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Geschichten von Widerstand und Solidarität erzählen

Die Stadt St. Gallen will auch die dunklen und heiklen Kapitel ihrer Geschichte sichtbar machen. Mit dem «Weg der Vielfalt» sollen Orte markiert werden, die Migrations-, Frauen-, Kolonial-, Diskriminierungs und queere Geschichten erzählen. Ein Gespräch mit Archivarin und Fachgruppenmitglied Judith Grosse.
Von  Roman Hertler
Judith Grosse, 1985, ist Historikerin mit Schwerpunkt Geschlechter-, Wissens- und transnationale Geschichte. (Bilder: Dan Van de Gaer)

Im «Black Lives Matter»-Sommer 2020 reichten sechs St.Galler Stadtparlamentarier:innen von SP, Grünen und GLP ein Postulat ein. Auch in der Schweiz waren Gebäudenamen und -verzierungen, die an koloniale Verquickungen erinnern, in den Fokus gerückt. In St.Gallen beispielsweise das «Haus zum Mohrenkopf» oder das «Haus zum Möhrli». Die Postulant:innen bezweckten allerdings nicht den Sturz von Denkmälern, sondern das Lernen aus der Geschichte und die Wissensvermittlung.

Im Vorstoss wurde der Stadtrat eingeladen, sich kritisch mit dem historischen Erbe der Stadt zu befassen. Die Parlamentarier:innen wünschten sich einen «Weg der Vielfalt», der diese Geschichte aufnimmt und öffentlich sichtbar macht. Der Stadtrat folgte dem parlamentarisch sehr breit abgestützten Anliegen und setzte eine Fachgruppe ein (mehr dazu unten).

Saiten: Was bezweckt der «Weg der Vielfalt»?

Judith Grosse: Wie wir Geschichte erzählen, ist stark von Machtverhältnissen geprägt und immer im Wandel. Uns ist wichtig, dass jetzt andere Orte und Begebenheiten über die Stadt in den Fokus rücken als die altbekannten Gründungsmythen und Textilerzählungen. Die gesellschaftliche Vielfalt soll abgebildet werden. Zum Beispiel die migrantische Geschichte, welche die Stadt schon seit über 100 Jahren mitprägt: Wer erzählt uns die Geschichte der Communitys? Wo wird sie sichtbar? Solchen Fragen gehen wir nach, wobei nicht nur die «dunklen» Kapitel erzählt werden sollen, sondern auch ermutigende Geschichten von Solidarität und Widerstand.

Im August hat die Stadt – wenn auch etwas leise – die Bevölkerung dazu aufgerufen, sich zu beteiligen und solche Orte und Geschichten vorzuschlagen. Wie war der Rücklauf?

Wir hätten uns mehr Rücklauf, aber auch mehr Medienaufmerksamkeit erhofft. Es gab aber doch ungefähr 60 oder 70 Rückmeldungen. Die Fachgruppe hat den Aufruf über ihre jeweiligen Netzwerke gestreut. Und wir haben die Einreichefrist zweimal verlängert. Die allermeisten Rückmeldungen kamen schon aus dem Umfeld von Menschen und Organisationen mit einer gewissen Affinität für Stadtgeschichte. So sind doch ganz verschiedene, teils überraschende Themen zusammengekommen.

Zum Beispiel?

Zwei Personen haben unabhängig voneinander auf hermaphroditische Figuren an einem Hauseingang bzw. Erker hingewiesen. Für uns ist das Anlass, dem einmal nachzugehen, auch wenn wir den sozialhistorischen Gehalt nicht auf Anhieb einordnen konnten. Oder eine Person meinte, sie sei gegenüber der einstigen Strafanstalt St.Jakob aufgewachsen, und fragte, ob es stimme, dass früher dort auch Leute gehängt und Hexen verbrannt worden seien. Solches führt uns dann auch an andere Orte, zum Beispiel in die Mülenenschlucht, wo Hexen ertränkt wurden. Eine andere Person wollte wissen, an welchem Ort die Gastarbeiter:innen, von denen es gerade in der Textil- und Bauindustrie sehr viele gab, repräsentiert sind oder sein sollten.

Welche Themen haben dich persönlich überrascht?

Es gibt in der Stadt mehr Bezüge zum Nationalsozialismus, als ich gedacht hätte. Oder die Eingabe zur Taubstummen-Anstalt, der Vorläuferin der heutigen Sprachheilschule: Die Unterdrückung der Gebärdensprache und das Beharren auf der «oralen Methode» wurden hier erst ab den 1980er-Jahren öffentlich kritisiert. Das war mir nicht bewusst.

In der Medienmitteilung ist von «Betroffenengruppen» die Rede, die im Projekt miteinbezogen werden sollen. Wer ist damit gemeint?

Das sind einmal sicher migrantische Vereine oder Anlaufstellen für Integrationsprojekte, oder – neben anderen Religionsgemeinschaften – sicherlich die jüdische Gemeinde, auch die diversen Frauengruppen, die «Black Lives Matter»-Bewegung und Behindertenorganisationen. Das Feld ist sehr breit. Wir wollten das Projekt nicht von Beginn weg zu stark labeln und auf keinen Fall jemanden ausschliessen. Es ist zudem nicht abschliessend gedacht und kann weitergeführt und aktualisiert werden. Daraus könnten sich auch spannende Forschungs- und Vermittlungsprojekte für die OST, die PH oder die Uni ergeben.

Wie viele Orte sollen es am Schluss sein?

Wir waren jetzt bei ungefähr 150 Orten für den ersten Auswahlprozess. Für den Anfang wollen wir uns möglichst auf 80 Orte beschränken.

Gemäss Medienmitteilung gehören auch «Lücken und Absenzen» dazu. Wie macht man solche Geschichten, zu denen es keinen Ort oder keinen Gegenstand gibt, sichtbar?

Hier geht es vor allem um Geschichten, die bisher noch nicht oder zu wenig erzählt wurden. Orte dazu gibt es fast immer, wenn auch nicht unbedingt im öffentlichen Raum. Bei Frauen- oder queeren Geschichten ist der Ort halt oft einfach der Wohnort der Protagonist:innen, weil sich da gezwungenermassen viel im Privaten abgespielt hat. Die Wohnung der Lesbenaktivistin Margrit Bernhard war zum Beispiel so etwas wie ein queeres und feministisches Privatarchiv.

Öffentliche Diskussion über den «Weg der Vielfalt»:

18. Januar, ab 16:30 Uhr, Waaghaus St.Gallen

stadtsg.ch/vielfalt

Werden die Geschichten in der Datenbank thematisch kategorisiert?

So ist das vorgesehen. Bei den Eingaben konnte man eine Kategorie auswählen oder zusätzliche angeben, so geschehen etwa bei «Disability». Bei der Auswahl spielt die Kategorie eine Rolle, aber wir wollen nicht nach Quoten gehen. Wie viele Geschichten aus einer Kategorie vorkommen, sagt ja auch etwas über die Repräsentanz einzelner Themen aus. Aber wir schauen schon, dass aus allen Sparten genügend Geschichten dabei sind. Spannend wirds an Orten, zu denen es mehrere Eingaben gibt: Etwa der Schützengarten-Saal. Dort versammelten sich Frontisten und die italienische Gemeinschaft gleichermassen – natürlich zu unterschiedlichen Zeiten.

Wie funktioniert der «Weg der Vielfalt» für das Publikum? Die Rede ist etwa von QR-Codes an den Orten.

Die Vermittlung der Geschichten ist noch nicht abschliessend geklärt. Die Stadt hat erstmal ein System für die Datenerfassung inklusive digitalem Stadtplan aufgebaut. Wir kümmern uns jetzt einmal um die Geschichten, die im Sinne der Zugänglichkeit mit maximal 1000 Zeichen erzählt werden sollen. Wir klären auch, ob die öffentliche Datenbank ausreicht oder obs zum Beispiel noch eine App braucht.

Abgesehen vom unbestrittenen Engagement der Einzelpersonen: Die Fachgruppe könnte auch diverser aufgestellt sein.

Darüber haben wir diskutiert und uns auch um Diversität bemüht. Wir sind ja nicht als Privatpersonen hier, sondern als Repräsentant:innen der Institutionen. Und da sind wir durchaus breit aufgestellt. Aber klar: Welche Gruppen «schaffen» es denn in die Institutionen? Eine andere Frage ist, wie die Menschen von einem Thema «betroffen» sind und wie wichtig ihr Teilsein von einer bestimmten Gruppe oder Kategorie für ihr Leben und Wirken ist. Im Weiteren sind Betroffenengruppierungen auch sehr unterschiedlich organisiert. Nicht alle haben sich so starke Strukturen geschaffen wie zum Beispiel die italienische Community.

Wie gehts jetzt weiter auf dem «Weg der Vielfalt»?

Am 18. Januar gibt es im Waaghaus einen öffentlichen Anlass mit Stadtpräsidentin Maria Pappa, Projektkoordinator Samuel Zuberbühler und der Fachgruppe. Einladungen gehen an alle, die ein Thema eingegeben haben, und an die Organisationen, die wir bereits kontaktiert haben. Aber natürlich sind alle Interessierten willkommen. Nach einer allgemeinen Einführung kann man sich in kleinen Gruppen mit den einzelnen Fachgruppenmitgliedern über Orte und Geschichten unterhalten. Erst danach werden die Inhalte definitiv ausgewählt und multimedial aufbereitet. Im Sommer 2024 sollen die Geschichten publiziert werden.

Im der siebenköpfigen Fachgruppe «Weg der Vielfalt» sitzen: Katharina Morawek, Inklusions- und Diversitätsberaterin beim Institut neue Schweiz (INES); Rita Kesselring, HSG-Professorin für Urban Studies; Judith Grosse, Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozial­geschichte; Nicole Stadelmann, Co-Leiterin des Archivs der Ortsbürgergemeinde; Hans Fässler, Historiker und Stadtführer; Matthias Fischer, Leiter der städtischen Denkmalpflege, und Peter Tobler, städtische Dienststelle für Gesellschaftsfragen. Samuel Zuberbühler, Leiter der städtischen Standortförderung, koordiniert das Projekt.

Judith Grosse, 1985, ist Mitglied der St.Galler Fachgruppe «Weg der Vielfalt». Sie ist Historikerin mit Schwerpunkt Geschlechter-, Wissens- und transnationale Geschichte. Im Juli 2022 hat sie die Leitung des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz übernommen.

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