Kategorie
Autor:innen
Jahr

Im St.Galler «Haus der Partizipation»

Die Stadt St.Gallen will ihre Partizipationskultur fördern. Am Freitag wurden der Postulatsbericht und das neue Reglement vorgestellt. Besonderes Augenmerk liegt auf Migrantinnen und Migranten, Jugendlichen und umfassend verbeiständeten Personen.
Von  Corinne Riedener , 
Bilder: Saitengrafik

Die Szenerie am Freitagmorgen im St.Galler Rathaus wirkt einigermassen surreal. Weit verstreut hocken einige Medienschaffende im Freudenbergsaal, ganz vorne erklärt Stadträtin Sonja Lüthi, Direktorin Soziales und Sicherheit, den vorgeschlagenen Weg zur florierenden Partizipationsstadt.

Der sterile Sicherheitsabstand passt so gar nicht zur Vorstellung einer lebendigen Partizipationskultur: wuslige Wokshops, runde Tische, engagierte Diskussionen mit Menschen aus allen möglichen Bevölkerungsgruppen. Dafür passt er zum neuen Reglement, dem etwas trocken formulierten theoretischen Fundament, das «den Rahmen für eine gute Partizipationskultur bilden soll», wie Lüthi erklärt.

Es sei dem Stadtrat ein grosses Anliegen gewesen, nicht einfach ein Reglement zu erarbeiten, sondern das Thema Partizipation umfassend anzuschauen und insbesondere jene Anspruchsgruppen mitzudenken, wo seitens der Stadt besondere Anstrengungen nötig sind.

Das alte Partizipationsreglement von 2006 sehe zwar bereits Möglichkeiten zur politischen Teilhabe von Personen ohne Stimmrecht vor – der «Jugendlichen-Vorstoss» und der «Vorstoss der Migrantinnen und Migranten» –, davon sei aber in der Vergangenheit nur selten Gebrauch gemacht worden. Lediglich neun Vorstösse seien seit Inkrafttreten eingegangen.

Lüthis Erklärung: Einerseits seien diese Instrumente zu wenig bekannt, andererseits sei der ganze Prozess zu kompliziert. Allgemein sei der parlamentarische Weg für viele Anliegen wohl zu lang. «Der politische Prozess ist schwerfällig», sagt sie, «aber die Leute wollen in der Regel eine schnelle Antwort, darum braucht es neue Mittel und Wege.» Voraussetzung dafür sei aber, dass man zuvor die «Möglichkeiten und Grenzen städtischer Partizipation in umfassender Weise auslotet».

Die Grundlagen der Partizipation

Eineinhalb Jahre hat dieser Prozess gedauert. In einem ersten Schritt wurde die Ist-Situation erörtert, dazu hat die Fachhochschule St.Gallen einen Grundlagenbericht erstellt. Erarbeitet wurde er – selbstredend partizipativ – von Meryem Oezdirek, Lisa Ducret und Prof. Dani Fels, der an der Medienkonferenz ebenfalls anwesend ist.

Das FHS-Team hat mittels Hearings, Interviews und einer Onlineumfrage den verschiedenen Anspruchsgruppen (Quartiervereine, Jugendliche, Migrantinnen und Migranten sowie der Politik) auf den Zahn gefühlt und auch die theoretischen Grundlagen ausgeführt, beispielsweise zum Partizipationsverständnis, den Erfolgsfaktoren einer gelungenen Partizipation oder möglichen Wirkungen.

Die Erkenntnisse sind wenig überraschend. Grundsätzlich zeigten die Umfragen, dass das Interesse an Partizipation seit Einführung des Reglements eher zugenommen hat, dass aber die formalen Rahmenbedingungen dazu oft noch als hinderlich wahrgenommen werden, heisst es im Fazit. «Es wird deutlich, dass alle befragten Anspruchsgruppen daran interessiert sind, den mit der Aufnahme des Partizipationsartikels in die Gemeindeordnung (2004) eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen und die Rahmenbedingungen für Partizipation zeitgemäss anzupassen.»

Am 28. April haben Jenny Heeb (SP) und Christian Huber (Junge Grüne) ein Postulat zur «Einführung einer städtischen Identitätskarte für alle Stadtbewohner*innen» eingereicht. Nach dem Vorbild der «Züri City Card» soll dieser Ausweis für alle in St.Gallen lebenden Menschen gelten und nicht nur Sans-Papiers bei der Einforderung ihrer Rechte unterstützen, sondern auch Vergünstigungen zu öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken, Kulturorten oder Sportanlagen beinhalten, um für die gesamte Stadtbevölkerung attraktiv zu sein. Sie bitten sie den Stadtrat darum, die rechtlichen Abklärungen zu treffen und Bericht darüber zu erstatten, wie und in welcher Form die Einführung einer «St.Galler City Card» realisiert werden kann.

Mehr zum Thema im Janaurheft von Saiten.

Die Kritik am bestehenden Partizipationsreglement sei von unterschiedlichen Anspruchsgruppen übereinstimmend geäussert worden, heisst es weiter. «Insbesondere die Feststellung, dass der Partizipationsgedanke politisch noch zu wenig gelebt werde und auch in der Verwaltung sehr unterschiedlich verankert sei.»

Auch die Hürden für Nichtstimmberechtigte seien zu hoch, darum brauche es einfache und transparente Modelle, um die Bereitschaft zur Partizipation zu erhöhen. «Denn mit dem Vertrauen steigt auch der Wille zur Partizipation», ergänzt Fels. «Mit Vereinsarbeit, Zeitungsberichten und Briefen aus dem Rathaus allein kann man nicht alle Leute erreichen. Heute braucht es weitere Kommunikationskanäle; Multiplikatorinnen, Videos, Dokumente in Einfacher Sprache.»

Teilhabe für alle, die da sind

Partizipation geschehe zwar bereits, sagt Lüthi, beispielsweise im Rahmen des Forums Marktplatz, rund ums Schulhaus Tschudiwies, bei der Erarbeitung des neuen Kulturkonzepts oder aktuell bei der städtischen Altersstrategie, «aber es braucht ein erneutes politisches Commitment, das auch mit Legislaturzielen sichergestellt wird». Zudem wolle man sich neu nicht mehr auf primär an den verschiedenen Zielgruppen orientieren, sondern an einzelnen Themen.

Mit dieser angestrebten Partizipationskultur wolle man einerseits den Bedürfnissen der nicht-stimmberechtigten Bevölkerung besondere Aufmerksamkeit schenken, sprich jugendlichen, migrantischen und verbeiständeten Personen, und andererseits sicherstellen, dass die Bevölkerung aufgrund der persönlichen Betroffenheit partizipiert, «unabhängig von Alter, Herkunft und staatsbürgerlichem Status».

Das gelte nicht nur für Menschen ohne Schweizer Pass, wie Lüthi auf Nachfrage erklärt, sondern für alle, die da sind, auch für Menschen ohne Bleiberecht. «Wir werden keine Kontrollen durchführen bei einem Partizipationsanlass.»

Basierend auf den Erkenntnissen des Grundlagenberichts und dessen Empfehlungen wurde im neuen Reglement eine Vision zur Umsetzung der Partizipation skizziert, das «Haus der Partizipation»:

Klick zum Vergrössern.

Bis Ende der laufenden Legislatur, sprich bis Ende Jahr, soll unter dem Handlungsfeld «Smarte Stadt» eine «Partizipationsplattform für den Einbezug von Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Unternehmen» aufgebaut werden. Wie diese aussieht, ob man zum Beispiel auf eine bestehende wie den «Stadtmelder» zurückgreift und diesen endlich tauglich gestaltet, oder ob eine neue digitale Plattform dafür geschaffen wird, ist laut Lüthi noch offen. In Corona-Zeiten dürfte das aber relativ schnell erledigt sein.

Auch ein «Informationsangebot für Kinder der Stadt St.Gallen» ist in Planung. Zuerst aber muss das neue Partizipationsreglement noch vors Stadtparlament. Dieses habe der Verwaltung im Juni 2018 mit der Umwandlung der Motion «Partizipation suchen – Reglement revidieren» in ein Postulat einen klaren Auftrag gegeben, sagt Lüthi. «Dementsprechend haben wir nun in schlankes Reglement erarbeitet, das den Rahmen bietet für effektive Partizipationsprozesse, wo alle mitdenken, mitwirken und sich beteiligen können.» Das Postulat kommt am 19. Mai ins Parlament.

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
226736

Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz