Was wir scheinen ist der erste Roman der Literaturwissenschaftlerin Hildegard E. Keller. In der fiktionalen Biografie verbringt sie mit Hannah Arendt den Sommer 1975 im Tessin und lässt Erinnerungen und Freundschaften noch einmal aufleben. Keller liest dieses Wochenende am digitalen Wortlaut-Festival.
Hannah Arendt. Auf Fotos meist elegant mit Perlenkette, das Haar ein bisschen ungebärdig, Zigarette muss sein. Der Blick offen, doch eher forschend als einladend. Eine Dame von Respekt. Ihre Biografien beginnen meist bei ihren Professoren Heidegger und Jaspers, erzählen die Flucht aus Deutschland, zeichnen Arendts Forschung zum Totalitarismus nach und gipfeln beim Eichmann-Prozess und dem Diktum von der «Banalität des Bösen». Ehrfurcht stellt sich ein, und das Erstarren ist nicht mehr weit.
Hannah Arendt. (Bild: pd)
Hildegard E. Keller aber ist eine wendige Person. Die aus St.Gallen stammende Professorin, Kritikerin und Herausgeberin ist eine unermüdliche Literaturvermittlerin, die sich als «Maulheldin» nun sogar durch die Weltliteratur kocht. Sie traut sich, Hannah Arendt zur Protagonistin ihres ersten Romans zu machen. Die Erlaubnis dazu holt sie sich bei der Philosophin selbst, die sich zeitlebens das Selberdenken nicht verbieten liess. War es denn nicht Arendt, die den Menschen hinter dem Monster, zu dem man Eichmann stilisiert hatte, erkennen wollte? Dafür muss man gut zuhören und empathisch mitdenken: «To stand in the shoes of others», nennt sie es.
Grosse Liebe zur Poesie
Keller also schlüpft in Arendts Schuhe. Wir sind im Jahr 1975 und die ältere Dame, die auch diesen Sommer mit dem Zug durch den Gotthard in die Ferien nach Tegna fährt, könnte Pumps mit wenig Absatz tragen. Das ist natürlich geflunkert, wie viele der Episoden aus dem letzten Tessin-Aufenthalt von Arendt. Etwa wenn sie am Frühstückstisch Rotkehlchen füttert, Mani-Matter-Lieder hört oder sich im Grotto Kaninchen auf Polenta schmecken lässt. Hildegard E. Keller stellt im Abspann denn auch klar, dass es sich um «ein Werk der Fiktion» handle.
Trotzdem sei «jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen, lebenden oder toten Personen nicht nur beabsichtigt, sondern unvermeidlich». Die Quellenangaben füllen denn auch ganze vier Buchseiten. Die Autorin hat umfassend recherchiert und schöpft aus einer profunden Kenntnis nicht nur des Werks von Arendt, sondern auch ihrer Bezugspersonen.
Um jedoch den Menschen Hannah Arendt hinter dem Monument zu erkennen, hört Keller weniger auf die philosophischen Hauptwerke als vielmehr auf Briefe, ein Märchen und vor allem auf Gedichte. Denn: «Poetry is closest to thought» – so eines der zahlreichen eingerückten Zitate. Aus einem Gedicht stammt denn auch der Titel des Buchs: «Was wir sind und scheinen, / ach wen geht es an. / Was wir tun und meinen, / niemand stoss sich dran».
Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Eichborn-Verlag, Köln. Fr. 35.90
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Der Sommer im Tessin bildet die Rahmenhandlung des Buchs. Ausser einem Treffen mit ihrem ersten Mann Günther Anders und einem Besuch bei Martin Heidegger passiert nicht viel biographisch Relevantes. Die Hannah Arendt in der Jetztzeit des Romans stellt Keller als 69-jährige, etwas gebrechliche Witwe vor, die immer noch viel raucht und auch sonst gern geniesst, vor allem aber mit hellwachen Sinnen durch das Leben geht. Sie findet leicht ins Gespräch mit anderen und springt sofort an, wenn etwas Gescheites zurückkommt. Die Dialoge fackeln nicht lange und rühren schnell an Lebensfragen. Der Erfahrungs- und Erinnerungsschatz geht auf.
Intellektuelles Networking
Die Tegna-Kapitel wechseln sich ab mit anderen Schauplätzen aus den Jahren 1944 bis 1969. Die Hannah Arendt der Vergangenheit ist deutlich biografisch konzipiert, und die Kapitel vermitteln Einblicke in ihr Denken und ihre Philosophie. Nicht von ungefähr sind die Jahre 1961 bis 63 deutlich übervertreten, also jene Zeit, in der sie als Reporterin für den «New Yorker» am Eichmann-Prozess teilnahm bis zur gehässigen Kontroverse nach dem Erscheinen ihrer Reportagen darüber.
Doch auch hier umschifft Keller die Philosophie-Vorlesung und bleibt beim Roman. Sie will den Menschen zeigen, nämlich eine zu tiefen Freundschaften fähige Frau. So riss etwa das (Brief-)Gespräch mit dem Zionisten Kurt Blumenfeld ein Leben lang nie ab, obwohl sie politisch manchen Streit miteinander ausfochten.
«Late Night Ladies. Mit Hildegard an der Zoom-Bar»: 27. März 21 Uhr per Zoom im Rahmen des St.Galler Wortlaut-Festivals.
Weiter im digitalen Programm des Wortlaut-Festivals vom 25. bis 28. März: Richard Butz, Nicolas Mahler/Jaroslav Rudis, Simone Baumann und Thomas Ott, Maya Olah, Werner Rohner und Laura Vogt, das «Leerbuch» des Museums of Emptiness und der Gassenhauer von Saiten mit Marcus Schäfer und Diana Dengler.
wortlaut.ch
Kurti nennt sie ihn, Benji einen anderen wichtigen Freund (Walter Benjamin), ihr Mann Heinrich Blücher ist Stups, sie selber Schnupper. Die Kosenamen sind ein kleiner Trick der Autorin, um uns in die Nähe zu holen. Wer sich vom Fluss des Erzählens tragen lassen will, fühlt sich in diesem Roman ganz gut aufgehoben. Wer jedoch mehr weiss oder wissen will über das weitverzweigte intellektuelle Netz von Karl Jaspers, Gershom Scholem, Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann und vielen weiteren, erfährt auch die Klarnamen, entdeckt eine Fülle von Anspielungen im Text und wird vielleicht angeregt, dieses oder jenes wieder einmal nachzulesen.
Hildegard E. Keller ist mit Was wir scheinen das Kunstwerk gelungen, einen Roman über Hannah Arendt zu schreiben, der sich leicht lesen lässt, ohne das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen. 576 Seiten dick ist er geworden. «Weil man mit Hannah Arendt nicht so schnell fertig wird!», sagt Keller in einem Interview. Arendts Leben, ihr Werk, ihr Temperament sei «Kraftnahrung vom Feinsten». Das Buch bleibt seinen Leserinnen und Lesern den Beweis dafür nicht schuldig.
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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