Der eine Band macht die Romane der «Trilogie der Gewalt», entstanden zwischen 1995 bis 2002 und bestehend aus Daskind, Brandzauber und Angeklagt wieder zugänglich. Das ist sehr verdienstvoll, denn die drei Romane unterstreichen die Wichtigkeit dieser Stimme in der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts. In ihrer Gewalt-Trilogie, die keine einfache Lektüre ist, verarbeitet die Autorin mit eindringlicher Radikalität nicht nur ihr Schicksal als Opfer des Programms «Kinder der Landstrasse».
Mariella Mehr: Daskind, Brandzauber, Angeklagt (Romantrilogie); Widerworte – Geschichten, Gedichte, Reden, Reportagen. Herausgegeben von Christa Baumberger und Nina Debrunner. Limmat Verlag Zürich 2017. Band 1 Fr. 32.-, Band 2 Fr.38.-. Auch als E-Book erhältlich. limmatverlag.ch.
Sie setzt sich, weit über das Biografische hinausreichend, mit hohem sprachlichen Können und grosser Gestaltungskraft mit den Erfahrungen einer zerbrochenen Identität und mit der Gewalt als zerstörerische Kraft auseinander. Unvermindert aktuell ist diese Trilogie im Kontext der Diskussion um die Fremdplatzierungen von Kindern und von Zwangsmassnahmen sowie angesichts der Diskriminierung (Stichwort: Stand- und Durchgangsplätze), der Fahrende in der Schweiz weiterhin ausgesetzt sind.
Wichtig ist aber auch der zweite Band, der unter dem Titel Widerworte Geschichten, Gedichte, Reden und Reportagen von Mariella Mehr versammelt. Er ermöglicht erstmals einen Ein- und Überblick in diese Aspekte ihres vielfältigen Schaffens. Präzisierend sei angemerkt, dass dies am wenigsten auf ihre Lyrik zutrifft. Es sind von ihr bereits mehrere Lyrikbände erschienen, so 2014 bei Einaudi Italienisch und Deutsch Jeder an seine Stunde gekettet («Ognuno incantenato alla sua ora»).
Mariella Mehr (Bild: Schweizerisches Literaturarchiv)
Herausgeberinnen sind Christa Baumberger, Publizistin und Kuratorin von Mariella Mehrs Archiv am Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, und die Literatur- und Musikwissenschaftlerin Nina Debrunner, die das Archiv erschlossen hat. Die beiden Herausgeberinnen sind auch mit Einleitungen und Beiträgen vertreten, weitere stammen von Anna Ruchat, Fredi Lerch und Martin Zingg. Hinzu kommen Fotos aus Mehrs Leben sowie Bilder und Zeichnungen von Meret Oppenheim und Walter Arnold Steffen.
Solothurner Literaturtage, So 13. Mai, 10.30 Uhr, Kino im Uferbau: Hommage an Mariella Mehr. Die beiden Herausgeberinnen präsentieren Fotografien und Filmausschnitte und sprechen mit Corina Caduff über Mariella Mehrs Lebenswerk. Der Schauspieler Günter Baumann liest Texte.
Das ganze Programm der Literaturtage vom 10. bis 13. Mai: literaturtage.ch
Der Band, passend eingeleitet von Mehrs Aussage «Ich tauge nicht für’s moderate Schreiben», ist in fünf Abteilungen unterteilt. Der erste Teil umfasst Rezensionen und Essays über Literatur. Lange bevor sie zu schreiben begonnen habe, sei Mehr, so Baumberger, eine Leserin gewesen, beeindruckt etwa vom Familienkonflikt in Annette von Droste-Hülshoffs Novelle Die Judenbuche. Im zweiten Teil, betitelt «Aufgehobene Geschichten», erweist sich die Autorin als Meisterin der kleinen Form und voll von sprachlicher Experimentierlust.
Berichte und Reportagen sind im dritten Teil zu lesen. Schon der Titel «Chronik aller am Leben Zugrundgegangenen» macht die Stossrichtung ihres journalistischen Schaffens deutlich. Bewegend hier ihr Nachruf für den Künstler Walter Arnold Steffen oder die Erinnerungen an ihre Mutter, von der sie – eine bleibende Wunde – im Rahmen von «Kinder der Landstrasse» brutal getrennt wurde. Im vierten Teil sind einige Reden und Politische Artikel zu lesen, darunter ihr den Abschnitttitel gebendes «Engagement für die Aufklärung» als aufstörende Antwort zu einer Rede von Bundesrat Flavio Cotti anlässlich der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1989.
«Mein Wort, geschält bis auf den Kern», der letzte Teil, ist zum Teil unveröffentlichten Gedichten gewidmet, von denen das Nachfolgende stellvertretend für den ihr eigenen lyrischen Ton stehen soll:
Auf meiner Haut die Blindenhand des Zweifels
wortentwachsen längst dem Tage hinterher
ruft Eisenlaub jetzt am Ort der Träume den Verstand erdrosselt:
es wird kalt in meinen Poren haust kein Lied und Stille spricht mich frei der Wölfe Laut.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative