In der Mülenenschlucht findet am 20. und 21. September das Festival «Susurrus» statt. Sie verwandelt sich dabei in eine Leinwand und einen Resonanzraum zugleich.
An kommenden Wochenende (20. und 21. September) verwandeln fünf Künstlerinnen die Mülenenschlucht in St.Gallen in ein immersives Kunsterlebnis: Am Festival «Susurrus» inszenieren Charli Ciarla, Morena Barra und Claude Bühler am Freitag sowie Hannah Gottschalk und Vanessà Heer am Samstag mit Video- und Klangkunst den Wasserfall im oberen Teil der Schlucht. Dabei wollen sie eine Symbiose aus visuellen und auditiven Eindrücken schaffen, die nicht nur eine «extatische» Wirkung entfalten, sondern auch einen neuen Blick auf den Ort und seine Geschichte ermöglichen.
Kuratorin Morena Barra setzt dabei besonders auf künstlerische Kollaboration und alternatives Geschichtenerzählen. In ihrer Rolle als Initiatorin bringt die St.Galler Videokünstlerin und Filmemacherin Kunst und Natur auf digitalem Weg zusammen. Inspiriert von partizipativen künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum in Neapel und tief verwurzelt in der Region St.Gallen, hat Barra mit «Susurrus» eine Plattform geschaffen, auf der Kunstschaffende und Publikum gleichermassen erweiterte Realitäten erleben und die Mülenenschlucht neu entdecken können.
Der Begriff «Susurrus», lateinisch für Flüstern, verweist bereits auf onomatopoetischer Ebene auf die Klänge und die mystische Atmosphäre der Schlucht, die während des Wochenendes als Leinwand und Resonanzraum zugleich dient. An beiden Abenden, jeweils zwischen 19.30 und 23 Uhr, werden Videoprojektionen und Soundperformances gezeigt, die die Geschichte des Ortes reflektieren, aber auch fortführen und dabei Raum für Imagination lassen. Das Überthema des Festivals bleibe allerdings der Ort selbst, betont Barra, die bereits 2021 eine erste künstlerische Intervention in der Mülenenschlucht durchführte – damals unter dem Titel «San Gennaro è puntuale».
Protest durch Projektion
Die Mülenenschlucht, die Barra als «Kraftort» bezeichnet, wird während der diesjährigen Ausgabe des Festivals an zwei Abenden aus einer historischen Perspektive beleuchtet, mit einem besonderen Fokus auf regionale, weibliche und kollektivistische Bezüge. Die Videoarbeit, die Barra in Zusammenarbeit mit Charli Ciarla für «Susurrus» entwickelt hat, thematisiert die Kolonialisierung der einst in der Region St.Gallen ansässigen heidnischen Bevölkerung, die der Legende nach von Gallus und seiner Gefolgschaft christianisiert wurde.
«Susurrus»: 20. und 21. September, Mülenschlucht St.Gallen
susurrus.ch
Update vom 12. September: Das Festival hätte am 13. und 14. September stattfinden sollen, musste aber wetterbedingt um eine Woche verschoben werden (red.)
Während ihrer archivarischen Recherche stiessen Barra und Ciarla auf die Geschichte zweier Frauen, die von Missionaren als „«Teufel in Weibergestalt» aus der Mülenenschlucht vertrieben wurden. Diese Geschichte wollen die Künstlerinnen mittels Augmented Reality in digitalen Projektionen auf die natürliche Wasseroberfläche weitererzählen. Die Videoarbeit Divine Demons ist daher auch als feministische und postkoloniale Wiederaneignung des frühen Kraftortes und der Mülenenschlucht als Wiege St.Gallens zu verstehen. Ergänzt wird die Videoarbeit durch eine modulare Synthesizer-Performance der Klangkünstlerin Claude Bühler.
Dialog mit der Geschichte
Auch die Zusammenarbeit der Künstlerinnen Hannah Gottschalk und Vanessá Heer basiert auf einer intensiven Archivarbeit innerhalb des künstlerischen Schaffensprozesses. In ihrer Intervention setzen sich die beiden Künstlerinnen mit der Textilgeschichte St.Gallens auseinander und untersuchen diese in einem zeitgenössischen künstlerischen Kontext auf natürlichem Untergrund. Dabei reagiert Gottschalk mit visuellen Elementen auf den abstrakten Sound von Heer, der sich aus mechanischen und industriellen Klängen zusammensetzt. Dieses Vorgehen stellt den Umkehrschluss der Performance am Vortag dar, bei der auf sogenannte audioreaktive Weise auf die Visuals eingeganen wird.
San Gennaro é puntuale von Morena Barra. (Bild: Kay Appenzeller)
Gemeinsam nutzen Gottschalk und Heer die Fusion aus natürlicher und digitaler Ebene, um die Mülenenschlucht in eine neue, dritte imaginative Dimension zu heben. Die dabei verwendeten Motive des Webens und Spinnens spielen hier auf den kollaborativen Ansatz ihrer eigenen kreativen Arbeit und das Konzept des Festivals an.
Bei «Susurrus», das künftig alle zwei Jahre stattfinden soll, entstehen Werke, die den Ort nicht dominieren, sondern sich harmonisch in ihn einfügen, seine Geschichte aufgreifen und gleichzeitig neue Perspektiven eröffnen, so Morena Barra. Das Festival lädt das Publikum ein, die Mülenenschlucht aus einem völlig neuen Blickwinkel zu erleben und durch das immersive Kunsterlebnis nicht nur die Wahrnehmung herauszufordern, sondern auch über die Beziehung zwischen Kunst, Natur und Geschichte nachzudenken.
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