«Zum Beispiel Suberg», aktuell im Kinok St.Gallen und im Luna Frauenfeld, ist die eindrückliche Suche nach einem «toten» Dorf und der eigenen Familie. Die Musik zum Dokumentarfilm stammt vom St.Galler Claudio Bucher.
Suberg mit seinen 600 Seelen könnte genau so gut Andwil, Krinau, Stein SG oder Weesen heissen: Seit den 70ern ist die Zahl der Bauernbetriebe von vierzehn auf zwei geschrumpft, viele arbeiten ausserhalb, Poststelle und Dorfladen sind verschwunden, der Dorfkern ausgestorben. Nur locken vergleichbare Dorf-Schicksale aus dem Kanton St.Gallen niemanden ins Kino.
Anders «Zum Beispiel Suberg», der preisgekrönte Dokumentarfilm des Berner Filmemachers Simon Baumann, der 2012 in den Schlagzeilen war mit seiner Mockumentary «Image Problem». Sein neuer Film sei «eine schweizerische Dorfchronik und ein differenziertes Dokument des Strukturwandels», schreibt etwa Geri Krebs in der NZZ.
Selber in Suberg aufgewachsen und Sohn des linken Nationalratsehepaars Stephanie und Ruedi Baumann, wagt Baumann ein Porträt seiner Heimat und findet vor allem eines: soziale Einsamkeit. Dabei macht er sich gleich selber zum Protagonisten, webt seine Familiengeschichte hinein und findet am Ende doch noch etwas Gemeinsinn – beim Männerchor.
Apropos: Ein wenig Ostschweizer «Landeierei» ist dennoch vertreten – Musik und Sound-Design zum Film schuf Claudio Bucher, 33, Stadtsanktgaller und vielen besser bekannt als Mitglied und Produzent der Bündner Rap-Gang «Sektion Kuchikästli». Für Bucher hiess «Suberg» also: Zurückhaltung, Landluft und Männerchor statt böse Beats und markige Worte. Wir stellen drei Fragen:
Wie habt Ihr den Strukturwandel und die Gegensätze in Suberg musikalisch ausgedrückt? Der lauteste Moment steht für die Zersiedelung, die Verbauung und Zerstörung des Dorfbildes. Das Stück stammt vom Australier Ben Frost («Theory of Machines») – ein bedrohliches, elektronisches Crescendo, das sich ins schier Unerträgliche verdichtet. Auf dem Höhepunkt kommt ein weisses Rauschen, der simultane Klang aller hörbaren Frequenzen. Als Kontrast dazu: der schlichte, organische «Sound» des Dorfes, manchmal liebenswürdig, skurril, doch ohne romantische Dorfnostalgie. Hier ist die Instrumentierung sehr sparsam: Kontrabass, Celesta, akustische Gitarre und der zum Männerchor verfremdete Frauenchor, ein versteckter Hinweis auf das letzte Überbleibsel der Dorfgemeinschaft.
Was war die grösste musikalische Herausforderung? Die Musik für den ersten Rohschnitt war überwiegend elektronisch, bedrohlicher, fast schon post-apokalyptisch leblos. Die Herausforderung war, Suberg lebensnaher, liebenswürdig-seltsam klingen zu lassen, ohne sich anzubiedern.
Du warst bei den Dreharbeiten vor Ort: Ist Suberg auch St.Gallen? Die Industrialisierung hat unsere Stadt am Ende der Stickerei-Ära getroffen. Heute sind wir noch Bratwurst und ein unbeliebter Dialekt, vielleicht noch Akris und FCSG. Das ist natürlich überspitzt, doch unsere Stadt hat auf jeden Fall schon goldenere Zeiten erlebt. Simon definiert seine Heimat als Ort, wo Menschen leben, die man gerne hat. «Mein» St. Gallen sind alle die Freunde, die mich hier noch umgegeben und noch nicht nach Berlin, Paris oder Kopenhagen abgewandert sind. Es gibt immer noch eine Handvoll Leute, die etwas bewegen, die es noch nicht wegzieht. St.Gallen bietet kulturell immer noch sehr viel, mehr nicht nur als Suberg, sondern auch als vergleichbare Städte. Doch auf den Hügeln oder in den Vororten entdecke ich auch ein wenig Suberg – dort, wo sich die vom Stadtleben Gesättigten hinter Hecken und mit Bodenheizung und HD-TV eingenistet haben.
Spieldaten Kinok: Do, 5. Dezember, 20 Uhr, mit Regisseur Simon Baumann und Co-Autorin Kathrin Gschwend So, 8. Dezember, 11 Uhr Mo, 9. Dezember, 18.30 Uhr Sa, 14. Dezember, 17.15 Uhr Mi, 18. Dezember, 14.15 Uhr Sa, 21. Dezember, 17 Uhr Do, 26. Dezember, 14.45 Uhr So, 29. Dezember, 11 Uhr
Spieldaten Luna Frauenfeld: Do-So 19.30 Uhr, Sa/So 17.00 Uhr, So 15.00 Uhr
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