Saiten: In Zürich kandidiert ein Juso für den Stadtrat, heute hast du dich ins Rennen geworfen für die Ersatzwahl in St.Gallen. Ihr meint es offenbar ernst.
Andri Bösch: Sehr ernst, ja. Das ist keine Spasskandidatur. Wir wollen zeigen, dass die jungen Menschen auch etwas zu sagen haben und man uns endlich ernst nehmen muss. Wenn man sich die Parlamente anschaut, sind die Jungen völlig untervertreten. Politik wird von den Alten gemacht – und wir müssen es dann ausbaden. Das kann so nicht weitergehen, jetzt sind wir am Zug.
Und da setzt ihr gleich mal bei der Exekutive an?
Klar, wieso auch nicht?! Der Stadtrat sollte so bunt sein wie es die Stadt schon lange ist. Ausserdem können wir es nicht zulassen, dass die Bürgerlichen bei dieser Ersatzwahl einfach so durchmarschieren, ohne Gegenwind. Deren zwei Kandidaten sind für uns untragbar. Wir wollen eine soziale, bunte «Stadt für alle» und keine Kürzungen der Sozialhilfegelder, Senkungen des Steuerfusses oder eine Erhöhung des Rentenalters, wie es SVP und CVP gerne sähen.
Du traust dir zu, mit 20 eine Stadt zu führen?
Absolut. Ich bin überzeugt, dass man diese Aufgabe auch mit 20 oder 25 meistern kann. Für diese Aussage wird man mir vermutlich Naivität vorwerfen, aber ich glaube wirklich daran, dass ein junger Mensch genauso imstande ist, einen guten Job in der Exekutive zu machen. Das kann man lernen. Klar, manchmal holt mich die Angst ein, aber nur einen Moment lang. Im nächsten Moment denke ich bereits wieder: Hey, wir sind jung und haben nichts zu verlieren – man darf träumen!
Was sagt die SP zur Juso-Kandidatur?
Die Reaktionen sind durchmischt. Die einen finden es cool und stehen voll hinter uns, die anderen sind nicht sehr erfreut und finden, wir machen uns damit lächerlich.
Weil sie eventuell den Eindruck haben, ihr torpediert mit eurer Kandidatur jene von Ingrid Jacober von den Grünen?
Diese wahlkampftaktische Angst gibt es, ja. Aber darum geht es uns gar nicht. Wir wollen mehr linkes Gegengewicht in die Schale werfen, denn es geht ja vor allem darum, dass es durch uns möglich ist, ein breiteres Spektrum abzudecken, als Grüne und GLP alleine in der Lage wären. CVP und SVP erhalten durch unsere Kandidatur keine Stimme zusätzlich. Abgesehen davon: Immer wird während den Stadtratswahlen darüber gejammert, wie langweilig und grau die Kandidatinnen und Kandidaten seien – bitte sehr, hier habt ihr für einmal jemand anderes. Und was wäre, wenn wir nicht kandidieren würden? Der Wahlkampf wäre so normal wie immer und viele wichtige Anliegen für die Zukunft würden nicht zur Sprache kommen, etwa Fragen des öffentlichen Raums, der Verdrängung, Anliegen der sozial Benachteiligten und vor allem die Sicht der jüngeren Generation.
Ihr wollt gezielt die Jungen abholen. Alle oder nur jene, die sich als links verstehen?
Grundsätzlich will ich für alle jungen Leute in unserer Stadt da sein. Es kommt auch nicht so sehr darauf an, ob man jetzt links oder rechts denkt, denn das Jungsein ist das, was uns verbindet, der kleinste gemeinsame Nenner. Vermutlich wird es schon so sein, dass wir eher die linken ansprechen, aber ich bin so frech, zu sagen, dass man als junge Person ohnehin tendenziell links und nicht rechts tickt, gerade wenn man in einer Stadt lebt.
Du warst mitverantwortlich für Maria Pappas Wahlkampagne, die ziemlich erfolgreich war. Wie wird deine aussehen?
Der öffentliche Raum wird sicher eine Rolle spielen. Allerdings ist es ja leider so, dass man nur ordentlich konventionellen Wahlkampf und Meinungsbildung betreiben kann, wenn man auch das nötige Geld dafür hat – was bei uns Juso nicht der Fall ist. Sichtbarkeit ist heutzutage jenen vorbehalten, die richtig Kohle besitzen. Wir mussten uns also ein paar knackige Sachen einfallen lassen. Mehr will ich im Moment nicht verraten.
Die Ersatzwahl für den krankheitshalber zurücktretenden Nino Cozzio (das Saiten-Interview mit ihm hier) findet am 24. September statt.
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