt strahlend ein.
Stillen unter Stress
Im zweiten Caravan kommen die Mütter, um ihre Babys zu baden: oft ein Genuss für alle. Alles ist sehr improvisiert, es gibt kein fliessendes Wasser und es muss im Teekocher erhitzt werden. Der Badewanne fehlt ein Abfluss.
Warten aufs Babybaden
Ein Problem wird mit den wärmeren Tagen deutlich absehbar: Weil die Kinder nicht ohne Hilfe zur Toilette gehen können, tragen auch grössere Kinder Windeln. Nicht nur sie, auch Babies leiden an Pilzbefall, vor allem im Genitalbereich. Zu Hause hätten sie für diesen Fall Baumwollwindeln, so würden die wunden Pos von alleine heilen. Unter den gegebenen Umständen sei dies aber nicht möglich, kommentiert eine Mutter aus Afghanistan. Deshalb sucht sie Hilfe im Medizinposten, der ebenfalls von Freiwilligen unterhalten wird. Allerdings fehlt da oft die adäquate Arznei.
Meine Aufgabe ist es auch, die Mütter zu überzeugen, ja nicht mit dem Stillen aufzuhören. Viele meinen, durch den Stress – Fachleute würden von Trauma sprechen – hätten sie kaum noch Muttermilch. Zudem ist es heiss und das Trinkwasser knapp. Trotzdem sollten sie nicht auf Pulvermilch ausweichen, denn unter den hygienischen Bedingungen im Hafen Piräus könnte das für die Kinder fatal sein. Wenigstens die Schoppenflaschen und Schnuller müssten ausgekocht werden können. Um die Stillenden zu bestärken, werden ihnen darum täglich Nahrungsergänzungen ausgeteilt. Doch die Vorräte gehen laut Didis jüngstem Facebook-Eintrag zur Neige, auch die Vitamine für Schwangere.
Wer geht nach Griechenland in die Ferien? Wer reist nach Athen und via Piräus z. B. auf die Inseln? Wer kann Hilfsmittel ins Hebammenprojekt bringen? Infos: Judith Eisenring, jeisenring@bluewin.ch, 079 323 94 29. Oder wer will direkt spenden? Amurt Hellas, Eurobank, IBAN: GR670260341000013010091704
Judith Eisenring, 1963, lebt in St.Gallen, ist Hebamme, Pflegefachfrau und Berufsbildnerin. Sie war von 25. April bis am 13. Mai als Freiwillige in Griechenland.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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