Der Melonenhof liegt versteckt zwischen der Oberstrasse und dem stillgelegten Schulhaus Tschudiwies. Ingrid Jacober hat den kleinen Park für ein Treffen ausgesucht, weil er zu jenen Dingen gehört, die das Quartier Tschudiwies-Centrum für sie lebenswert machen. Im Melonenhof gibt es einen Spielplatz, der sowohl vom Kindergarten als auch von Familien genutzt wird. Er bietet Platz für Quartierfeste, und wer sich einfach entspannen möchte, der lässt sich auf den Bänken unter alten Bäumen nieder.
Solche Oasen, aber auch verkehrsberuhigte Strassen, innovative Wohnformen sowie lebendige Quartiere, in denen es für alle Generationen alles Notwendige wie etwa Schulen, Kindertagesbetreuung, Gewerbe und Einkaufsmöglichkeiten gibt, wünscht sich Ingrid Jacober für die ganze Stadt. «Wenn mit der Kreativwirtschaft weitere Arbeitsplätze dazukommen, wie mit dem Projekt Lattich im Güterbahnhof geplant, ist das ein Glücksfall. Es ist die Vielfalt, die das Besondere eines Ortes ausmacht», sagt sie.
Im Quartier Tschudiwies-Centrum trifft das auch auf die Bewohnerinnen und Bewohner zu. Viele Familien leben hier, ein grosser Teil von ihnen hat Migrationshintergrund. Wegen der vergleichsweise günstigen Wohnungen zieht es auch Studierende dorthin. Hinzu kommen Sozialwohnungen und eine genossenschaftlich organisierte Wohnfabrik an der Tschudistrasse. In letzterer gibt es 17 Wohnungen; Gemeinschaftsräume wie Wohnküche, Gästezimmer, Werkstatt und Atelier werden gemeinschaftlich genutzt. Direkt vor dem Haus steht ein Mobility-Auto.
In dieser Wohnfabrik namens Solinsieme lebt Ingrid Jacober seit 15 Jahren als alleinerziehende Mutter eines 13-jährigen Sohnes nach den Prinzipien, für die sie sich auch als Stadträtin einsetzen möchte. «Die 2000-Watt-Gesellschaft können wir nur erreichen, wenn wir dazu bereit sind», sagt sie. Dafür brauche es neue Formen des Zusammenlebens, Sharing-Modelle nicht nur für Autos, neue Lösungen für die Mobilität und kurze Wege.
Das ist auch ihr Antrieb, sich vielfältig ehrenamtlich zu engagieren. Ingrid Jacober ist im Verkehrsclub Schweiz VCS aktiv, Gewerkschafterin, im Vorstand der Grünen Stadt und Region St.Gallen, Initiantin des Familientreffs Tschudiwies sowie im Vorstand des Quartiervereins. Mit diesem hat sie gemeinsam für den Erhalt des Schulhauses Tschudiwies gekämpft – wenn auch letztlich erfolglos. Das Schulhaus wurde in diesem Sommer geschlossen. Erreicht hat sie hingegen, dass der Melonenhof öffentlich zugänglich gemacht wurde. Mit weiteren ehrenamtlich Aktiven setzte sie sich unter anderem erfolgreich ein für sicherere Schulwege, Tempo 20 auf der Tschudi- und der Schlosserstrasse, Spielplatzerneuerungen, generationengerechte Sitzgelegenheiten, monatliche Quartiercafés sowie für die Reaktivierung des Jugendtreffs St.Otmar.
ingridjacober.ch
Die Kritik, dass sie politisch zu unerfahren für das Amt als Stadträtin sei, lässt sie nicht gelten. «Ich bin vielleicht parlamentsunerfahren, aber durch mein ehrenamtliches Engagement und als Sozialarbeiterin habe ich durchaus einen sehr politischen Blick», sagt Ingrid Jacober, die während sieben Jahren die Jugendinformation «tipp» in St.Gallen geleitet hat und dadurch Erfahrung in der Verwaltung hat. Heute arbeitet sie als Sozialpädagogin bei der städtischen Tagesbetreuung für Schulkinder. «Es ist noch anspruchsvoller, ehrenamtlich mit anderen Ehrenamtlichen zusammenzuarbeiten und etwas zu erreichen, als dies im Rahmen eines bezahlten Jobs zu tun», sagt sie und fährt fort: «Wir müssen uns sowieso fragen, warum beispielsweise bei politischen Veranstaltungen zu 80 Prozent Männer im Publikum sitzen. Und wieso sind so viel mehr Männer gewählt?» Politik heute sei immer noch hauptsächlich eine Männerrealität, in der weibliche Aspekte untervertreten seien. Daher brauche es dringend neue Formen der Parteipolitik. «Praktisch alle politischen Veranstaltungen finden abends um 18.30 Uhr statt. Für Mütter und Väter mit Erziehungsverantwortung, vor allem aber für die wachsende Zahl von Alleinerziehenden, liegt das einfach nicht drin.»
Es sei jetzt an der Zeit, auch Frauen in die Politik zu holen, die andere Ziele verfolgen als ungebremstes Wirtschaftswachstum, sagt Ingrid Jacober. Es brauche Frauen, die sich für nachhaltige Aspekte und für die nächsten Generationen einsetzen. Ingrid Jacober selbst möchte als Stadträtin Wohngenossenschaften unterstützen. Einer ihrer grössten Wünsche ist, in St.Gallen autofreie Quartiere zu schaffen. Dass das möglich ist, davon ist die 49-Jährige überzeugt. «Immerhin lebt ein Drittel aller St.Galler Haushalte autofrei», sagt sie und betont, dass es in St.Gallen keinen Platz mehr für neue Strassen oder horrend teure Tunnels gebe. «Es wird fürr die nächsten Generationen riesige Lasten zur Folge haben, wenn sie eine solche Infrastruktur tragen müssten. Es ist an der Zeit, dass wir auf dieser Welt, in dieser Stadt ausprobieren, in neuen Formen zu leben, Bewährtes pflegen, Neues wagen.»
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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