Flohmarkt in Wattwil. Der Himmel ist verhangen, ein erster kräftiger Regenguss ist bereits am Vormittag vorüber gezogen. Dennoch belegen zahlreiche Stände den Platz vor der Viehmarkthalle. Allerhand verlockende Schnäppchen erwarten die Kundschaft: «Pro Stück nur SFR 4.50 – Jacken, Mäntel, Skianzüge». Nebenan gibt es einen Gratis-Gürtel nach Wahl beim Kauf eines Kleidungsstückes. Auf hohen Stapeln von T-Shirts, Pullovern und Babykleidern liegen Zettel mit Pauschalpreisen von einem oder zwei Franken.
Die Verkäuferinnen und Verkäufer lassen sich vom grauen Wetter nicht beeindrucken, schliesslich ist es der erste Flohmarkt der Saison. Das Geschäft mit den Kleidern laufe gut, insbesondere Kinder- und Frauenbekleidung sei gesucht, sagt eine Standbetreiberin. Und: Qualität verkaufe sich eigentlich immer. Doch es ist nicht das grosse Geld, welches die Verkäuferinnen auf den Flohmarkt lockt. Die meisten nennen es ein Hobby, wobei sie sich einen «Zustupf» verdienen.
50‘000 Tonnen Altkleider im Jahr
Modelabels wie Zara, H&M und Esprit produzieren heute Kollektionen im Monats- oder Zweiwochentakt. Das Aufkommen der sogenannten Fast-Fashion verführt die Kundinnen in immer kürzeren Abständen dazu, die neuesten Modetrends einzukaufen. Das Lieblings-Shirt oder die Lieblings-Jeans, mit welcher man unzählige Erinnerungen verbindet, ist längst eine Seltenheit geworden.
Gemäss der Organisation Texaid steigt die jährliche Sammelmenge an Altkleidern in der Schweiz seit Jahren an und betrug 2013 rund 50’000 Tonnen. Davon werden rund 65 Prozent als tragbare Gebrauchtkleidung exportiert. 2003, vor gut zehn Jahren, betrug die geschätzte Menge noch 32’000 Tonnen.
Qualitativ hochstehende Kleider sind eine Ressource. Anna-Thea Jäger aus St.Gallen betont dies immer wieder im Gespräch über ihr Label Ponyhof, das sie gemeinsam mit Nora Dähler vor knapp fünf Jahren gegründet hat. Die beiden jungen Frauen verkaufen sorgsam umgenähte Secondhandkleider, die sie in Brockenstuben und auf Flohmärkten erstehen. «Wir konnten nicht verstehen, warum sich so viele Leute mit Billigstmode einkleiden, die innert Kürze Form und Farbe verliert», erzählt Anna-Thea. Daraus entstand die Idee, individuelle, qualitativ hochwertige und erschwingliche Mode aus Secondhandkleidung herzustellen. Der Erfolg von Ponyhof, der Ende Mai einen nächsten Popup-Shop plant, scheint dem Idealismus der beiden Frauen Recht zu geben.
Konkurrenz von Billig-Labels
Ein Abstecher in Billig- und Billigstmodegeschäfte vermittelt den Eindruck, das ganze Jahr über herrsche Ausverkauf. Findet nicht gerade Sommer-, Winter- oder Mid-Season-Sale statt, ist die Kollektion vom vergangenen Monat bereits herabgesetzt zu haben. Oder die Originalpreise sind so tief wie früher erst im Schlussverkauf.
Nicht nur die Produktion von Kleidern, auch der Bezug zu ihnen hat sich stark verändert. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren wurde mit den Kleidungsstücken sorgfältiger umgegangen – erst recht, wenn es sich um hochwertige Stoffe wie Seide, feine Baumwolle oder Schurwolle handelte. Heute werden Kleider immer seltener ausgetragen. Mit der nach Bangladesch, China oder Indien ausgelagerten Produktion wird modische Billigbekleidung heute so günstig hergestellt, dass sie preislich selbst mit dem Secondhandangebot konkurrieren kann.
Das Preisschild ist also kein Argument mehr für den Kauf von Secondhandkleidern. In St.Gallens ältestem Brockenhaus an der Goliathgasse trifft sich dennoch hauptsächlich Kundschaft, welche aus verschiedenen Gründen aufs Portemonnaie achten muss: Eine Rentnerin kreuzt sich mit zwei fremdsprachigen Frauen, die verschiedene Schuhe anprobieren. Studenten gehen Sprüche klopfend das kunterbunte Hosenregal durch, neben ihnen zwei fremdländisch wirkende Männer in etwas verwahrloster Kleidung.
Die Kleider hängen nach Typ und Farbe sortiert auf den Stangen, einfache Shirts einer Billigstmarke, Grossmutters altgedienter Wintermantel, Trägerkleidchen aus glänzendem Stoff. Die wild zusammen gewürfelte Auswahl ruft den Jagdinstinkt wach: Irgendwo in dieser grossen Auslage findet sich bestimmt ein spezielles Stück, inzwischen längst einzigartig und ein Schnäppchen noch dazu. Und beinah ohne es zu wollen beginnt man, die Kleiderständer zu durchkämmen.
Ein Stück Geschichte kaufen
Auf dem Flohmarkt in Wattwil wird viel Inventar aus aufgelösten oder eigenen Haushalten angeboten. Einige Kleider landen direkt in Brockenstuben und Secondhandgeschäften. Doch bei sehr lieb gewonnen Stücken, betonen die Verkäuferinnen, sei es ihnen ein Anliegen, diese eigenhändig an den zukünftigen Besitzer zu bringen. Ein Flohmarkt ist daher immer auch ein soziales Ereignis. Es kommt zum Wiedersehen zwischen Kundschaft und Verkäuferin, kaum ein Kauf geht ohne Verhandlungen, ohne einen Schwatz über die Bühne. Die Geschichte eines Gegenstandes ist fester Bestandteil des Verkaufspreises.
Diese zwischenmenschlichen Kontakte tragen massgeblich dazu bei, dass Kleider und andere Dinge mit einem persönlichen Bezug gekauft werden und dadurch höhere Wertschätzung erfahren. Allein schon das Tempo, welches man auf einem Flohmarkt oder beim Stöbern in einer Brockenstube anschlägt, führt zu einem komplett anderen Kauferlebnis als im ausgeleuchteten Shopping-Center, wo sich eine Kleiderauslage an die nächste gleich aussehende reiht. Man schaltet einen Gang runter, nimmt sich Zeit beim Durchstöbern der Auslagen und wird ständig überrascht vom einen oder anderen Fundstück.
Für die Organisatoren der beiden grossen Stadtflohmärkte in St.Gallen, Cornelius Keller vom Gallus-Platz, Musiklehrer aus Goldach, und SP-Kantonsrichter Jürg Diggelmann aus dem St.Mangen-Quartier, sprechen ähnliche Argumente für einen Rundgang über den Flohmarkt. Nebst den tiefen Preisen betonen beide die besondere Atmosphäre: die interessanten und überraschenden Auslagen, der Reiz, durch Feilschen einen besonders guten Kauf abzuschliessen, das Plaudern und Fachsimpeln mit den Händlern.
Alt wird neu: Davon profitieren alle
In Bangladesch, einem der weltweit wichtigsten Textilländer, wurde der monatliche Mindestlohn vergangenes Jahr von umgerechnet 35 auf 61 Franken erhöht. Das reicht für viele der vier bis fünf Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter noch immer kaum zum Überleben. Die grossen Modefirmen haben sich das Land, welches zu den ärmsten der Welt gehört, gerade wegen der billigen Produktionsmöglichkeiten ausgesucht. Und so lange ihre Kundschaft weiterhin dem Motto «Billig ist sexy» folgt, werden sich die Bedingungen der Kleiderproduktion wohl auch nicht verbessern.
Secondhandkleidung ist deshalb nicht nur eine günstige, sondern auch eine faire Alternative zu der oftmals rücksichtslos produzierten Stangenware aus den Modegeschäften. Ausserdem ist die Chance äusserst gering, dass jemand diesselbe Kleidung trägt – ganz im Gegensatz zur H&M-Massenware. Secondhandkleidung ist eine Win-Win-Sache, die beim Verkäufer wie auch der Kundin ein gutes Gefühl hinterlässt. Eben jenes Gefühl, das Anna-Thea Jäger von Ponyhof als ihre grösste Motivation beschreibt: die Freude einer Kundin zu sehen, die ihr «neues» Kleidungsstück mit nach Hause nimmt.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten zum Titelthema: faire Kleider, der Labeldschungel und das gerechte Leben.
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