Kategorie
Autor:innen
Jahr

Im Fantasy-Herrenzimmer

Der versteckte Jubiläumsanlass zum Comedia-Geburtstag: Sascha Kalouner und Chris Stadler veranstalten in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung «Magic»-Abende im St.Galler Restaurant Dufour.

Von  Etrit Hasler

Es ist erstaunlich ruhig an diesem Freitagabend im Herrenzimmer des Dufour, wo sich sonst die Fraktionen des St.Galler Stadtparlaments treffen. Sieben Männer sitzen an den Tischen, legen in regelmässigen Abständen Karten vor sich hin und werfen dazu Satzfragmente in Halbenglisch in den Raum: «Tappe vier Swamps und caste den hier.» «Trampling, unblockable, 17 Punkte Schaden, in your face!» Verwirrt? Willkommen zu «Friday Night Magic».

Magic4

Wer die Comedia-Buchhandlung gut kennt, kennt möglicherweise das Sammelkartenspiel «Magic: The Gathering» (kurz «MtG oder einfach «Magic»). Wer noch nie davon gehört haben: halb so schlimm – das Spiel erfreut sich einer Fangemeinde, die zu einem grossen Teil aus Nerds besteht. Also meist schlecht angezogenen und schlecht ernährten jungen Männern, die keine Freundin haben, aber dafür umso kuriosere Hobbies, die sie bis zur Obsession pflegen. Wobei man fairerweise sagen muss: Im Unterschied zu anderen Genrespielen wie dem Tabletop «Warhammer» oder dem Rollenspiel «Vampire» ist die Szene erstaunlich durchmischt.

Zaubernde Weltenwandler

Magic gilt als die Urmutter der Sammelkartenspiele. Das sind Spiele, bei denen die Spieler sich ihre Karten zusammenkaufen, um daraus anhand ihrer persönlichen Strategien ihr eigenes Set – ein sogenanntes «Deck» – zu bilden und sich dann im Wettstreit zu messen. Bei Magic dient als Szenario ein Kampf zwischen zaubernden «Weltenwandlern», die Karten repräsentieren Zaubersprüche und Kreaturen, mit denen sich die Spieler bekämpfen. Das eigentlich simple Konzept wurde anfangs der Neunziger Jahre entwickelt und hat im Pokemon-Zeitalter seinen Durchbruch erlebt.

Die Comedia war bei «Magic», wie bei so vielen Dingen, Pionierin. Seit knapp 1994 verkauft die Buchhandlung die wunderschön gestalteten Karten (wer Rang und Namen hat in der Comic- oder Fantasyszene, hat schon Magic-Karten gemalt), von denen es inzwischen an die 15’000 verschiedene gibt. Sie war einer der ersten Verkaufsorte in der Schweiz und ist bis heute der wichtigste Händler der Ostschweiz. Grund genug, dem auch im Jubiläumsjahr Rechnung zu tragen, dachte sich die Comedia.

Doch so einfach ist das nicht. Spätestens seit das Spiel 1999 in den Besitz des weltgrössten Spielzeugherstellers Hasbro überging (für 325 Millionen US-Dollar), wacht der Hersteller mit Argusaugen über das Produkt. Turniere müssen durch die Dachorganisation abgesegnet werden und eigens ausgebildete «Judges» über die Einhaltung der Regeln wachen. Das war dem Comedia-Team – bei aller Liebe zu seinen «Magic»-Kunden – dann doch zu viel Aufwand.

Tauschen, was das Zeug hält

Dafür sprang einer dieser Kunden ein. Sascha Kalouner, Reallehrer in Zuckenriet und fast seit Anbeginn «Magic»-Spieler, hatte selber schon mit dem Gedanken gespielt, Turniere in St.Gallen zu veranstalten. Also tat er sich mit seinem Mitspieler Chris Stadler zusammen, der zertifzierter Judge ist, und die beiden holten sich den offiziellen Segen für Magic-Abende in St.Gallen.

«Die Szene ist zwar klein, aber treu», erklärt er am zweiten «Friday Night Magic»-Abend im Dufour. Alles Nerds und Teenager? Kalouner, früher selber Buchhändler und mittlerweile Familienvater, relativiert: «Es stimmt schon, dass es eine Männerszene ist. Aber immerhin gibt es das Spiel schon seit zwanzig Jahren.» Und damit gibt es auch Spieler, die mit dem Spiel älter geworden sind; neben Studenten sind auch Stadtparlamentarier (nicht der Autor dieses Textes, wohlgemerkt), Lehrer und Elektriker unter der Fangemeinde.

Magic3

Die im Dufour gespielte Variante nennt sich Booster Draft. Die Spieler kaufen sich Karten im Wert von 15 Franken, die danach reihum ausgesucht werden. Daraus bastelt sich jeder Spieler sein Deck für den Abend. Nach drei Partien steht die Rangliste des Abends fest, und die Spieler dürfen sich je nach Platzierung wieder die besten Karten des Abends als Siegpreis aussuchen. Danach wird getauscht, was das Zeugs hält. Die Szene erinnert ein bisschen an Panini-Bildchen- Tauschen auf dem Schulhof – nur dass hier Preislisten aus dem Internet zu Rate gezogen werden und eventuelle Preisunterschiede auch mit richtigem Geld kompensiert werden.

Für den Moment möchten Stadler und Kalouner die Abende wöchentlich weiterführen, auch wenn es erst wenige Teilnehmer hat. «Ich will ja kein Geld damit verdienen. Aber die 35 Franken für die Raummiete möchte ich schon wieder reinholen», erzählt Kalouner. Er ist zuversichtlich. Am ersten Abend seien es immerhin 17 Spieler gewesen. Wer sich für einen Blick in ein wahrscheinlich völlig unbekanntes Universum interessiert, kann dies bis auf weiteres jeden Freitagabend im Dufour tun, das nächste Mal am 29. November ab 19:30 Uhr.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt