Es ist ein heisser Sommertag, Treffpunkt sind die Weiern und dort das Restaurant Dreilinden. Sonja Lüthi kommt mit dem Elektrovelo. Ihre Wahl des urbanen Lieblingsortes hätte auch auf den Marktplatz fallen können, erzählt sie. Doch dann entschied sie sich für den Aussichtspunkt im grünen Ring mit Blick über die Stadt – und auf die Solaranlage auf dem Olma-Dach, die sie mit der Solargenossenschaft initiiert hat.
Das Gespräch mit Saiten findet in der Woche nach den Sommerferien statt. Der Wahlkampf hat eben erst begonnen, unter anderem mit einem Podium der FDP. Dort gab es zwar viel Publikum, aber keine Mikrofone. Vor allem der CVP-Bewerber mit der lauten Stimme hatte damit keine Probleme. «Kein optimaler Start», findet die Kandidatin der Grünliberalen.
Sonja Lüthi, aufgewachsen mit drei Brüdern im ländlichen Aargau, kam über ein Geografie- und Französisch-Studium in Fribourg in die Stadt St.Gallen – wegen des HSG-Instituts für Wirtschaft und Ökologie. Dort doktorierte sie mit einer Arbeit über eine wirksame Förderpolitik für erneuerbare Energien. Ein Thema, dem sie seither treu geblieben ist.
Nach mehreren Jahren bei der kantonalen Energiefachstelle arbeitet sie nun beim LV-St.Gallen. Dort wird eine neue Abteilung «Farmenergie» aufgebaut, die Lüthi leitet. Angeboten wird Beratung für Landwirte und Eigenheimbesitzer. Der Fokus liegt auf Energieeffzienz und Solaranlagen, Thema sind auch kleine Biogas- und Windanlagen.
Sonja Lüthi ist 36-jährig, verheiratet, hat eine eineinhalbjährige Tochter und arbeitet mit einem Pensum von 80 Prozent. Dazu kommen ehrenamtliche Tätigkeiten, etwa für die Genossenschaft Denkbar, «die unter anderem eine Plattform für – aber nicht nur – Frauenprojekte ist», wie sie erklärt. Aktiv ist sie auch bei der Solargenossenschaft oder dem Solarkino. Woher kommt der politische Ehrgeiz? Ihre Grundmotivation sei die Gestaltung von Rahmenbedingungen für eine Wirtschaft, die nicht auf Kosten von Mensch und Umwelt funktioniere, erklärt sie.
sonjaluethi.ch
Wie andere Parlamentarierinnen und Parlamentarier, deren Hauptberuf nicht die Politik ist, wirkt sie in einigen Themen sattelfest – und in anderen weniger. Lüthi hat unter anderem Vorstösse zu Versicherungsfragen bei Spitälern, zur Kinderbetreuung und zu Verkehrsfragen eingereicht. Ihr Schwerpunkt ist aber die Energiepolitik.
Warum ist sie damit nicht bei den Grünen gelandet? Sie sei jemand, der sich für den Ausgleich einsetze, der Kompromisse finden wolle, begründet sie.
Drei Jahre lang sass sie für die GLP im Stadtparlament und trat dort kurz vor der Geburt ihrer Tochter zurück. 2015 rutschte sie nach einem Rücktritt in den Kantonsrat nach. Beim Rechtsruck der Wahlen vom Februar 2016 wurde sie als noch eine von zwei GLP- Mitgliedern bestätigt. Im Kantonsrat sind die Machtverhältnisse mit der rechtsbürgerlichen Mehrheit von FDP und SVP klar. Mit im Boot ist oft auch die CVP-GLP-Fraktion. Aus der SP heisst es, dass es bei Vorstössen zu sozialen Themen kaum Unterstützung von Lüthi gebe – im Gegensatz zu deren Vorgängerin auf dem GLP-Sitz.
Sie kennt diesen Vorwurf, findet aber auch nach einigem Überlegen keine klaren Belege dafür – oder dagegen. Es gebe allerdings innerhalb der CVP-GLP-Fraktion «viel Übereinstimmung».
Als der Kantonsrat im März 2016 in der Schlussabstimmung das Klanghaus versenkte, gehörte Lüthi wie der Rest der damals noch bestehenden BDP-GLP-Fraktion zu den wenigen Klanghaus-Gegnern ausserhalb der SVP.
Das Projekt sei nicht dort gewesen, wo es sein sollte, und Regierungsrat Klöti habe die Kritik daran nicht aufgenommen, begründete sie die damalige Haltung der Fraktion, begrüsst nun aber, dass es bald einen zweiten Anlauf für das Klanghaus geben wird.
In nächster Zeit will sie sich – wohl zusammen mit der SP – im Kantonsrat gegen das Aus für die Projekt-Werkstatt im Güterbahnhofareal wehren. Ein solches Angebot könne nicht in einem Submissionsverfahren beurteilt werden, argumentiert sie. Im nächsten Jahr müsse das Motivationssemester eine ähnliche Ausschreibung überstehen, falls es nicht rechtzeitig Gegensteuer gebe.
Am 24. September ist Wahltag. Auf offziellen Support aus den bürgerlichen Reihen kann Sonja Lüthi kaum bauen. Sie hofft trotzdem auch auf Stimmen ausserhalb des links-grünen Lagers – vor allem von bürgerlichen Frauen. Erstes Ziel ist nun ein zweiter Wahlgang. Dann werden die Karten neu gemischt. «Es wäre Zeit für eine zweite Frau im St.Galler Stadtrat», sagt sie.
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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