Der Spielfilm Akte Grüninger kommt Ende Monat in die Schweizer Kinos. Herausgekommen ist eine subtile Erzählung, die sich an die historischen Fakten hält, so gut sie kann und Mut beweist, wo dies nicht möglich ist.
Ich gebe zu, dass ich mir den Film Akte Grüninger mit einer skeptischen Haltung angesehen habe. Im Ernst: Ein Spielfilm über den St.Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger, der Anfang des Zweiten Weltkriegs hunderten, vielleicht tausenden von Menschen die Flucht aus Nazi-Deutschland ermöglichte – vermarktet von der Walt Disney Company, der Heimat von Mickey Mouse, Spider-Man und Star Wars?
Das klingt nach grossem Hollywood-Gestus, nach Pathos statt Sachlichkeit – nach Pocahontas und Hannah Montana. Vergleiche, die man im Zusammenhang mit einer der wichtigsten St.Galler Figuren des letzten Jahrhunderts ungerne machen will.
Erfolgreiche Gratwanderung
Zum Glück sind die Vergleiche völlig fehl am Platz. Akte Grüninger ist gut. Sogar saugut. Das Team um Regisseur Alain Gsponer (Lila, Lila und Das kleine Gespenst) und die Produktionsfirma C-Films (Grounding, Mein Name ist Eugen) hat die Gratwanderung zwischen historischer Faktentreue und narrativen Zwängen ohne gröbere Ausrutscher gemeistert.
Die Recherche sei intensiv gewesen, erfährt man von der Produzentin Anne Walser, man habe den Kontakt mit den wenigen verbliebenen Zeitzeugen gesucht. Und als historischer Berater hat Stefan Keller agiert – jener Journalist und Historiker, der gemeinsam mit Paul Rechsteiner die Rehabilitierung Grüningers in die Wege leitete. Mit Sicherheit die beste Adresse zu diesem Thema.
Trotzdem ist Akte Grüninger kein Dokumentarfilm – im Gegenteil. Es ist ein Spielfilm, der sich an historischen Fakten orientiert. Grüninger wird nicht überzeichnet, nicht zum Helden hochstilisiert. Dafür eigne er sich auch nicht, meint Walser. «Grüninger war eine stille Figur, nicht so wie zum Beispiel der schillernde Oskar Schindler. Entsprechend ist es auch ein Film geworden über einen kleinen Mann, der Grosses getan hat.»
Die Sache mit dem Dialekt
Der Berner Schauspieler Stefan Kurt verkörpert Grüninger denn auch grossartig mit stoischer Ruhe, mit zusammengebissenen Zähnen – und macht sich bei seiner Darstellung sogar die Mühe, in (fast) lupenreinen St.Gallerdeutsch zu sprechen. Ganz im Gegensatz beispielsweise zu Helmut Förnbacher, der den sozialdemokratischen Regierungsrat Valentin Keel (einen Ursanktgaller) in breitestem Baslerdeutsch gibt – ein Detail für Sprachfetischisten, für diese jedoch umso störender.
Selbst der narrative Trick, eine Figur in Form des Bundespolizisten Robert Frey einzuführen, um die Lücken in der historischen Forschung zu erklären (weswegen liess Keel Grüninger plötzlich fallen?) funktioniert. Auch wenn diese Figur äusserst hölzern daherkommt – nicht wegen der schauspielerischen Leistung von Max Simonischek. Sondern weil es sich die Drehbuchschreiber nicht verkneifen konnten, diesen sturen Beamten zu bekehren und ihn am Ende selber jüdischen Kindern zur Flucht verhelfen lassen. Wenn es einen Disney-Moment im Film gibt, dann hier.
Subtile und dramatische Klangkulisse
Eine der feinsten Handschriften, die sich durch den (nie langatmigen) Film zieht, ist die Musik. Ausgerechnet Elektrolegende Richard Dorfmeister (Kruder & Dorfmeister) hat einen Soundtrack komponiert, der unaufdringlich und trotzdem düster-melodiös den bedrohlichen Weg zum Untergang des Polizeikommandanten einrahmt. Nur in den wenigen klassisch-dokumentarischen Sequenzen des Films, in denen (pädagogisch) erklärt werden muss, was denn in Deutschland damals überhaupt vor sich ging, kippt die Musik ins Dramatische. Etwas zu viel für den erwachsenen Betrachter. Doch muss man das wohl in Kauf nehmen bei einem Film, der sich nicht zuletzt an ein jugendliches Publikum richten soll.
Grüninger war ein Held. Einer, der nicht zum Superhelden stilisiert werden soll. Er war ein einfacher Mann, der das Richtige tat. Diese Geschichte gerade auch für Junge zu erzählen, ist richtig. Denn sie darf nie in Vergessenheit geraten.
Kinostart ist der 30. Januar. Die Premiere von «Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers» findet am 24. Januar in St.Gallen statt. Ab 19 Uhr liegt der rote Teppich vor dem Kino Scala bereit. Infos zum Film gibt es hier.
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