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«Ich schaue den Bäumen beim Wachsen zu»

Himmel über Zürich von Thomas Thümena ist kein Stadtporträt, es ist ein Film über die ganze Schweiz, in der Armut und der Kampf dagegen immer noch vielfach unsichtbar sind. Sehr sehenswert. Die St.Galler Premiere ist am 6. Dezember im Kinok.
Von  Corinne Riedener
Fredi Inniger, der Bergler mit den lachenden Augen. (Bilder: Filmstills)

Am besten ists, wenns im Kochtopf nicht klimpert, wenn die Leute Nötli statt Münz durch den Spendenschlitz schieben. Jetzt in der Adventszeit trifft man die Musiker:innen der Heilsarmee auch in St.Gallen wieder. Sie sammeln Geld für Bedürftige. Klar, Nächstenliebe und Wertschätzung, ein offenes Ohr zu haben, sich Zeit zu nehmen, all das ist enorm viel wert. Aber die wichtigste Währung ist das Geld. In Thomas Thümenas Dokfilm Himmel über Zürich wird das schnell klar: Kafigipfel 2 Franken 35, Sack Zigis 8 Stutz.

Der Zürcher Regisseur und Drehbuchautor zeichnet ein so schmerzliches wie schönes Bild seiner Heimatstadt. Zwischen Hochglanzarchitektur und Gemeindesaal zeigt er die klaffenden gesellschaftlichen Schluchten, aber auch die warmherzige und unermüdliche Arbeit vieler Menschen, welche die soziale Not wenigstens ein bisschen aufzufangen versuchen.

Thümena begleitet Heilsarmeeoffizier Fredi und seine Frau Mirjam bei ihren Hilfseinsätzen und trifft dabei auf weitere starke Protagonist:innen. Diese sind wohnungslos oder sogenannt randständig und untereinander fast genauso hilfsbereit wie Fredi und seine «Salvation Army». Herausgekommen ist ein ergreifendes Stadtporträt mit starken Bildern. Beklemmend manchmal, ja, aber keineswegs eine traurige Angelegenheit.

Tragend: Fredi und Jürg

Da ist zum Beispiel der schwer schnaufende Jack, der an seinem Inhalator herumfummelt, während junge Highperformer mit Funktionskleidung in der Mittagspause an ihm vorbeijoggen. Er und Rollstuhlfahrerin Kheira sind ein eingespieltes Team, hocken oft rauchend vor dem Denner an der Langgasse. Als die Luft für Jack dann doch zu dünn wird und er ins Spital muss, darf sie ihn nicht besuchen, was für beide eine Belastung ist. Und da ist Josef, der ehemalige Marktfahrer mit dem Krüppelfinger. Eine alte, unbehandelte Verletzung. Auch ihn verschlägt es kurzzeitig ins Spital. Kaum wieder draussen, packt er sich am Bahnhof ein Bündel Gratiszeitungen und verteilt sie an der Chilbi den jüngeren Marktfahrer:innen.

Die tragenden Protagonisten aber sind Jürg und Fredi. Fredi, der sympathische Bergler und Heilsarmeeoffizier, dessen Augen immer lachen. Der immer ein paar aufbauende Worte auf den Lippen hat. Sich nie zu schade ist, um zuzuhören. Eine Schlange als Haustier hält, das Symbol des Aufbegehrens gegen den christlichen Gott. Und der betont, dass auch vermeintlich reiche Menschen arm sein können und mit ihrem Schicksal hadern. Er weiss das nur zu gut, denn seine Frau Mirjam erlitt 2018 ein Schädelhirntrauma und ist nur knapp dem Tod entronnen. Jetzt geniessen die beiden ihr «zweites Leben» umso mehr. Fredi bezeichnet sich als «Lichtbringer» – in der Bibel auch der Name Luzifers –, als «Lichtinstallateur in einer Welt, die es so nötig hat».

Himmel über Zürich:
6. Dezember, 18 Uhr, Premiere in Anwesenheit des Regisseurs sowie Lucia Erni und Ruedi Odermatt, Co-Leiter:innen der Heilsarmee St.Gallen. Während des Einlasses spielt die Blaukreuzmusik Herisau. Weitere Vorstellungen bis 28. Dezember.

kinok.ch

Ihm gegenüber steht Jürg. Buchstäblich, etwa dann, wenn sie sich freudig umarmen, als Jürg notgedrungen zur Heilsarmeetafel kommt. Aber auch im übertragenen Sinn, denn er ist quasi der weltliche Kontrast zum frommen Fredi. Jürg hält nicht viel vom Glauben an Gott, er kritisiert die Institution Kirche, spricht lieber von kosmischer Energie. «Was nützt mir der Himmel, wenn ich tot bin?», fragt er. Immer dann, wenn Fredi ein bisschen gar viel Gotteseifer versprüht und von seinem «inneren Halt» schwärmt, montiert Thümena geschickt Szenen mit Jürg in den Film. Diese Gegenschnitte sind ein Segen. Auch damit der Film nicht vollends zur Heilsarmee-Werbeveranstaltung wird. Und Jürg hat ohnehin viel zu erzählen, es würde für einen weiteren Film reichen.

Die unsichtbare Armut in der Schweiz

Aufgewachsen in Solothurn, kam Jürg schon früh in ein von Nonnen geführtes Heim, wo er regelmässig in seinem Zimmer in «Isolationshaft» sass, nachdem er abgehauen war. Mindestens 40 Mal, wie er sagt. Er kritisiert den unreflektierten Umgang mit ehemaligen Heimkindern in der Schweiz und sieht die Gesellschaft in der Verantwortung.

Auch Jürg hat seinen «inneren Frieden».

Jürg lebt schon eine gefühlte Ewigkeit auf der Gasse und weiss, wie man sich durchschlägt. Kein Wunder regt er sich auf über junge Schnösel auf dem Sozialamt, die ihm erklären wollen, «wie man günstig einkauft», denn in diesem Fach ist er ein Meister. Jürg sagt von sich: «Ich gehöre an den Rand der Gesellschaft. Ich rentiere nicht mehr. Mein Dach ist der Himmel über Zürich. Ich schaue den Bäumen beim Wachsen zu. Und das ist gut so.»

Gibt es Armut in der Schweiz? Das war der Titel einer Veranstaltung, zu der er einmal eingeladen war. Den Leuten seien fast die Augen rausgefallen, als er von seinem Alltag erzählt habe, sagt Jürg im Film. Und trifft damit einen Kern: Vielen ist gar nicht bewusst, wie prekär viele Menschen auch in der reichen Schweiz leben, seien es nun Alte, Alleinerziehende oder anderswie Abgehängte. Sie sind unsichtbar, die Menschen joggen an ihnen vorbei.

Dass diese Menschen ein halbwegs würdiges Leben führen können, ist auch der beherzten Arbeit von Fredi und seinen Kolleg:innen bei der Heilsarmee zu verdanken, die alles versuchen, um diese Meschen irgendwie über Wasser zu halten. Und vielen anderen Organisationen, die keinen christlichen Hintergrund haben und im Film nicht vorkommen. So oder so: Thümena hat wohl ein eindrückliches Stadtporträt gedreht, aber es ist kein Film über Zürich. Es ist ein Film über die Schweiz.

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