2014 war ein gutes Literatur-Jahr für die Ostschweiz. Und das nächste wird vielleicht noch besser – zumindest institutionell: Ende Februar geht das Bibliotheksprovisorium in der Hauptpost auf, und Ende März lanciert die St.Galler Verlagsgenossenschaft VGS ihre neue Edition Literatur Ostschweiz mit dem Erzählband Durstland von Monika Slamanig.
Bis dahin müssen wir aber auch nicht auf den Büchergutscheinen hocken bleiben, die man uns zu Weihnachten erfreulicherweise geschenkt hat. Hier ein paar Argumente für Belletristik von Autorinnen und Autoren, die erst noch mehr oder weniger Berührungspunkte zu Saiten haben.
Angesogen, ausgespien – Kelters politische Lyrik
Jochen Kelter (Bild: pd).
Lyrik vorneweg: Schon vom Titel her springt der Gedichtband Hier nicht wo alles herrscht von Jochen Kelter ins Auge. «Hier nicht» könnte im Kelter’schen Fall auch heissen: «Mit mir nicht». Kelter, in Ermatingen und zum Teil in Paris wohnhaft, ist ein entschieden politischer und zeitkritischer Autor – da kann es schon mal vorkommen, dass «Köppel und Schawinsky / (die beiden Rogers) / Hand in Hand» Eingang in ein Gedicht finden. Anlass dazu ist die Abdankungsfeier für Hugo Loetscher im Zürcher Grossmünster, die Kelter in Versform rapportiert. Und zum giftigen Schluss kommt: «der Apéro ist von / der Stadt spendiert wir / gehen bald zum Cüpli / der Sommer endet jetzt / der Mann ist beigesetzt».
Die Themen der zu zehn Siebnergruppen geordneten Gedichte sind gewichtig, das Spektrum der Emotionen zwischen Glück und Wut ist weit, der Horizont reicht von Hochleistungsmedizin (im Gedicht Gesundheitsvorsorge) oder der Flüchtlingspolitik (Migration, mählich) bis zum mahnenden Erinnern an die Weltkriege (Aus zweiter Hand, Wannsee, 6. August). Der vielgereiste Autor reflektiert den Nahostkonflikt («Was können die Kinder / in Gaza dafür dass ihre Führer / dass die Führer ihrer Eltern / dass die Führer ihrer Grosseltern / mit dem Hirn im Mittelalter / stecken mit dem Herz in der Ehre / vermodern mit dem Fühlen / ihren Gotteskrieg suchen…»). Oder er schildert das Schicksal der Wanderarbeiter in einem Gedicht mit dem scheinbar harmlosen Titel Reisen im Süden:
Auf die Apfelernte
in Lérida im katalanischen
Hinterland im Oktober folgt
Die Orangenernte unten
in Valencia im November
kommt die Aceituna
In Jaen: Olivenernte in
Andalusien im Dezember
und nach einer Pause (seht
wo ihr bleibt) geht es im
Februar nach Huelva Erdbeeren
pflücken in Valencia
Hat es die Orangen verhagelt
in Jaen brauchen sie keine
Malier Algerier, Ivorianer
Angesogen ausgespien
aus kalten nicht bezahlten
Zimmern weitergestossen
Auf der traurigen Strasse
die immer nach Süden
und ins Nirgendwo führt
Dazwischen finden sich aber auch Naturbilder, Pariser Stadtimpressionen, musikalische Zeilen oder, immer wieder, bedenkenswerte Bilder vom Älterwerden. Kelters gehämmerte Verse reden, wie es der Titel eines der Gedichte passend zusammenfasst, mit gleichermassen packendem Tonfall Vom Sommer von der Liebe vom tätigen Leben. Leichte Kost sind sie allerdings nie. (Weissbooks Verlag Frankfurt, Fr. 27.90).
Gedicht-Pingpong
Claire Plassard (Bild: Michael Wiederstein).
Florian Vetsch (Bild: Ira Cohen).
Lyrik im Doppel legen Florian Vetsch und Claire Plassard, beide der Saiten-Leserschaft wohlbekannt, im Band Steinwürfe ins Lichtaug vor. Die beiden (Lehrer und Ex-Schülerin, Jahrgang 1960 beziehungsweise 1990) haben sich über zwei Jahre hinweg Gedicht-Pingpong-Bälle zugespielt, je 32. Ein Stichwort gibt das nächste, die Assoziationen sind teils naheliegend, teils kryptisch, der Unterhaltungswert ist, zumindest für Lyrik, bemerkenswert hoch. Entsprechend launig würdigt im Nachwort Felix Philipp Ingold, eine der grossen Stimmen schweizerisch welthaltiger Lyrik, die «doppelte Tagebuchführung» der beiden. Und stellt unter anderem amüsiert fest, dass Plassard offensichtlich am Schreibtisch schreibt und ihre Texte «sichtlich strenger» bearbeitet als ihr Korrespondent, «der seine Verse wohl eher irgendwo unterwegs auf dem rechten Knie oder in einer Bar auf dem erstbesten Bierdeckel notiert».
Wo auch immer entstanden: Die lyrischen Steinwürfe sind samt Nachwort lesenswert und erst noch wohlfeil (Moloko Print Pretzien, Fr. 17.50). Hier ein Pingpong-Ball von Claire Plassard, betitelt mit «Akrostichon auf den sicheren Wert» und datiert auf den 20. Juli 2013:
Ich feiere
Mich selbst durch alle Tage
Mir eigen
Einzig optimistische Härte
Ringend um jeden Atemzug –
Prosa im Rückblick
Wem Gedichte zu leicht oder zu schwer auf dem Magen liegen: Das Ostschweizer Prosajahr 2014 war auch nicht zu verachten. Hier ein paar Erinnerungen.
Dorothee Elmigers Schlafgänger schon gelesen? Sonst unbedingt nachholen und genug Lesezeit einberechnen für den zugleich sperrigen und groovenden Rede-Text über Grenzen und Flüchtlinge, Mauern und Körper, das Campieren in den Wäldern, den Verlust des Schlafs und andere sonst in der Literatur (und in der politischen Diskussion) vernachlässigte Zeit-Erscheinungen. Das Buch mit Migrationshintergrund beharrt auf der gemeinsamen Verantwortung für den Zustand der Welt und die Lage der Ausgegrenzten: «Wir stehen alle in einem so oder so gearteten Zusammenhang». (Dumont-Verlag Frankfurt, Fr. 26.90)
Grossen Erzählatem hat der im Mai erschienene Paraguay-Roman Vom Verschwinden von Erica Engeler. Das Buch der St.Galler Autorin könnte die Etikette «Innerlichkeit» erhalten, doch werde dies dem Text nicht gerecht, schrieb Eva Bachmann damals in Saiten: «Die Antennen sind nach aussen gerichtet, und so gelingt es, durch die Augen und Ohren von Dora sehr viel über Südamerika und St.Gallen, über die Geschichte und die Gegenwart, das Verschwinden-Wollen und das Verschwinden-Lassen zu erzählen.» (Bilger-Verlag Zürich, Fr. 34.-)
Die Doyenne der Ostschweizer Literatur nicht zu vergessen: Helen Meier hat Anfang Jahr Kleine Beweise der Freundschaft vorgelegt, eine Sammlung unerbittlicher Beobachtungen und Reflexionen ohne Halbwertszeit. (Xanthippe Verlag Zürich, Fr. 26.90)
The Best of Tarantino gefällig? Der Titel führt auf eine (allerdings falsche) Filmfährte – es geht in der in der SJW-Reihe erschienenen Jugendgeschichte um Lolo, die für zwei Jahre von Zürich weg in ein Schloss am Bodensee umgezogen ist. Ihre Eltern sind meist abwesend, sie muss sich um den Schlosshund kümmern: Tarantino, den dümmsten Hund der Welt. Dessen Abenteuer hat sich die in Arbon lebende Autorin Andrea Gerster ausgedacht, die Zeichnungen stammen von Lika Nüssli (SJW-Verlag, Fr 5.-).
Schon Hanteln gestemmt und über das Leben philosophiert mit Andreas Niedermann? Falls nicht, würden wir ein paar Trainings- und Lese-Einheiten dringend empfehlen. Der in Wien lebende St.Galler Autor schreibt in Von Viktor zu Hartmann erfahrungsgesättigt über körperliche und geistige Ertüchtigung. (Songdog-Verlag Wien, Fr. 18.-, Leseprobe hier.)
Gleich mehrere Prosadebüts zeigen: Im Thurgau wird geschrieben wie wild. Zu Christian Rechsteiners Weinberger-Archiv (Muskat Media Romanshorn, Fr. 23.50, Besprechung hier) oder Bettina Wohlfenders Roman Das Observatorium (Müry Salzmann Verlag Salzburg, Fr. 28.90) kam im Herbst das Debüt der Thurgauer Bloggerin (und Saiten-Vorstandsfrau) Zora Debrunner Lavinia Morgan, Privatdetektivin hinzu. Wer hat die alte Mrs. Brighton mit der Hutnadel getötet? Wie hat der Tierarzt seinen Kopf verloren? Und leben Dienstmädchen gefährlich? Solche Probleme beschäftigen Lavinia, eine junge Privatdetektivin, die im England der 20er-Jahre erwachsen wird und sich in den grossen schwedischen Meisterdetektiv Curtis Johansson verliebt. (Vidal Verlag Winterthur, Fr. 21.50, Leseprobe hier.)
Schliesslich: Adrian Riklin, St.Galler in Zürich, beantwortet die Frage Warum es in Rom keine Hochhäuser gibt – so heisst der Titel seiner ursprünglich 2003 entstandenen Erzählung, die gerade in Buchform erschienen ist. In einer ungewöhnlichen Form: nämlich in vierfach unterschiedlicher Typographie gestaltet von Helen Ebert (Eigenverlag, Fr. 37.90). Der poetische, hitzeflimmernde Vierfach-Text hat am 31. Januar in St.Gallen (Point Jaune) Buchpremiere – mehr dazu im Januar-Heft von Saiten.
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.