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Ingrid Jacober: «Leben in neuen Formen»

Am 24. September wählt St.Gallen den Nachfolger oder die Nachfolgerin von Stadtrat Nino Cozzio. Saiten hat drei der fünf Kandidierenden getroffen, jeweils an einem Ort ihrer Wahl in der Stadt. Zum Auftakt: Ingrid Jacober von den Grünen. von Nina Rudnicki
Von  Gastbeitrag , 
Ingrid Jacober, fotografiert von Ladina Bischof.

Der Melonenhof liegt versteckt zwischen der Oberstrasse und dem stillgelegten Schulhaus Tschudiwies. Ingrid Jacober hat den kleinen Park für ein Treffen ausgesucht, weil er zu jenen Dingen gehört, die das Quartier Tschudiwies-Centrum für sie lebenswert machen. Im Melonenhof gibt es einen Spielplatz, der sowohl vom Kindergarten als auch von Familien genutzt wird. Er bietet Platz für Quartierfeste, und wer sich einfach entspannen möchte, der lässt sich auf den Bänken unter alten Bäumen nieder.

Solche Oasen, aber auch verkehrsberuhigte Strassen, innovative Wohnformen sowie lebendige Quartiere, in denen es für alle Generationen alles Notwendige wie etwa Schulen, Kindertagesbetreuung, Gewerbe und Einkaufsmöglichkeiten gibt, wünscht sich Ingrid Jacober für die ganze Stadt. «Wenn mit der Kreativwirtschaft weitere Arbeitsplätze dazukommen, wie mit dem Projekt Lattich im Güterbahnhof geplant, ist das ein Glücksfall. Es ist die Vielfalt, die das Besondere eines Ortes ausmacht», sagt sie.

Im Quartier Tschudiwies-Centrum trifft das auch auf die Bewohnerinnen und Bewohner zu. Viele Familien leben hier, ein grosser Teil von ihnen hat Migrationshintergrund. Wegen der vergleichsweise günstigen Wohnungen zieht es auch Studierende dorthin. Hinzu kommen Sozialwohnungen und eine genossenschaftlich organisierte Wohnfabrik an der Tschudistrasse. In letzterer gibt es 17 Wohnungen; Gemeinschaftsräume wie Wohnküche, Gästezimmer, Werkstatt und Atelier werden gemeinschaftlich genutzt. Direkt vor dem Haus steht ein Mobility-Auto.

In dieser Wohnfabrik namens Solinsieme lebt Ingrid Jacober seit 15 Jahren als alleinerziehende Mutter eines 13-jährigen Sohnes nach den Prinzipien, für die sie sich auch als Stadträtin einsetzen möchte. «Die 2000-Watt-Gesellschaft können wir nur erreichen, wenn wir dazu bereit sind», sagt sie. Dafür brauche es neue Formen des Zusammenlebens, Sharing-Modelle nicht nur für Autos, neue Lösungen für die Mobilität und kurze Wege.

Das ist auch ihr Antrieb, sich vielfältig ehrenamtlich zu engagieren. Ingrid Jacober ist im Verkehrsclub Schweiz VCS aktiv, Gewerkschafterin, im Vorstand der Grünen Stadt und Region St.Gallen, Initiantin des Familientreffs Tschudiwies sowie im Vorstand des Quartiervereins. Mit diesem hat sie gemeinsam für den Erhalt des Schulhauses Tschudiwies gekämpft – wenn auch letztlich erfolglos. Das Schulhaus wurde in diesem Sommer geschlossen. Erreicht hat sie hingegen, dass der Melonenhof öffentlich zugänglich gemacht wurde. Mit weiteren ehrenamtlich Aktiven setzte sie sich unter anderem erfolgreich ein für sicherere Schulwege, Tempo 20 auf der Tschudi- und der Schlosserstrasse, Spielplatzerneuerungen, generationengerechte Sitzgelegenheiten, monatliche Quartiercafés sowie für die Reaktivierung des Jugendtreffs St.Otmar.

Die Kritik, dass sie politisch zu unerfahren für das Amt als Stadträtin sei, lässt sie nicht gelten. «Ich bin vielleicht parlamentsunerfahren, aber durch mein ehrenamtliches Engagement und als Sozialarbeiterin habe ich durchaus einen sehr politischen Blick», sagt Ingrid Jacober, die während sieben Jahren die Jugendinformation «tipp» in St.Gallen geleitet hat und dadurch Erfahrung in der Verwaltung hat. Heute arbeitet sie als Sozialpädagogin bei der städtischen Tagesbetreuung für Schulkinder. «Es ist noch anspruchsvoller, ehrenamtlich mit anderen Ehrenamtlichen zusammenzuarbeiten und etwas zu erreichen, als dies im Rahmen eines bezahlten Jobs zu tun», sagt sie und fährt fort: «Wir müssen uns sowieso fragen, warum beispielsweise bei politischen Veranstaltungen zu 80 Prozent Männer im Publikum sitzen. Und wieso sind so viel mehr Männer gewählt?» Politik heute sei immer noch hauptsächlich eine Männerrealität, in der weibliche Aspekte untervertreten seien. Daher brauche es dringend neue Formen der Parteipolitik. «Praktisch alle politischen Veranstaltungen finden abends um 18.30 Uhr statt. Für Mütter und Väter mit Erziehungsverantwortung, vor allem aber für die wachsende Zahl von Alleinerziehenden, liegt das einfach nicht drin.»

Es sei jetzt an der Zeit, auch Frauen in die Politik zu holen, die andere Ziele verfolgen als ungebremstes Wirtschaftswachstum, sagt Ingrid Jacober. Es brauche Frauen, die sich für nachhaltige Aspekte und für die nächsten Generationen einsetzen. Ingrid Jacober selbst möchte als Stadträtin Wohngenossenschaften unterstützen. Einer ihrer grössten Wünsche ist, in St.Gallen autofreie Quartiere zu schaffen. Dass das möglich ist, davon ist die 49-Jährige überzeugt. «Immerhin lebt ein Drittel aller St.Galler Haushalte autofrei», sagt sie und betont, dass es in St.Gallen keinen Platz mehr für neue Strassen oder horrend teure Tunnels gebe. «Es wird fürr die nächsten Generationen riesige Lasten zur Folge haben, wenn sie eine solche Infrastruktur tragen müssten. Es ist an der Zeit, dass wir auf dieser Welt, in dieser Stadt ausprobieren, in neuen Formen zu leben, Bewährtes pflegen, Neues wagen.»

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

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Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

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Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

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Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

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Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
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Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2