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Klangbad im Familienbad

Eine Rarität ist am Sonntag auf Dreiweieren in St.Gallen zu hören: Die französische Musikerin Caroline Ether spielt ein Konzert auf den Ondes Martenot. Im Interview sagt sie, was es mit dem «Klang der Sterne» auf sich hat. Von Charles Uzor
Von  Gastbeitrag

Was sind die Ondes Martenot? Welche Besonderheiten hat dieses Instrument?

Caroline Ether: Die Ondes Martenot sind das Lied der Elektrizität. Der Klang liegt zwischen der Stimme und einem Saiteninstrument, in seiner grossen Flexibilität beschwört er gleichsam die Ewigkeit im Raum. Neben dem Theremin sind die Ondes Martenot eines der ersten elektronischen Instrumente. Elektronisch, da es aus Elektronen besteht, welche die Rolle eines Rohrblatts oder einer Saite spielen. Hinsichtlich des Klangs und Ausdrucks sind sich Ondes Martenot und Theremin ähnlich, das Ruban der Ondes ähnelt den Finger-Luftbewegungen der Theremin-Spielerin, aber die Ondes besitzen mehr Klangfarben und Klangmittel wie zum Beispiel die Resonanz, die Lautsprecher, den Gong und die Tastatur. Maurice Martenot wünschte sich, dass dieses Instrument die Erweiterung des Denkens und der empfangenen Schwingungen würde. Damit machte er uns ein immenses Geschenk.

Wie hast Du das Instrument entdeckt?

Ich begann mit 7 Jahren Klavier zu spielen. Als Heranwachsende suchte ich dann nach anderen Ausdrucksmöglichkeiten. Neben dem Klavier nahm ich Unterricht in Posaune, Didgeridoo, Gitarre und Kontrabass. Ich suchte nach einem Weg, wie ich meine Sensibilität am besten ausdrücken könnte. Die Begegnung mit den Ondes Martenot erfolgte auf einen engelhaften Hinweis einer Freundin. Das Instrument wurde direkt neben dem Klavierzimmer unterrichtet, meine Suche war am Ziel.

Wo wird das Instrument in der klassischen Musik eingesetzt?

Sein Repertoire umfasst rund 1500 Werke, von Varèse, Messiaen, Honegger zu Scelsi, Boulez, Jolivet, Murail, Martinu… dies in allen möglichen Gattungen wie Konzert, Kammermusik, Soli – und natürlich in der grossen Oper Saint François d’Assise von Olivier Messiaen.

Gibt es Dein Instrument auch im Pop? Ich kenne nur die Radiohead-Ballade Pyramid Song mit Jonny Greenwood.

Die Ondes Martenot hört man in Liedern von Tom Waits, Gorillaz, Zazie, Vanessa Paradis und Jacques Brel, häufig auch in Filmmusik, Mad Max, Mars attacks, Fantomas.

Caroline Ether an den Ondes Martenot. (Bilder: pd)

Hat Deine Komposition Le Chant des Etoiles einen Bezug zu den Drei Weihern? Spielten die Elemente Wasser, Sterne und Natur beim Konzept eine Rolle?

Die Drei Weihern sind ein Ort der Ruhe. Hier oben kann man sich mit den Sternen verbinden. Es ist ein perfekter Ort, um die Musik zu empfangen. Die Elemente des Himmels und der Erde sind die Wurzeln, der Stamm, die Äste und Blätter dieses Stücks, das eine Einheit der Wahrnehmung sucht.

Warum findet das Konzert im Freien statt und nicht in einem Konzertsaal? Wird die Tonübertragung im Freien genügend sein?

Ein Freiluft-Konzert bietet den offenen, unendlichen Raum, in dem die Energien und der Wind frei zirkulieren können. Eine klangliche Besonderheit wird sein, dass der Ton von holophonen Lautsprechern übertragen wird, die einen sphärischen Klang über 360 Grad ausstrahlen, also so etwas wie ein akustisches Panorama wiedergeben.

Le Chant des Etoiles, Sonntag 21. August, 21 Uhr, Familien-/Frauenbad Dreilinden St. Gallen (bei schlechter Witterung 28.8.22).
Eine Veranstaltung von contrapunkt.new art music.

contrapunkt-sg.ch

Erzählt uns Le Chant des Etoiles eine Geschichte, werden Bilder vermittelt?

Über die Konzertform hinaus wird die Performance ein Moment der Begegnung, des Teilens, des Respekts. Respekt für alles Lebendige, so sehe ich Kunst. Das Stück erzählt keine Geschichte. Mit diesen melodischen Wellen ist es ein Ozean von Klängen, eine Reise, die jeder in seiner persönlichen Art erleben wird. Das Stück wurde entwickelt, um einen inneren Teil von uns mit etwas Grösserem in Resonanz zu bringen. Die Musik will diesen Teil wecken und eine Verbindung herstellen.

Kannst Du etwas über die Entstehungsprozesse Deiner Kompositionen erzählen?

Das bringt mich zurück zu meiner Vorstellung von Kunst. Meiner Meinung nach geht es in der Kunst nicht nur um persönlichen Ausdruck. Sie sollte nicht dazu dienen, den zu verherrlichen, der sie vermittelt, sondern sie ist ein Loblied auf die universelle Schönheit. Wir haben uns weit von den einfachen und schönen Dingen entfernt. Doch alles ist noch da, es ist nur eine Frage des Gewissens und der Entscheidung.

«Meine» Kompositionen entstehen in einem völlig intuitiven Prozess, frei von geistiger Kontrolle. Umgekehrt geht es bei mir nicht. Was kommen muss, kommt zu einem bestimmten Zeitpunkt zu mir, und wenn ich diesen Zeitpunkt verpasse, ist es vorbei. Es ist wie in der Beziehung zu Kaïros, vorher ist zu früh und danach zu spät, ich bin lediglich die Übertragerin, verantwortlich für die Schwingungen, die ausgesendet werden. Ich habe mich lange mit der geheimen Geometrie und den Auswirkungen von Klang auf unseren Körper beschäftigt. Solche Verbindungen geben mir eine Grundlage für die meisten Kompositionen. Auch Le Chant des Etoiles baut darauf auf.

Die Ondes Martenot

Nach jahrelangem Tüfteln präsentierte Maurice Martenot 1928 die Ondes Martenot an der französischen Oper. Heute ist das fast 100-jährige Instrument immer noch praktisch unbekannt.

Die Ondes Martenot («Martenot-Wellen») sind monophon und werden zweihändig bedient: Die rechte Hand spielt ein beweglich aufgehängtes Orgelmanual, das ein Vibrato durch Handbewegungen ermöglicht, oder erzeugt Glissandi und Vibrati über ein Band (ruban) in einer Zugvorrichtung, das an einem Fingerring befestigt ist. Die linke Hand beeinflusst die Klangfarbe und die Dynamik mittels Tasten und Reglern. Technisch beruht das Instrument auf dem Prinzip des Schwebungssummers: Der hörbare Klang ist (ähnlich wie bei der Technologie der damaligen Radioempfänger) eine Schwebung aus den Schwingungen zweier Oszillatoren, die durch verschiedene Filter geleitet wird.

Quelle: swissfilmmusic.ch

Kannst Du das noch konkreter ausführen? Wie zeigt sich diese «geheime Geometrie»?

In ihrer reinsten und einfachsten Form ist die Geometrie geheim und heilig; ihr liegen heilige Proportionen zugrunde, die von bestimmten Zahlen definiert werden, z. B. die Zahl Phi, die als goldene Zahl, auch als göttliche Proportion oder Goldener Schnitt bezeichnet wird. Man findet diese Zahl immer wieder in den Werken der griechischen Antike, aber auch im Wachstum der Organismen. Wenn wir die Natur betrachten, finden wir überall eine seltsame Verbindung zur Geometrie.

Wir alle haben die gleichen genetischen und geometrischen Muster, die gleiche DNA. Alle Grundlagen des Lebens finden sich in Form dieser Geometrie. Sie ist die älteste aller Sprachen, weil Zahlen eine universelle Bedeutung haben. Diese Geometrie ist auch mit Schallwellen verwandt, mit Frequenzen und geometrische Formen, deren Verbindungen ich bei einem Stück zu entwickeln versuche. So können bestimmte wohltuende Wirkungen entstehen, welche die Harmonie zwischen uns und der Aussenwelt verstärken. Dieses Gleichgewicht von Innen und Aussen hat mich seit je interessiert.

Der Klang und die Artikulation der Ondes Martenot haben etwas Intimes. Manchmal glaubt man, eine menschliche Stimme zu hören oder ein Cello – oder ein Streicheln der Haut. Woher kommt das?

Das Instrument macht es möglich, Musik zu vermitteln, die jeden erreichen kann. Der Klang der Ondes eröffnet ein unbekanntes Terrain, es lässt uns Musik jenseits der Emotionalität wahrnehmen, eine Musik, die hin zur Wahrnehmung des Klangs an sich, als Vibration in uns, führt. Die Schwingung strömt in uns ohne körperlichen oder seelischen Widerstand. Sie berührt uns bis in die Zellen.

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