Saiten: Laut einer Studie leisten in der Schweiz jene 26 Prozent der Menschen ohne Schweizer Pass 32 Prozent der bezahlten Arbeit. Vielen Schweizer:innen ist das gar nicht bewusst. Ist das symptomatisch für dieses Land?
Myrsini Arvanitis: Symptomatisch vielleicht nicht, aber die Schweiz beherrscht die Kunst des Wegschauens schon sehr gut. Vielen fehlt das Interesse für jenen Teil der Bevölkerung, der Migrationsgeschichte in sich trägt. Zudem fehlt oft auch der Zugang.
Myrsini Arvanitis, 1985, arbeitet in der Geschäftsstelle des Instituts Neue Schweiz (INES) und ist Projektleiterin der «Tour de Nouvelle Suisse». (Bild: Sara Spirig)
Zurzeit werden Unterschriften für die Demokratie-Initiative der Aktion Vierviertel gesammelt, die eine erleichterte Einbürgerung fordert – ein heisses Eisen in der Schweiz.
Ja, leider herrscht die Idee vor, dass man sich den Schweizer Pass «verdienen» muss. Viele haben zwar ein Verständnis dafür, dass eine migrantische Person Teil der Gesellschaft ist, wenn sie seit Jahren hier lebt und arbeitet, aber sobald es um die Staatsbürgerschaft geht, hapert es mit dem Verständnis.
Der Pass wird religiös überhöht.
Oder zumindest wie ein höheres Gut behandelt, was völlig absurd ist. Immer noch herrscht dieses Denken von «Wir» und «Sie». Zudem sind die Einbürgerungsverfahren je nach Gemeinde und Kanton sehr unterschiedlich, teilweise fragwürdig und häufig willkürlich. Eine Bekannte in einer Thurgauer Gemeinde, die seit Jahren dort lebt und alle Personen in der Einbürgerungskommission persönlich kennt, wurde von gewissen Vertretern abgelehnt. Man kennt sich also seit Jahren, man lebt in Nachbarschaft, leistet seinen Teil und darf trotzdem nicht mitbestimmen? Dieses Machtgefälle ist mehr als befremdlich. Überhaupt: Wie kann es sein, dass jemand, der mich kennt, über meinen Aufenthaltsstatus bestimmt? In anderen europäischen Ländern ist die Einbürgerung ein rein administratives Verfahren und nicht so mit diesen Emotionen verbunden wie hier.
Du arbeitest in der Geschäftsstelle von INES. Wie sieht deine Vision der Neuen Schweiz aus?
Unser Slogan bringt es gut auf den Punkt: «Für alle, die hier sind und noch kommen werden.» Dort, wo dein Lebensmittelpunkt ist, sollst du auch Aufenthaltssicherheit und Teilhabe geniessen. Wir wollen, dass sich alle, die hier leben, frei entfalten können, so dass die Qualitäten und Fähigkeiten aller zum Tragen kommen für die gesamte Gesellschaft. Es geht auch darum, dass die Menschen, die dieses Land durch Mehrfachzugehörigkeit und transnationale Verbindungen mitprägen, ebenfalls Teil der Schweizer Realitäten sind, die es in all ihren Facetten ernst zu nehmen gilt. Damit ist das ganze Land gemeint, nicht nur eine Gemeinde oder ein Kanton, das greift zu kurz. Migration ist zuerst einmal eine Tatsache und keine Bedrohung für die «Identität» eines Landes, wie oft behauptet wird. Und sie kann eine Bereicherung sein. Wo unterschiedliche Köpfe und Perspektiven zusammenkommen, entsteht Neues.
Die «Tour de Nouvelle Suisse» ist eines eurer INES-Projekte. Was kann oder will sie beitragen zur Neuen Schweiz?
Wir wollen den Diskurs beeinflussen, indem wir verschiedene Menschen aus Zivilgesellschaft, Kultur, Politik und Verwaltung in Kontakt bringen und mit ihnen über ihre Ideen einer neuen Bürger:innenschaft diskutieren. Im Kern geht es darum, wie wir die besten Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben schaffen können.
Die Tour umfasst fünf Abende im November und Dezember. Eure Themensetzung ist breit: Es geht von Gastarbeiter:innen über Strategien gegen rechtsradikale Bewegungen bis zu postmigrantischer Geschichtsschreibung. Wie ist es zu dieser Zusammensetzung gekommen?
Die grosse Klammer ist das, was die Aktion Vierviertel mit ihrem Manifest einfordert: Eine Demokratie und damit auch ein vollwertiger Zugang zum Bürger:in-Sein für alle, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Für die Themensetzung der einzelnen Abende haben wir zudem bei lokalen Projekten und Gruppen in St.Gallen angeknüpft. Uns war es wichtig, mit bestehenden Netzwerken zu arbeiten. Unter anderem spannen wir mit dem Kollektiv Ostschweiz mit Migrationsvorsprung, dem Forum für Kritische Soziale Arbeit (Kriso) und dem Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte zusammen. Sie haben schon wichtige Vorarbeit geleistet und wissen, welche Diskurse in St.Gallen derzeit laufen. Es geht in dem Sinne auch darum, die verschiedenen Ansätze zusammenzudenken und uns in Gemeinschaftlichkeit zu üben, trotz unserer Unterschiede. Das scheint uns ein wenig zu fehlen und wir wollen dazu unseren Beitrag leisten.
Ein Schwerpunkt ist die Erinnerungskultur. Dafür habt ihr euch mit dem Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte zusammengetan.
Unter anderem, ja. Dessen Leiterin Judith Grosse hat den Archivbestand nach Migrationsgeschichten abgesucht. Dabei hat sich gezeigt: Es gibt mit wenigen Ausnahmen kaum Material zu Frauen mit Migrationsgeschichte. Was ja kein Zufall ist. Die Immigrationsgeschichte ist bisher kein Teil der Schweizer Geschichtsschreibung. Wir fragen: Wer schreibt die Geschichte? Wer prägt Erinnerungskultur? Wer sammelt was von wem in den Archiven? Um eine bessere Zukunft zu entwickeln, müssen wir verstehen, wer wir in der Gegenwart sind und hierfür auch in die Vergangenheit schauen. Und dafür braucht es Material. Wir möchten auch die Beziehung der Stadt zu ihrer eigenen Migrationsgeschichte mitprägen.
Ihr habt einen Aufruf gemacht, sich an dieser Materialsuche zu beteiligen. Was wollt ihr konkret?
Zwei Dinge: Am 1. November laden wir in Zusammenarbeit mit dem städtischen Projekt «Weg der Vielfalt» die Menschen dazu ein, von ihren Erinnerungsorten migrantischer Bemühungen um Rechte und Teilhabe zu erzählen. Diese Geschichten zeichnen wir auf und speisen sie, wenn gewünscht, in das Oral-History-Projekt mit dem Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte ein. Und am 16. November rufen wir zur Sammlung von Gegenständen, Texten und Fotos lokaler Akteurinnen mit Migrationsgeschichte auf, um das Quellenmaterial der Schweizer Einwanderungsgeschichte zu erweitern.
Was könnte das zum Beispiel sein?
Die Geschichte deiner eingewanderten Grossmutter, die in einer Textilfabrik in der Region gearbeitet hat. Vielleicht hast du das noch in Erinnerung, vielleicht hat es deine Familiengeschichte geprägt. Es kann aber auch die Geschichte eines Ortes sein, der dich in deiner Jugendzeit geprägt hat. Am 1. oder am 16. November kannst du davon berichten. Dabei geht es auch um Anerkennung. Gerade die ältere Einwanderungsgeneration musste sich hier viel gefallen lassen. Da ist noch vieles ungesagt. Wenn ihre Geschichten endlich Eingang in offizielle Archive finden, so heisst das auch, dass sich andere für ihr Leben interessieren.
Gibt es einen Plan, wie man diese vielfältigen Geschichten auch in die Schulen bringt? Es nützt ja nichts, wenn sie in den Archiven verstauben oder nur von denen gesehen werden, die sich ohnehin dafür interessieren.
Dafür müssten wir wohl die Verantwortlichen aus dem Bildungssektor mit im Boot haben …
… und um die Leute aus Politik und Verwaltung zu sensibilisieren, ist es wichtig, dass die «Tour de Nouvelle Suisse» nicht nur Leute aus der aktivistischen Bubble anzieht. Wie schafft ihr das?
Darüber haben wir uns viel Gedanken gemacht, darum haben wir sehr breit eingeladen. Am ersten Abend wird unter anderem Stadtpräsidentin Maria Pappa anwesend sein, und auch vom Abend im Archiv erhoffen wir uns eine gewisse Öffnung. Unser wichtigstes Instrument dafür ist aber der letzte Abend: das Stadtgespräch «Forum #Neue Schweiz» in der Grabenhalle. Es bringt Menschen aus unterschiedlichen Lebensrealitäten und Kontexten zusammen auf die Bühne.
INES Tour de Nouvelle Suisse:
1. November, 18 bis 22 Uhr: Vom Ausländer zur Bürger:in, Stadt und Palace St.Gallen
8. November, 19 Uhr: Strategien für mehr Demokratie, Palace St.Gallen
16. November, 19 Uhr: Frauen schreiben Geschichte, Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz
5. Dezember, 20 Uhr: Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Bürger:in, Kinok St.Gallen
14. Dezember, 19 Uhr: Stadtgespräch «Forum #NeueSchweiz», Grabenhalle St.Gallen
Infos und Programm: 2017.i-nes.ch/de/project/379
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
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Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.