Zugegeben: Der Bericht kommt etwas spät. Aber das vorgestrige Konzert von My Bloody Valentine in der Feldkircher Poolbar wird noch lange nachhallen. Metaphorisch wie auch akustisch – in Form hoher Frequenzen, die in den Köpfen der rund 100 Besucher weiterpfeifen.
Der Abendhimmel hätte nicht schöner sein können, vorgestern kurz vor 10. Ziemlich düster, von kitschigen gelb-orangenen Schwaden durchzogen. Einige warten schon vor der Bühne, andere stehen noch draussen auf dem Kiesplatz, eingepfercht von den Vorarlberger Tannenhügeln und dem städtischem Gefängnisbunker. Eine Szenerie wie bei Lynch.
Dann aber, die letzten schmeissen die Zigarette weg, My Bloody Valentine, von 0 auf 100. Beziehungsweise auf geschätzte 125 Dezibel. Ich weiss nicht mehr, welches das erste Stück war – irgendeines der wahnsinnigen Loveless-Platte, und zwar eines der lichteren, das sich nicht allmählich aufbaut, sondern sofort mit der Tür ins Haus fällt.
Das war eine Ansage für das, was die nachfolgenden anderthalb Stunden kam: Konsequenz. Praktisch alles der drei Studioalben werden gespielt, gespickt mit Einzelheiten aus ihren zahlreichen Kurzalben und EPs.
Das Publikum steh derart licht herum (what a shame, it’s MBV!), man kommt einfach an den Bühnenrand. Von da sieht man, wie erstaunlich ruhig und passiv vor allem Kevin Shields da steht. Einmal ruft zwischen den Songs eine aus dem Publikum etwas wie „make a brake if you’re tired“ in Richtung Shields. Danach singt sie „I love you MBV, I love you MBV, …“. – er meintedankend, dass er leider erst weitermachen könne, wenn sie aufhöre.
Denn nein – müde sind MBV nicht! Sondern einfach hochkonzentriert. Wenn man die ganze Bühne fokussiert, erinnern die fünf Musiker zeitweise an notorische Synchronschwimmer. Takt- und Akkordwechsel erfolgtn auf den Punkt gleichzeitig. Keine Patzer, sondern alles scharf wie frisch geschliffene Messer.
Das alles wird in der Summe, beispielsweise beim neuen Stück New You, ein von der Tremolo-Gitarre getriebenes Pop-Highlight, als überbreites Soundmeer serviert. Die Musik kommt nicht von der Bühne, sondern scheint überall in der Halle zu entstehen; je nach Standort wirken sich feinstmaschige Feedbackschlaufen anders aus. Shields steht vor einer Mauer aus 11 gekoppelten, verschiedenen Gitarrenverstärkern (wobei nicht immer alle aktiv sind), Colm Ó Cíosóig droht zeitweise, sich selber vom Schlagzeughocker zu schleudern. Und trotzdem, all die übertriebene Kraft scheint in grösster Ruhe fabriziert, wie der intensivste Traum im Valium-Schlaf.
Einige stänkern bald, man höre die Stimme kaum. Das ist tatsächlich der Fall. Der Gesang von Bilinda Butcher rückt weiter in den Hintergrund als auf Platte. Doch ehe man das kritisiert, müsste man verstehen, worum es MBV geht. Nämlich darum, dass sie den Live-Moment, anders als so viele andere Bands, als solchen thematisieren, dass sie dessen Vorzüge ausschöpfen. Dabei geht es vor allem um Leistung, welche die Stereoanlage im Wohnzimmer nicht gewährleisten kann.
Ein MBV-Konzert ist nicht bloss ein Vortrag der Lieder, wie sie auf Platte sind. Es geht um eines der Grundelemente des Noise: das physische Erfahrbarmachen von Musik. Die Bässe schwingen in den Unterbauch, die Höhen ziehen an den Oberarmen, das Schlagzeug haut sich direkt unter die Stirn.
Das funktioniert, und stellt sich als hochaktive Kommunikation heraus. Daher muss man auch nicht darüber reden, wie wortkarg sich die Gruppe gibt, denn Sprache wäre ohnehin überflüssig.
Gegen Schluss wird die Halle immer leerer und das Publikum geniesst wie paralysiert When you sleep oder Sometimes, so breit, wie noch nie. Einige tanzen sogar, als gegen Schluss eine schier nicht endende Noise-Wand gespielt wird – quasi ein Standbild einer explodierenden Feuerwerksrakete. Adorno sprach einmal vom perfekten Kunstwerk als jenem Moment, der verfliegt, ehe der höchste Punkt erreicht ist.
Dann ist Schluss, das Licht geht an. Man schaut sich an, einige blicken zum Tontechniker. Dieser hat einen A4-Zettel zur Hand: „It is supposed to sound like this“. Mehr gibt es nicht zu sagen.
PS: Am Wochenende hätte er den Zettel vielen verstörten Gesichtern hinhalten müssen, an einem Festival in Frankreich.
Und ja: Nach einem kurzen Gespräch mit ihm über Dezibel-Limiten in Europa, speziell in der Schweiz, kamen wir auf das angesagte Konzert im Zürcher Komplex Club zu sprechen, das gestern hätte stattfinden sollen, leider aber abgesagt wurde. «Is it because of that?» – «Hm. I better don’t talk about this…» meinte er und rollte weiter Kabel zusammen.
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