Das politische Programm von Andri Bösch ist ambitioniert: Der Juso fordert eine autofreie Stadt, die Aufhebung des seit 2006 geltenden Wegweisungsartikels und die Einführung einer Urban Citizenship für die Stadt St.Gallen. Als im Juli bekannt wurde, dass der 20-Jährige kandidiert, rieben sich doch einige verwundert die Augen. Ein Juso in der Exekutive – geht das? Klar, aber es wäre eine Schweizer Premiere.
Bösch, aufgewachsen in Degersheim, ist Juso-Kantonspräsident, administrativer Sekretär der SP St.Gallen, im letzten Semester der Zweitwegmatur und Mitglied der Betriebsgruppe der Jugendbeiz Talhof. «Stadtrat sein ist auch nur ein Job», sagt er, wenn man ihn fragt, ob er sich dieses Amt tatsächlich zutraut. «Man kann alles lernen, sofern das nötige Herzblut da ist. Natürlich müsste ich mir noch einiges an Sachkompetenz aneignen, aber ich traue mir das zu.» Und: «Politik wurde zu lange von den Alten gemacht, jetzt sind wir Jungen dran. Wir haben nicht schon etliche Jahre Politbetrieb auf dem Buckel, also einen frischeren Blick und die Chance, gewisse Dinge anders anzupacken.»
Pfalzkeller, das erste Wahlkampf-Podium. Auf der einen Seite CVP-Kandidat Boris Tschirky, auf der anderen Juso Andri Bösch. Dazwischen Welten. Tschirky mimt den souveränen Showman, den erfahrenen Fuchs und unterstreicht die gefühlte Überlegenheit, indem er Bösch und den zwei Kandidatinnen in der Mitte gönnerhaft den Wasserbecher füllt. Eigentlich ist gerade Bösch am Reden, doch die Aufmerksamkeit im Pfalzkeller gilt vor allem dem Bürgerlichen, der mit einem Zwinkern Richtung Publikum wieder zurück an seinen Platz schlendert.
Man glaubt es dem Gaiserwalder Gemeindepräsidenten fast, dass er voll den Durchblick hat, dass er diese charismatische Führungspersönlichkeit ist, die St.Gallen angeblich so nötig hat. Davon dürften sich einige blenden lassen, auch wenn die Zeiten, in denen Politik noch von vermeintlich weisen Herren mit Krawatte und glorreicher Vergangenheit gemacht wurde, eigentlich vorbei sind. Heute sind andere Typen gefragt. «Die Politik muss jünger, weiblicher und migrantischer werden», sagt eine junge Frau nach dem Podium. «Leute wie Andri sind die Politiker von morgen.»
«Man» räume Bösch «nicht einmal Aussenseiterchancen» ein, schrieb das «Tagblatt» Mitte August. Auch Böschs Mutterpartei gibt sich zurückhaltend. Statt auf den Nachwuchs zu setzen, veranstaltete sie einen Tag nach Abschluss des Saiten-Septemberhefts Hearings, aus wahltaktischen Gründen. Verständlich, schliesslich will sich die SP ungern nachsagen lassen, mit ihren bisherigen zwei Stadtratssitzen noch auf einen dritten zu schielen. Bösch nimmt es seinen Genossinnen und Genossen nicht übel. Abseits der Taktiererei wäre er der SP-Linie wohl trotzdem am nächsten. Wie das Wahlresultat ausgesehen hätte, wenn sich die SP geschlossen hinter ihn gestellt hätte, wird man nie erfahren.
andri-stadtrat.ch
Bösch nimmt die Skepsis ihm gegenüber äusserst gelassen. «Ich kümmere mich nicht darum, was andere von mir denken», sagt er schulterzuckend, als wir uns am Tag nach dem Pfalzkeller-Podium im Lattichquartier beim Güterbahnhof treffen. Diesen Ort hat er sich bewusst ausgesucht – «weil er momentan einer der lebendigsten und vielfältigsten Flecken der Stadt ist und es ganz generell viel mehr ‹Lattiche› braucht.» Es ist schwül, Libellen fliegen Slalom um die temporären Schiffscontainer, in der Halle probt eine Band, weiter hinten werden Velos geflickt. Wir setzen uns zwischen Flon-Container und Bahngleisen in den Schatten. «Es ist nicht mein Ziel, möglichst ernstgenommen zu werden», nimmt Bösch den Faden wieder auf. «Ich will vor allem zeigen, dass mir die Sache wichtig ist.»
Am Pfalzkeller-Podium ist ihm das ganz ordentlich gelungen. Zuerst wurde er von der älteren Hälfte im Publikum noch gütig belächelt, doch je länger er sprach, desto aufmerksamer hörte man ihm zu. Hin und wieder sah man jemanden anerkennend nicken oder erstaunt eine Augenbraue hochziehen. Dort vorne stand kein unbedarfter Luftikus, sondern ein junger Mensch mit klaren Vorstellungen und Forderungen, der auch mal Stadtratsantworten zitierte und sich nicht scheute, den bürgerlichen Kandidaten in verkehrs- oder steuerpolitischen Fragen ein paar Dinge vorzurechnen.
An Selbstvertrauen mangelt es Bösch definitiv nicht. Diesbezüglich hat er einiges gemeinsam mit Leuten wie Tschirky, nur dass man bei ihm weniger den Eindruck hat, er fahre eine Ego-Show. «Wir» ist ein Wort, dass man viel hört bei ihm. «Wir fordern ein Stimm- und Wahlrecht für alle Menschen, die den Wohnsitz in St.Gallen haben. Wir wollen, dass der öV kostenlos ist, am Tag und in der Nacht. Wir sind gegen Racial Profiling und fordern ein Quittungssystem mit Begründung für Polizeikontrollen.» Diese Wortwahl sei bewusst, sagt er, bevor er sich mit dem Velo auf den Weg Richtung Kanti am Burggraben macht, wo gleich die Englisch-Lektion beginnt. «Schliesslich habe ich mir das nicht allein ausgedacht.»
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch