Aus dem September-«Saiten»:
Von der Rollevon Andreas Kneubühler
Es ist der fünfte Tag des Filmfestivals von Locarno. Auf der Piazza läuft Bachir Lazhar, ein Spielfilm des Kanadiers Philippe Falardeau, der später den Publikumspreis gewinnen wird und bald in den Schweizer Kinos anläuft. Im Zentrum steht die Geschichte eines Flüchtlings, der sich ohne die nötigen Papiere – Aufenthaltsbewilligung, Arbeitserlaubnis, Lehrerdiplom – als Primarlehrer bewirbt und den Job erhält, weil die Schulleitung dringend eine Lehrkraft braucht. Es entwickelt sich eine berührende Geschichte, in der Klischees umschifft und plakative Wendungen vermieden werden. Es ist Unterhaltungskino mit Tiefgang, im besten Sinn ein Feelgood-Movie für das Studiofilm-Publikum.
Mit einem ganz anderen Anspruch – nämlich die Realität zu zeigen – war zwei Tage zuvor ein anderer Film im Wettbewerb angetreten. «Vol spécial», der Dokumentarfilm des Westschweizers Fernand Melgar, schilderte den Alltag im Genfer Ausschaffungsgefängnis Frambois und ist die Fortsetzung des 2008 gedrehten «La Forteresse», in dem das Leben in einem Empfangszentrum für Asylbewerber gezeigt wird. Melgar heimste dafür viel Kritikerlob und diverse Preise an Festivals ein. In beiden Filmen geht der Regisseur gleich vor. Er macht sich und die Kamera zu einem scheinbar unbeteiligten Beobachter, erklärt nichts, wertet nicht. In Frambois baute er zuerst ein halbes Jahr Kontakte zum Personal und zu den Insassen auf, bevor er überhaupt zu filmen begann. Das Gefängnis gilt als eigentlicher Musterknast und ist laut Presseheft beispielsweise nicht mit demjenigen in Zürich vergleichbar.
Der Präsident der Jury von Locarno, Paolo Branco, warf Melgar vor, einen «faschistischen Film» gedreht zu haben und «ein Komplize der Henker» zu sein. Der erste Vorwurf ist absurd, beim zweiten kann man sich mit sehr viel gutem Willen immerhin vorstellen, wie er darauf kommt. Im «Tages-Anzeiger» wird der Moment im Film, als die Protagonisten erfahren, dass einer der Auszuschaffenden auf dem Weg ins Flugzeug nach Nigeria geknebelt und gefesselt gestorben ist, folgendermassen beschrieben: «Als aus Zürich die Nachricht eintrifft, reagieren alle fassungslos. Auch die Aufseher.»
Melgars Kamera fing in dieser Szene Emotionen ein, die normal sind, schliesslich entsteht zwischen Flüchtlingen und Personal durch die langen Haftzeiten zwangsläufig eine Beziehung. Doch die Wirkung der filmischen Darstellung ist fatal: Es scheint, als wären alle gleichermassen vom inhumanen System betroffen. Die Grenze zwischen den Opfern und den Vollstreckern einer von Fremdenhass geprägten – und vom Stimmvolk abgesegneten – Politik ist nicht mehr sichtbar.
Der Film ist zudem ein Etikettenschwindel: Melgar zeigt gar keinen Vol spécial, keinen Ausschaffungsflug. Dass ihm dies vom Bundesamt für Migration mit einer willkürlichen Begründung untersagt wurde, erfährt allerdings nur, wer das Presseheft liest. Wie eine solche Zwangsausschaffung abläuft, zeigt hingegen ein Video der Organisation «augenauf». Wer es sich ansieht, kann sich «Vol Spécial» sparen – sollte aber Bachir Lazhar nicht verpassen.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.