Kategorie
Autor:innen
Jahr

Godots Botin

Bild ohne Mädchen von Sarah Elena Müller erzählt die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs ohne Voyeurismus und Showdown. Und das ist auch gut so. Am Donnerstag liest sie in Frauenfeld.
Von  Corinne Riedener , 

«Godot! Auf Godot warten wir!»

«Wo ist denn Godo?», will das Kind wissen.

«Godot kommt nicht», sagt Ege mechanisch. «Wir müssen uns die Zeit vertreiben.» Er nimmt das Kind bei der Hand, und zusammen gehen sie am Ufer in Richtung Horizont. 

Das Kind in Sarah Elena Müllers Debütroman Bild ohne Mädchen mag Ege, den Nachbarn, einen abgehalfterten, alkoholkranken Medientheoretiker mit eigener philosophischer Praxis, in die aber nie jemand kommt. Es mag die bewegten Bilder dort, die Videoausrüstung, die Kabel und Geräte, seine Selbstgespräche über «Mobilitätsneurosen» und die «zugestellten Köpfe» der anderen. Das Kind mag es, dass Ege ihm auf Augenhöhe begegnet und bereitwillig Zeit mit ihm verbringt, was die Eltern nur selten tun. Meist sind sie mit sich selber beschäftigt. Aber das Kind ekelt sich auch ein bisschen vor Ege.

Die Geschichte spielt in einem linksalternativen, antiautoritär geprägten Milieu, irgendwo in einem Bergdorf, irgendwann Ende der 80er-Jahre, irgendwie im Mittelstand. Die Mutter des Kindes ist Bildhauerin, geht in ihrer Kunst auf. Der Vater, ein Biologe, setzt sich ebenso leidenschaftlich für den Naturschutz ein. Zuhause läuft Supertramp oder der Soundtrack von Hair, dafür kein Fernseher, anders als bei Ege, der immer da ist für das Kind, das Mädchen. Eges Partnerin Gisela hingegen, die fürsorglich seine Weinflaschen entsorgt, ist nur sporadisch da. Aber immer dann, wenn es Ege wiedermal schlecht geht. Gisela richtet ihre Tanz- und Bildungsreisen nach seiner Verfassung.

Die Vergangenheit im Kofferraum

Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass dieser Roman eine gewaltvolle Geschichte erzählt, die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs. Die Beklemmung wächst mit jeder Seite. Da sind die reformpädagogisch angehauchten Eltern, die einen «Heiler» konsultieren, wenn das Kind ins Bett macht und es mithilfe der «geschwollenen Anna» aufzuklären versuchen. Da ist Gisela, die gekonnt vor der wiederholten Erkenntnis flüchtet, dass Eges Interpretation der sexuellen Befreiung keine Grenzen kennt. Lieber fährt sie seine zweifelhafte Vergangenheit im Kofferraum spazieren. Und da ist das Mädchen selber, das keine Worte für all das findet, zuhause kein Zuhause hat, seine blutigen Nastücher sammelt und aus der Schule verschwindet.

Sarah Elena Müller, 1990, ist in Amden aufgewachsen und lebt in Bern. Sie ist Teil des Mundart-Pop-Duos Cruise Ship Misery, Beatmakerin für die kongolesische Rapperin Orakle Ngoy und Mitbegründerin des feministischen Autor*innenkollektivs RAUF. Zuletzt erschien von ihr Culturestress (Der gesunde Menschenversand, 2021). (Bild: Laura Stevens)

Seite um Seite, Kapitel um Kapitel geht es so weiter. Aus dem Kind wird ein Mädchen wird eine junge Frau – wann kommt der Showdown? Dieses Warten ist schier unerträglich. Und so vergeblich wie bei Godot, auf den der Roman immer wieder zurückkommt. Bis zum Schluss wird weder Klartext geredet noch Klartext geschrieben. Man kann nur vermuten.

Sarah Elena Müller spielt literarisch Godots Botenjungen – und das gekonnt und lesenswert, sofern man sich darauf einlassen kann. Sie verwebt zwei Tonarten: eine einordnende, erzählerische und eine assoziative, kindliche. So ergibt sich zunehmend ein Gesamtbild, das mehr Gefühl als Geschichte ist. Eine tragende Rolle spielt dabei die Figur des Racheengels, den das Kind für sich erfindet. Er ist Sprachrohr und Gegenüber zugleich, hilft den Lesenden beim Verstehen und dem Kind, sich zu akzentuieren.

Scheinbar naiv

Schwere Themen wie Gewalt und Missbrauch kann man auf verschiedene Arten anpacken. Lieblingstochter zum Beispiel, der ebenfalls fiktive Roman der Walliserin Sarah Jollien-Fardell, der in Frankreich ein grosser Publikumserfolg war und kürzlich auf Deutsch erschienen ist, besteht praktisch nur aus Klartext. Ihre Sprache ist roh und drastisch. Das muss man aushalten können, aber es wirkt gleichzeitig auch befreiend, weil Jollien-Fardell der Wut 200 Seiten lang freien Lauf lässt.

Sarah Elena Müller: Bild ohne Mädchen, Limmat Verlag, Zürich 2023

Lesung: 20. April, 19:30 Uhr, Buchhandlung Marianne Sax, Frauenfeld

Reservation unter: lesefeld.ch

Sarah Elena Müller geht sprachlich subtiler vor. Der tastende, träumerische, scheinbar naive Stil giesst die Isolation, das hilflose Schweigen und die Tatenlosigkeit dieser Nachbarschaft förmlich in Blei. Und lässt Wahrheiten aufscheinen. Auch das muss man aushalten. Aber es lohnt sich, denn Bild ohne Mädchen liest sich dadurch nie wertend oder voyeuristisch, was sonst selten der Fall ist und dem gesellschaftlichen Diskurs über die Mechanismen von Missbrauch guttut. Dabei geholfen hat sicher auch, dass Sarah Elena Müller für die Recherche zu diesem fiktiven Roman lange mit Opfern und Tätern gesprochen hat.

Man täte dem Buch aber Unrecht, würde man es nur auf die Missbrauchsgeschichte reduzieren. Bild ohne Mädchen thematisiert auch wie beiläufig das sich wandelnde Frau-Sein seit den 60er-Jahren. Angefangen bei der pflegebedürftigen Grossmutter, die ihre Bürde still ertragen hat, über die früher einmal aktivistische Kunstmutter – die «Doktor Meier»-Beerdigungsaktion ist goldig! – bis zur Tochter, dem Mädchen, das sich vom «Unterhoseninhalt» nicht vorschreiben lassen will, wann es was sein will. Und es holt sicher viele ab, die in den 80ern- und 90ern in einem ländlichen Umfeld aufgewachsen sind. Wer kennt sie nicht, die Rivalitäten zwischen den verschiedenen Traktorenfraktionen, «die Fehde zwischen den Aebi- und den Metrac-Kindern», oder andernorts: Fendt vs. Fiat.

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,