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Go all the way #19

Ruth Wilis neuster Tagebuchbericht aus Varna in Bulgarien berichtet von Winter am Meer, von einem Vogelwunder. Und vom Eintauchen in den Moment. «Denn nachher sind wir wieder irgendwo.»
Von  Gastbeitrag

Auf den ersten 50 Metern eine Katze, die ich übersehen habe. Nicht so Pluto. Und in Folge Homer. Pluto hat eine blutige Schramme unterem Auge und beide Hunde das Adrenalin zuoberst. Und ich habe neun Kilo auf dem Rücken, ein plumper Käfer. Seit gestern ziehe ich den Rucksack wieder an für unsere Spaziergänge. Ich will mich wieder langsam daran gewöhnen, unser Trio zu führen mit Gewicht auf dem Rücken.

Für Pluto kommt demnächst das Tragtaschenmodell seines Geschirrs, und dann werde ich versuchen, ihn, möglicherweise auch beide, (wieder) ans Tragen gewöhnen. Die beiden lieben ihre Betten – ein Luxus, der ihrer Ruhe zugute kommt – und sie können sie, falls sie in die Taschen passen, selber tragen. Für mich kommt die Winterausrüstung wieder. Vera schickt sie mir. Zelt, Schlafsack und gute warme Klamotten. Denn seit einigen Tagen kann ich fühlen, dass wir in Georgien weiter zu Fuss unterwegs sein werden.

Wie denn sonst? sagt mein Herz. Aber ich hatte eine Weile keinen Zugang zu diesem Vertrauen. Die Wände rückten mir zu Leibe. Wozu der Stillstand? Ich fühlte mich abgeschnitten von unserem Weg. Traute uns gar nicht mehr zu, dass wir ihn gemacht hatten. Geschweige denn, dass Georgien möglich sei. Krass, das fing ganz langsam und schleichend an. Nun hab ich unsere Reise wieder, kann sie spüren in allem Nichtwissen. Und wir gehen, unter dem Leuchtstern: Ich akzeptiere, was die Situation ist, neue Routen. Da wird irgendwann in näherer Zukunft der schwankende Boden eines Schiffs unter uns sein und Möwen über uns, die bitte nicht zu jagen sind.

Richtungswechsel also!

Heute hat Pluto Mühe, runterzufahren nach der Katze. Das war wohl auch ein Jäger-Highlight, physischer Kontakt mit Beute… Ist, was er nun schon etwas ablegen konnte, wieder im Dauerfiepmodus. Bellt. Wegen allem und nichts. Beruhigungsmassnahmen fruchten für Sekunden. Hm. Wir gehen gerade an jedem Teilstück unseres Wegs die exaltierteste Version: Wo er mal wegen eines Hundes durchstartete, muss ers jetzt tun, obschon kein Hund da ist. Wo vor Wochen eine Katze eine Taube rupfte… Jedes Überschriebenhaben von Hotspots scheint heute schlicht nicht stattgefunden zu haben. Und dazu die Erwartung, am Strand zu laufen.

Wir drei in Stop and Go. Zwei Meter, Pause mit Sitzen, zwei Meter, längere Pause. Heute wirkts nicht einmal nachhaltig, ihn an mein Bein zu drücken, die Hand auf seine Brust gepresst. Normalerweise ist dieser physische Kontakt das, was ihn zur Besinnung bringt, beruhigt. Heute nicht. Pluto reagiert auf alles ausser auf mich. Und seien es – ich kenne doch die Orte auch – Erinnerungen.

Was tun? Die beiden wollen bewegt werden. Ich entscheide, etwas Neues zu versuchen. Pluto erwartet jeden ehemaligen Hotspot mit solcher Fixiertheit, vielleicht kann ich das durchbrechen, indem ich keine seiner Erwartungen mehr bediene? Richtungswechsel also. Wir schlagen vorm Bahnhofgebäude einen spitzen Winkel und bewegen uns den Baracken entlang vom Meer weg. Irritation bei den beiden. Und: Zwei arg territoriale Hunde erwarten uns… Heute scheinen wir Herausforderungen gebucht zu haben. Wir bleiben stehen. Warten, ob sie sich beruhigen und zurückziehen. Es liegt endlos Müll rum hier, und ein Rudel Teenagerinnen breakdanced auf dem Perron. Kuhl!

Wir schaffens, an den Hunden vorbeizukommen, ohne dass es zu einem Gemenge kommt. Warum gerade jetzt jemand, von hinten kommend, Pluto – dieser wie auf Entzug Futter für seinen Irrsinnsmodus suchend – streicheln will? Ich sage der Frau, was ich davon halte, und sie zieht Leine. Wir stehen minutenlang, Pluto erst zwischen meinen Beinen, dann sitzend. Gut! Ein für mich noch nie dagewesendes Naturwunder überzieht uns plötzlich. Ein endloser Schwarm Vögel, keine Ahnung, was für welche. Schätze Amselgrösse. Für Tauben sind sie definitiv zu klein und zu flink. Laut. Und absolut furchtlos vor Autos und Lastwagen. Wir in Die Vögel. Wow!

Die Brücke

Ich entscheide, mit den Hunden auf die grosse Brücke Richtung Asparuhovo zu gehen. Mit Homer habe ich sie schon in einem Einzelrundgang erkundet, weiss, was uns erwartet. Da oben ist niemand. Der Fussgängerbereich zwar schmal, aber abgetrennt vom Verkehr. Einiges zu sehen, die Höhe ist für Pluto wohl eine Herausforderung, aber was immer sonst an Einflüssen da ist, ist nicht nah. Der Hinweg ist noch vollständig dem Stressmodus gewidmet, aber als wir am Ende der Brücke wenden, und erneut zum Zenit anzusteigen beginnen – die Brücke ist lang –, kann Pluto schnuffeln und schauen. Dinge, in denen er sich selbst überschlägt im Stressmodus. Da peitschen ihn die Impulse von Sekunde zu Sekunde woanders hin. Ich ziehe gerade dankbar für mich aus unserem Weg: Ruhig bleiben. Entscheiden, was dran ist (selbst, wenns ein Versuch ist) und Pluto ertragen und emotional halten im Stressmodus. Zwischendurch hinhocken lassen. Immer und immer wieder zeigen, wie es eine Möglichkeit gibt, zur Ruhe zu kommen. Ich spüre: Auch jetzt beim Zurück geht es noch nicht darum, etwas von ihm zu verlangen. Sondern nur darum, ihn nun schnuppern zu lassen, jetzt, als er wieder erlebt, dass man das tun kann. An mir orientiert gehen kommt nach der Brücke wieder.

Nun kriegt er die Höhe mit. Streckt den Kopf zwischen den Lamellen raus alle paar Meter, äugt und riecht in die Tiefe. Ich schiesse ein paar Bilder von den Hafenankränen, die mich, wo immer ich auf welche stosse, faszinieren. Homer geht entspannt (er kennt die Brücke ja schon) vor uns, kommt gelegentlich schauen, was bei uns läuft. Kommt ein Lastwagen, bebt die Brücke. Gewöhnungsbedürftig. Vor allem mit den ganzen Erosionserscheinungen, die sie zeigt.

Und dann taucht aus dem Nichts der Schwarm erneut auf, hüllt uns ein. Wir drei glotzen. Hier in unserer Fussgängerinnenspur hoch über der Erde hat selbst Pluto irgendwie keinen Schimmer mehr, welchem der Tiere er nachjagen wollen würde. (Er ist, im Gegensatz zu Homer, ein Vogeljäger). Oder ist es, dass er den Schwarm als ein Ganzes wahrnimmt, nicht als einzelne Tiere? Wir stehen nur da. Wenige Meter über und neben uns pfeilt die gewaltige Menge flinker Leiber durch. Wer gibt hier wohl den Impuls für Richtungswechsel? Das ist ein Wahnsinnsspektakel, umwerfend. Dass wir das mitten auf der Brücke erleben dürfen und den nicht enden wollenden Schwarm pötzlich als Ganzen unter uns haben… Fliegende Vögel von oben! Ohne Ende. Noch ein Goldstück: Denk nie, es sei kein Tag für Geschenke!

Winter am Meer

Noch einmal ziehen sie über mir durch, als ich in „meinem” pavillonartigen, verrauchten Café sitze auf dem Platz hinter der Kathedrale. Der Rauch fühlt sich irgendwie nostalgisch an. Ich liebe den Ort zum Schreiben. Vielleicht ist er nur zu dieser Jahreszeit so toll. Ohne Touristen und der blanken Sonne ausgesetzt. Geplant oder nicht hält dieses Stadtzentrum etwas Wunderschönes bereit im Winter. Die mehrspurige Verkehrsachse, die sich, von Süden über die Brücke kommend an der Kathedrale vorbei nach Norden durch die Stadt bahnt, ist wie ein überdimensioniertes, nur ganz minim schrägstehendes Becken für die Nachmittags- und Abendsonne. Zur Brücke hin fällt die Stadt leicht ab – wir wohnen schönerweise nahe von ihr –, und die Stadt tankt die Sonne förmlich, bis diese als grosser roter Ball hinter den Hügeln hinter der Brücke, durch die wir kamen, versinkt.

Die Nächte sind eisig. Der Winter hat Einzug gehalten, mit für mich unbekannter Feuchtigkeit. Nicht dass es gross regnet oder schneit. Es ist die Luftfeuchtigkeit. Offenbar sind viele Gebäude nicht unterkellert oder tauglich isoliert. Wachsender Schimmel grüsst in unserer unisolierten Küche. Aber die Vermieterin lässt sich nicht überzeugen, dass ein Feuchtigkeitsentzieher für die Bausubstanz wohl auf Dauer sinnvoller wäre als Chemie, die ich der Hunde wegen nicht einsetzen will. Hm. Ich tu mein Bestes mit Lüften und Heizen. Schliesse die Tür zur Küche meistens.

Winter am Meer. Die einzelnen Hauche Schnee oder Reif am Strand begeistern mich, die das Meer bloss verbunden mit Wärme kennt. Am Morgen sehen wir jeweils Salzwassereiszapfen an den Felsbrocken am Strandende.

Plutos Veterinär-Papier ist da. Und ich bin daran, den Impuls umzusetzen, mein Lager in St. Gallen auf ein Minimum zu reduzieren. Meine Einrichtung passt nicht länger zu mir. Nicht dass ich schöne Dinge nicht mehr mögen würde, ich freue mich sehr an Schönem! Aber ich will sie nicht mehr besitzen. Vor allem nicht, wenn nichts ausser ihre Schönheit oder ihr Marktwert sie an mich bindet. Es macht mich schwer und träge. Nun ist meine Herausforderung gerade, das Auflösen nicht emotionslos zu machen – ohne zu fühlen einfach alles weg! –, sondern die Bedeutung hinter den Dingen und das Loslassen zu begehen. Nicht mich abzuschneiden von meinem bisherigen Leben. Sondern spüren, was mir wirklich Bedeutung hat. Nebst dem Atelier, das Teil meines zukünftigen Lebens sein darf und soll, auch wenn ich null Ahnung habe, wie wir irgendwann physisch zueinanderfinden.

Wir bleiben noch in Varna, bis die Steuererklärung zu mir gefunden und ausgefüllt auf dem Rückweg ist. Meine persönliche kleine Grausedrude unter der Administration, die fürs Jahr gemacht sein will… Hier, weil wir hier eine Anschrift haben. Denn nachher sind wir wieder irgendwo. Dann ist dran, nochmal ganz neu Ja zu sagen dazu, wohin das Leben uns führt. Zu Fuss. Und diesmal offen, zu bleiben und Wurzeln zu schlagen, wo das Leben sich damit meldet, wenn es das tut.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor einem Jahr ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.

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