«Ein Experiment» nennt es Karsten Redmann, Autor und bei Wortlaut für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, im Gespräch mit Saiten. 2020 war das St.Galler Literaturfestival der Pandemie komplett zum Opfer gefallen (Ausnahme: der Gassenhauer) – 2021 ist jetzt, nach der frühzeitigen Absage, ein digitales Ersatzprogramm geplant.
Was möglich ist – das sei nicht nur der Titel von Werner Rohners neustem Roman, aus welchem der Autor am 13. Wortlaut St.Galler Literaturfestival vorgelesen hätte, sondern auch das Motto des Alternativprogramms. Eine wirkliche Alternative seien digitale Formate nicht, aber sie versuchten zumindest eben halt das, «was möglich ist».
Lässt sich das Publikum darauf ein?
Gespannt sei er auf die Reaktionen des Publikums, sagt Redmann. Die traditionellen Wortlaut-Besucherinnen und -Besucher seien «nicht unbedingt jene, die digitale Formate bevorzugen». Ob sie die gestreamten Programme annehmen, werde man sehen.
Wortlaut 2021: 25. bis 28. März
wortlaut.ch
Neuland sind aber auch die Formate selber – zumindest für die Wortlaut-Macherinnen und -Macher. Wobei sie davon profitieren, dass bereits bisher das Festival nicht «nur» Lesungen und Gespräche umfasste, sondern mit Spoken Word, mit Poetry Slams, mit Graphic Novel oder Kabarett seit jeher einen breiten Literaturbegriff und vielfältige Formate pflegte.
Allerdings sei es bei den beschränkten Ressourcen des Festivals nicht denkbar gewesen, alle Programmpunkte digital umzupolen, erklärt Karsten Redmann. Einzelne Gäste hätten dies zudem gar nicht gewollt. Auf der Einladungsliste der diesjährigen Wortlaut-Tage standen unter vielen anderen Dorothee Elmiger, Rolf Lappert, Nora Gomringer oder Lisa Christ. Man wird sie ebenso vermissen wie den traditionellen Dialekt-Poetry-Slam oder die Literaturbeiz.
Gezeichnete Nachtgänge und Alpträume
Im Coronajahr haben die Zeichnerinnen und Zeichner das Heft in der Hand. Zum einen der Wiener Nicolas Mahler, legendär mit seinen grossnasigen Figuren und dem lakonisch tiefsinnigen Humor. Mahler hat, nach dem Gewaltswerk einer Comic-Umsetzung von James Joyce’ Ulysses, jetzt mit dem Prager Autor Jaroslav Rudis den Band Nachtgestalten herausgebracht: zwei Männer auf nächtlicher Beizentour von Bier zu Bier und von Geschichte zu Geschichte treibend.
Szene aus den Nachtgestalten
Anstelle der coronahalber abwesenden Autoren lesen Marcus Schäfer und Oliver Losehand vom Theater am Tisch den Text, Filmer Jurek Edel animiert die Bilder, und Marcel Elsener und Peter Lutz sorgen mit Stromgitarren für nächtliche Atmosphäre.
Den zweiten Comic-Abend bestreiten Simone Baumann und Thomas Ott. Die junge Zürcher Zeichnerin hat mit Zwang ein flimmerndes, akribisch gezeichnetes Alptraum-Stück geschaffen und bereits eine imposante Serie von Fanzines herausgebracht.
Thomas Ott, der Meister der Schabkartontechnik, gehört zu den Förderern von Simone Baumann. Er hat zuletzt La Forêt publiziert, die Geschichte eines Jungen auf dem Weg durch den Wald, vorangetrieben von Ängsten und Glücksgefühlen. Im Palace unterhalten sich Ott und Baumann mit den St.Galler Zeichnerinnen Lika Nüssli und Julia Kubik über ihr Schaffen.
Dialog-Spaziergang mit je ihrem zweiten Roman: Werner Rohner, Laura Vogt
Ostschweizer Spaziergänge
Die geschriebene Literatur kommt daneben auch zu Ehren. Laura Vogt und Werner Rohner treffen sich auf einem Spaziergang und reden über ihre neuen Bücher, Vogts letztes Jahr erschienenen Roman Was uns betrifft und Rohners jüngsten Roman Was möglich ist. Zwei Bücher über Frauen, geschrieben von einer Frau und einem Mann – den beiden beim gefilmten Spazieren und Nachdenken zu folgen, sei eine vielversprechende Form, die einen Mehrwert gegenüber dem konventionellen Zwiegespräch biete, sagt Karsten Redmann.
Im Hallenbad: Maya Olah
Ähnlich die junge St.Gallerin Maya Olah: Sie hat im leeren Volksbad Texte rund um Schwimmen gelesen und wurde dabei gefilmt von Juan Ferrari und Pascale Lustenberger. Olah war 2016 Teilnehmerin am Opennet der Literaturtage Solothurn und 2019 Stipendiatin des Literaturkurses in Klagenfurt.
Nicht ins Bad, aber an die Bar lädt Literaturprofessorin Hildegard Elisabeth Keller am Samstagabend: Sie empfängt laut Ankündigung «drei Ladies», die in ihrem vor kurzem erschienenen, im Märzheft von Saiten besprochenen Roman Was wir scheinen eine wichtige Rolle spielen: Hannah Arendt, die Protagonistin des Romans, sowie Alfonsina Storni und Ingeborg Bachmann. Keller hat das Format «Mit Hildegard an der Zoom-Bar» bereits anderswo erfolgreich lanciert; die Drinks zum Text mixt ihr «Maulhelden»-Partner Christof Burkard.
Präsent am Wortlaut wird auch die Neuerscheinung des Jahres (aus Stadt-Sanktgaller Sicht) sein – auch wenn die Buchpremiere inzwischen in den Mai verschoben ist: die neun Hefte der literarischen Spaziergänge durch die Stadt St.Gallen, die Richard Butz bei der Verlagsgenossenschaft VGS herausbringt (Besprechung ebenfalls im Märzheft von Saiten). Butz stellt zusammen mit der Schauspielerin Nathalie Hubler die Publikation zum Auftakt des Festivals am Donnerstag in einem Film vor.
Leere im Buch, Stube statt Gasse
Richtig physisch geht es einzig im Museum of Emptiness (MoE) an der Haldenstrasse zu und her – als Museum darf es offen sein. Am Wortlautsonntag ist dort erstmals das «Leerbuch», ein vom Shutdown inspiriertes Projekt, zu besichtigen. Es zeigt 24 leere Orte, die von den Fotografen Daniele und Ben Lupini festgehalten wurden, zu 24 Interviews von Gilgi Guggenheim mit Margrith Bigler, Barbara Bleisch, Jon Bollmann, Jacqueline Burckhardt, Marcy Goldberg, Hedy Graber, Simon Grand, Hanna B. Hölling, Gardi Hutter, Theres Inauen, Marc Jenny, Hildegard E. Keller, Daniel Koch, Olivia Kühni, Walter Leimgruber, Josef Muggli, Bertrand Piccard, Hans Reckhaus, Peter Schneider, David Signer, Juri Steiner, Mirjam Varadinis, Ursus Wehrli und Fanny Wissler.
Stubenhauer: Marcus Schäfer, Diana Dengler
Gratis, mit Solidaritätsbeitrag
Schliesslich, zwar nicht live und körperlich auf die nächtliche Gasse gehauen, dafür online am Samstagabend – der Gassenhauer von Saiten mit Marcus Schäfer und Diana Dengler. Emmi und Günther, die beiden Stars der Gassenliteratur, werden unvermeidlich angesteckt von Corona und stellen wie stets die Lage der Dinge vom Pandemie-Kopf auf die Füsse.
Der Zugang zu den Streams ist kostenlos, mit der Möglichkeit, freiwillig ein Solidaritäts-Ticket zu zahlen. Zudem werden die Streams und Filme nicht nur am Wortlaut-Datum selber, sondern darüberhinaus online zugänglich bleiben. Dies, wie Karsten Redmann sagt, im Interesse der mitwirkenden Autorinnen und Autoren und damit der Zusatzaufwand, den die digitale Aufbereitung des Programms mit sich bringt, nachhaltig ist.
Wortlaut, das St.Galler Literaturfestival geht in sein zehntes Jahr: Zeit für eine Hommage oder Ende der Schonfrist? Ein fiktives Gespräch zwischen dem nörgelnden und dem applaudierenden Ich.
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