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Andri Bösch: «Jetzt sind wir dran»

Am 24. September wählt St.Gallen den Nachfolger oder die Nachfolgerin von Stadtrat Nino Cozzio. Saiten hat drei der fünf Kandidierenden getroffen, jeweils an einem Ort ihrer Wahl in der Stadt. Bei Andri Bösch von den Juso war es der Güterbahnhof.
Von  Corinne Riedener
Andri Bösch, fotografiert von Ladina Bischof.

Das politische Programm von Andri Bösch ist ambitioniert: Der Juso fordert eine autofreie Stadt, die Aufhebung des seit 2006 geltenden Wegweisungsartikels und die Einführung einer Urban Citizenship für die Stadt St.Gallen. Als im Juli bekannt wurde, dass der 20-Jährige kandidiert, rieben sich doch einige verwundert die Augen. Ein Juso in der Exekutive – geht das? Klar, aber es wäre eine Schweizer Premiere.

Bösch, aufgewachsen in Degersheim, ist Juso-Kantonspräsident, administrativer Sekretär der SP St.Gallen, im letzten Semester der Zweitwegmatur und Mitglied der Betriebsgruppe der Jugendbeiz Talhof. «Stadtrat sein ist auch nur ein Job», sagt er, wenn man ihn fragt, ob er sich dieses Amt tatsächlich zutraut. «Man kann alles lernen, sofern das nötige Herzblut da ist. Natürlich müsste ich mir noch einiges an Sachkompetenz aneignen, aber ich traue mir das zu.» Und: «Politik wurde zu lange von den Alten gemacht, jetzt sind wir Jungen dran. Wir haben nicht schon etliche Jahre Politbetrieb auf dem Buckel, also einen frischeren Blick und die Chance, gewisse Dinge anders anzupacken.»

Pfalzkeller, das erste Wahlkampf-Podium. Auf der einen Seite CVP-Kandidat Boris Tschirky, auf der anderen Juso Andri Bösch. Dazwischen Welten. Tschirky mimt den souveränen Showman, den erfahrenen Fuchs und unterstreicht die gefühlte Überlegenheit, indem er Bösch und den zwei Kandidatinnen in der Mitte gönnerhaft den Wasserbecher füllt. Eigentlich ist gerade Bösch am Reden, doch die Aufmerksamkeit im Pfalzkeller gilt vor allem dem Bürgerlichen, der mit einem Zwinkern Richtung Publikum wieder zurück an seinen Platz schlendert.

Man glaubt es dem Gaiserwalder Gemeindepräsidenten fast, dass er voll den Durchblick hat, dass er diese charismatische Führungspersönlichkeit ist, die St.Gallen angeblich so nötig hat. Davon dürften sich einige blenden lassen, auch wenn die Zeiten, in denen Politik noch von vermeintlich weisen Herren mit Krawatte und glorreicher Vergangenheit gemacht wurde, eigentlich vorbei sind. Heute sind andere Typen gefragt. «Die Politik muss jünger, weiblicher und migrantischer werden», sagt eine junge Frau nach dem Podium. «Leute wie Andri sind die Politiker von morgen.»

«Man» räume Bösch «nicht einmal Aussenseiterchancen» ein, schrieb das «Tagblatt» Mitte August. Auch Böschs Mutterpartei gibt sich zurückhaltend. Statt auf den Nachwuchs zu setzen, veranstaltete sie einen Tag nach Abschluss des Saiten-Septemberhefts Hearings, aus wahltaktischen Gründen. Verständlich, schliesslich will sich die SP ungern nachsagen lassen, mit ihren bisherigen zwei Stadtratssitzen noch auf einen dritten zu schielen. Bösch nimmt es seinen Genossinnen und Genossen nicht übel. Abseits der Taktiererei wäre er der SP-Linie wohl trotzdem am nächsten. Wie das Wahlresultat ausgesehen hätte, wenn sich die SP geschlossen hinter ihn gestellt hätte, wird man nie erfahren.

Bösch nimmt die Skepsis ihm gegenüber äusserst gelassen. «Ich kümmere mich nicht darum, was andere von mir denken», sagt er schulterzuckend, als wir uns am Tag nach dem Pfalzkeller-Podium im Lattichquartier beim Güterbahnhof treffen. Diesen Ort hat er sich bewusst ausgesucht – «weil er momentan einer der lebendigsten und vielfältigsten Flecken der Stadt ist und es ganz generell viel mehr ‹Lattiche› braucht.» Es ist schwül, Libellen fliegen Slalom um die temporären Schiffscontainer, in der Halle probt eine Band, weiter hinten werden Velos geflickt. Wir setzen uns zwischen Flon-Container und Bahngleisen in den Schatten. «Es ist nicht mein Ziel, möglichst ernstgenommen zu werden», nimmt Bösch den Faden wieder auf. «Ich will vor allem zeigen, dass mir die Sache wichtig ist.»

Am Pfalzkeller-Podium ist ihm das ganz ordentlich gelungen. Zuerst wurde er von der älteren Hälfte im Publikum noch gütig belächelt, doch je länger er sprach, desto aufmerksamer hörte man ihm zu. Hin und wieder sah man jemanden anerkennend nicken oder erstaunt eine Augenbraue hochziehen. Dort vorne stand kein unbedarfter Luftikus, sondern ein junger Mensch mit klaren Vorstellungen und Forderungen, der auch mal Stadtratsantworten zitierte und sich nicht scheute, den bürgerlichen Kandidaten in verkehrs- oder steuerpolitischen Fragen ein paar Dinge vorzurechnen.

An Selbstvertrauen mangelt es Bösch definitiv nicht. Diesbezüglich hat er einiges gemeinsam mit Leuten wie Tschirky, nur dass man bei ihm weniger den Eindruck hat, er fahre eine Ego-Show. «Wir» ist ein Wort, dass man viel hört bei ihm. «Wir fordern ein Stimm- und Wahlrecht für alle Menschen, die den Wohnsitz in St.Gallen haben. Wir wollen, dass der öV kostenlos ist, am Tag und in der Nacht. Wir sind gegen Racial Profiling und fordern ein Quittungssystem mit Begründung für Polizeikontrollen.» Diese Wortwahl sei bewusst, sagt er, bevor er sich mit dem Velo auf den Weg Richtung Kanti am Burggraben macht, wo gleich die Englisch-Lektion beginnt. «Schliesslich habe ich mir das nicht allein ausgedacht.»

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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