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Gut gefedert

Im Gewerbemuseum Winterthur fächert sich ein ganzes Universum rund um ein kleines, filigranes Objekt auf: die Feder. Die Ausstellung zeigt: So leicht sie sind, haben Federn Gewicht – politisch und ökologisch. von Marlen Saladin
Von  Gastbeitrag , 
Bild: Bernd Grundmann

Gleich als erstes fällt der Blick auf ein Bild aus lauter Federn, fein säuberlich zu einer grossen Spiralform angeordnet. Es ist das gesamte Federkleid eines weiblichen Spechtes, die Anzahl der Federn: etwa 3000. Schon hier wird die Aufmerksamkeit auf die Schönheit und Feinheit dieses perfekten Naturphänomens gelenkt – eine Absicht, die diskret hinter der gesamten Schau zu stehen scheint und zum genauen Hinsehen und Staunen einlädt.

Welche Natur und welche kulturelle Bedeutung haben Federn, wovon sprechen sie, wie werden sie in der Kunst verwendet? Das sind Fragen, die die Ausstellung «Federn: wärmen, verführen, fliegen» aufgreift. Man mäandert durch die trotz der Vielfalt überschaubar und luftig gestalteten Räume und lässt sich von dem anziehen, was einem ins Auge springt.

Da ist zum Beispiel ein Objekt der britischen Künstlerin Kate McGwire, das von der Form her an ein überdimensioniertes Schneckenhaus erinnert. Es ist auf der einen Seite mit weissen Taubenfedern bedeckt, auf der anderen stehen igelgleich die grauen Federstiele in die Luft: ein stilles, schimmerndes Wesen mit einer eigenartig abschreckenden Seite. Es vereint in sich die widersprüchlichen Emotionen, die in der westlichen Kultur der Taube entgegengebracht werden – Bewunderung für das Reinheits- und Friedensymbol neben Ekel vor den «rattes volantes», den fliegenden Ratten der Grossstädte.

Federn gegen Pipelines

Von Kunstobjekten zu Theaterkostümen, von alltäglichen Gebrauchsgegenständen wie Daunendecken oder -jacken zu ausgefallenen Designobjekten: Jedes Themenfeld im Zusammenhang mit Federn hat in dieser Ausstellung seinen gebührenden Platz.

Ein Schwerpunkt wird auf die kulturelle Wiederaneignung der Feder und des Federschmuckes in indigenen Völkern gelegt. Für die Native Americans sind Federn als rituelle Objekte mittlerweile ein identitätsstiftendes Symbol des erstarkenden Widerstandes gegen eine hegemoniale weisse Kultur geworden. Mit Musikvideos des amerikanischen Künstlers Supaman, in denen Bilder des Widerstandes gegen den Pipeline-Bau von Standing Rock aufgegriffen werden, öffnet sich so ein weiteres hochinteressantes Themenfeld.

Indigenas, Marcha das Mulheres, Brasilia, September 2019. (Bild: Douglas Freitas)

Nie fühlt man sich als Besucherin aber überwältigt von solchem Reichtum – auch deshalb, weil immer wieder auf die Feder als solche zurückgekommen wird: Auf ihre aerodynamischen Funktionsweisen im Vogelflug, den physikalischen Aufbau, die zahlreichen Varianten.

So leicht und filigran die Feder, so weitreichend die Symbolik, die sie durch die Jahrhunderte transportiert. Das Versprechen des Fliegens, das eine Feder enthält, macht sie zum Symbol einer Verbindung verschiedener Sphären. «Wer befiederte Flügel hat, kann Grenzen und Distanzen mühelos überwinden», heisst es in einem der Museumstexte:

Federn – wärmen, verführen, fliegen: bis 1. Juni, Gewerbemuseum Winterthur

gewerbemuseum.ch

In der Mythologie sind es geflügelte Wesen, die als Boten zwischen den Welten vermitteln. Als Vorgängerin des Stifts, die das Schreiben – dieses Navigieren in einer Fantasiewelt – ermöglicht, ist sie so auch zum Symbol der Dichtung geworden: Vielleicht hilft die Feder in der Hand (auch wenn es sich heute wohl eher um Stift oder Tastatur handelt), sich zu fokussieren und die Gedanken auf den Punkt zu bringen, den die Federspitze auf dem Papier markiert. Vielleicht muss das Gehör beim Schreiben so fein werden wie die einzelnen Härchen einer Feder, damit man die leisesten Veränderungen in den Luftströmungen der Fantasie wahrnehmen kann. Und vielleicht erinnert die Feder daran, dass es Wesen gibt, die auf solchen Luftströmungen mühelos zu gleiten verstehen.

Sorge um die Vögel

Jedenfalls schafft es die Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur, Faszination für diese Wesen zu wecken. Sie führt Besuchern und Besucherinnen die filigrane Beschaffenheit der einzelnen Feder genauso vor Augen wie die Verletzlichkeit der Vogelwelt insgesamt, indem ein kritischer Blick auf die Biodiversität geworfen wird. Was sind die Auswirkungen menschlichen Handelns und Wirtschaftens auf die Vogelbestände oder auf die Flugrouten von Zugvögeln?

Dieses Anliegen dringt durch all die staunenswerten Facetten der Ausstellung hindurch: der Vogelwelt Sorge zu tragen. Vielleicht kann eine solche Ausstellung dazu beitragen, dass die Menschen sich ihrer vielfältigen Verbindungen zu den gefiederten Tieren wieder bewusster werden. Die Vögel könnten heute, wenn wir achtsam genug sind, wieder zu Boten und Vermittlern werden – zwischen ihrer Welt und unserer.

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights