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Hommage an Mariella Mehr

Am Abschlusstag der diesjährigen, 40. Solothurner Literaturtage wird Mariella Mehr aus Anlass ihres 70. Geburtstags mit einer Hommage geehrt. Im vergangenen Jahr sind im Limmat Verlag zwei Bände mit Werken der jenischen Autorin erschienen. von Richard Butz
Von  Gastbeitrag

Der eine Band macht die Romane der «Trilogie der Gewalt», entstanden zwischen 1995 bis 2002 und bestehend aus Daskind, Brandzauber und Angeklagt wieder zugänglich. Das ist sehr verdienstvoll, denn die drei Romane unterstreichen die Wichtigkeit dieser Stimme in der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts. In ihrer Gewalt-Trilogie, die keine einfache Lektüre ist, verarbeitet die Autorin mit eindringlicher Radikalität nicht nur ihr Schicksal als Opfer des Programms «Kinder der Landstrasse».

Mariella Mehr: Daskind, Brandzauber, Angeklagt (Romantrilogie); Widerworte – Geschichten, Gedichte, Reden, Reportagen. Herausgegeben von Christa Baumberger und Nina Debrunner. Limmat Verlag Zürich 2017. Band 1 Fr. 32.-, Band 2 Fr.38.-. Auch als E-Book erhältlich.
limmatverlag.ch
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Sie setzt sich, weit über das Biografische hinausreichend, mit hohem sprachlichen Können und grosser Gestaltungskraft mit den Erfahrungen einer zerbrochenen Identität und mit der Gewalt als zerstörerische Kraft auseinander. Unvermindert aktuell ist diese Trilogie im Kontext der Diskussion um die Fremdplatzierungen von Kindern und von Zwangsmassnahmen sowie angesichts der Diskriminierung (Stichwort: Stand- und Durchgangsplätze), der Fahrende in der Schweiz weiterhin ausgesetzt sind.

Wichtig ist aber auch der zweite Band, der unter dem Titel Widerworte Geschichten, Gedichte, Reden und Reportagen von Mariella Mehr versammelt. Er ermöglicht erstmals einen Ein- und Überblick in diese Aspekte ihres vielfältigen Schaffens. Präzisierend sei angemerkt, dass dies am wenigsten auf ihre Lyrik zutrifft. Es sind von ihr bereits mehrere Lyrikbände erschienen, so 2014 bei Einaudi Italienisch und Deutsch Jeder an seine Stunde gekettet («Ognuno incantenato alla sua ora»).

Mariella Mehr (Bild: Schweizerisches Literaturarchiv)

Herausgeberinnen sind Christa Baumberger, Publizistin und Kuratorin von Mariella Mehrs Archiv am Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, und die Literatur- und Musikwissenschaftlerin Nina Debrunner, die das Archiv erschlossen hat. Die beiden Herausgeberinnen sind auch mit Einleitungen und Beiträgen vertreten, weitere stammen von Anna Ruchat, Fredi Lerch und Martin Zingg. Hinzu kommen Fotos aus Mehrs Leben sowie Bilder und Zeichnungen von Meret Oppenheim und Walter Arnold Steffen.

Solothurner Literaturtage, So 13. Mai, 10.30 Uhr, Kino im Uferbau: Hommage an Mariella Mehr. Die beiden Herausgeberinnen präsentieren Fotografien und Filmausschnitte und sprechen mit Corina Caduff über Mariella Mehrs Lebenswerk. Der Schauspieler Günter Baumann liest Texte.

Das ganze Programm der Literaturtage vom 10. bis 13. Mai: literaturtage.ch

Der Band, passend eingeleitet von Mehrs Aussage «Ich tauge nicht für’s moderate Schreiben», ist in fünf Abteilungen unterteilt. Der erste Teil umfasst Rezensionen und Essays über Literatur. Lange bevor sie zu schreiben begonnen habe, sei Mehr, so Baumberger, eine Leserin gewesen, beeindruckt etwa vom Familienkonflikt in Annette von Droste-Hülshoffs Novelle Die Judenbuche. Im zweiten Teil, betitelt «Aufgehobene Geschichten», erweist sich die Autorin als Meisterin der kleinen Form und voll von sprachlicher Experimentierlust.

Berichte und Reportagen sind im dritten Teil zu lesen. Schon der Titel «Chronik aller am Leben Zugrundgegangenen» macht die Stossrichtung ihres journalistischen Schaffens deutlich. Bewegend hier ihr Nachruf für den Künstler Walter Arnold Steffen oder die Erinnerungen an ihre Mutter, von der sie – eine bleibende Wunde –  im Rahmen von «Kinder der Landstrasse» brutal getrennt wurde. Im vierten Teil sind einige Reden und Politische Artikel zu lesen, darunter ihr den Abschnitttitel gebendes «Engagement für die Aufklärung» als aufstörende Antwort zu einer Rede von Bundesrat Flavio Cotti anlässlich der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1989.

«Mein Wort, geschält bis auf den Kern», der letzte Teil, ist zum Teil unveröffentlichten Gedichten gewidmet, von denen das Nachfolgende stellvertretend für den ihr eigenen lyrischen Ton stehen soll:

Auf meiner Haut
die Blindenhand
des Zweifels

wortentwachsen längst
dem Tage hinterher

ruft Eisenlaub jetzt
am Ort der Träume
den Verstand erdrosselt:

es wird kalt
in meinen Poren
haust kein Lied
und Stille spricht mich frei
der Wölfe Laut.

 

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