In der griechischen Mythologie ist Tethys die Schwester der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung und der neun Musen. Nach ihr, der Titanin und Meeresgöttin, Tochter des Uranos und der Gaia, wird das Urmeer benannt, das vor etwa 250 Millionen Jahren existierte und verschwand, als Afrika und Indien mit Eurasien aufeinander trafen. Diesen erdgeschichtlichen Vorgang, auf den sich der Titel des Buches bezieht, rafft Monika Schnyder in ihrem fünften Gedichtband in 15 Zeilen zusammen. Sie sind typisch für mindestens eine Hälfte ihres poetischen Verfahrens:
vor äonen in die mangel genommen gekappt von kontinenten kalbernden mäandernden: TETHYS das meer urmeer leer te sich wie es heisst in einem wimpernschlag tauchen inseln auf berge von inseln eine landbrücke ich aber sehe
sie kommen mächtig stosszahnbewehrt die ZYGODONTEN MASTODONTEN vor äonen jahrmillionen gescheckte gefleckte savannenbewohner aus reisser wild- und flusspferd im galopp vorneweg der königliche löwe sein atem hängt noch in der luft
Das Gedicht ist in der zweiten, umfangreichsten Abteilung des Buches enthalten und ist eines der längeren. Ihm steht einer der kürzesten Texte gegenüber, der die andere Seite dieser Dichterin offenbart, die des impressionistischen Tupfers und des witzigen Aperçus:
strömen dann sinken tief tiefer als sediment teil sein von meehr
Insgesamt fünf Abteilungen umfasst Tethys. Jede widmet sich einem Themenbereich, einer Gegend oder einem entwicklungsgeschichtlichen Prozess. So umkreisen die Texte in Die herden ziehen in losen Assoziationen das Thema Strassenverkehr. Ex salinis/mare nostrum versammelt Sprachkristalle aus Lübeck, Halle und der Lüneburger Saline. Dieser duft nach «ma dai» führt nach Genua, zum Barockmaler Gregorio de Ferrari, und nimmt etwa Bezug auf die Überflutung der Stadt im Jahr 2014. Der mann hier genannt MENHIR hebt mit einem Besuch im Archäologiemuseum Laténium in Neuchâtel an und pirscht – erneut geschichtlichen Zeiträumen den Obolus entrichtend – in «sandalen aus eichenbast/3000 BC» vorwärts. Rot unser täglich präsentiert schliesslich Gedichte von einem Polenaufenthalt und endet vor einem Teller Borschtsch mit einem herzhaften «smatschnego!», dem polnischen Ausdruck (phonetisch) für «guten Appetit».
Monika Schnyder: Tethys, Wolfbach Verlag Basel 2015, Fr. 36.90.
Buchvernissage: 4. November, 20 Uhr, Buchhandlung zur Rose St.Gallen
Eine disparate Kollektion? Tatsächlich scheinen die Themen- Cluster untereinander zunächst keine direkten Verbindungen zu besitzen. Tethys ist ein Gedichtband, der die Ernte verschiedener Reisen der Autorin einbringt und sich einem auf einer ersten Ebene geografisch erschliesst – um sich vor diesem Hintergrund zu einem Ganzen zu fügen. Von Gedicht zu Gedicht wächst dann die Lust auf «meehr» – auf mehr «löwenfüssige poltronen», auf mehr «geissel-/glocken-pantoffel-tierchen», auf noch einen «schwall von nasalen/vokalen von jenseits der karpaten».
Die St.Galler Lyrikerin, Arabisch-Lehrerin und passionierte Reisende spannt mit ihrem Sprachsensorium ein Panorama auf, das vom Kleinsten zum Grössten führt, von der geo- und biologischen Welt- und Erderkundung bis zum Zittern des feinsten sprachlichen Empfindungsraums.
Über ihre eigene Schreibmethode sagte einmal eine andere Sprachartistin, Friederike Mayröcker, es sei «eine kalkulierte Jagd nach der fruchtbringenden Irritation von aussen». So ähnlich darf man sich den Schreibimpuls wohl auch bei Monika Schnyder vorstellen, Hunger nach Welt inklusive.
Die in Tethys enthaltenen Gedichte machen gerade wegen ihrer kaleidoskopartig funkelnden Vielfalt einfach Freude. Ja, so viel Lust an der Sprache steckt an, selbst da, wo die Autorin dunklere Töne anschlägt und bitter ernst wird, auch da, wo sich der Sinn einer Wendung vielleicht erst auf den dritten oder vierten Blick entschlüsselt. Oder um Monika Schnyder noch einmal selber mit ihrer erfrischenden Sprachfreude zu Wort kommen zu lassen:
in salz gebettet so frisch so weiss so seite an seite mit dir in der tonne herings wonne
Monika Schnyder
Dieser Text erschien im November-Heft von Saiten.
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