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Kunst erklärt «Flowil» die Welt

Im Oktober fahren die Bagger auf: Der Flawiler Bahnhofplatz verliert sein markantestes Gebäude, das Hotel Post. Ein Kunstprojekt nutzt wenigstens den Freiraum im Abbruchhaus noch einmal. Nachher bleiben nur die Erinnerungen.
Von  Wolfgang Steiger

Die Anbindung an die wichtigste Bahnstrecke des Landes ist unbestritten der Hauptstandortvorteil der Untertoggenburger Gemeinde Flawil. Und nicht umsonst war das Hotel Post unmittelbar beim Bahnhof gebaut worden. Dessen ideale Lage war denn auch, nach vielen versandeten Projekten, ausschlaggebend für die Planung von Alterswohnungen für die noch unternehmungslustige Seniorengeneration der Babyboomer.

Aber vor dem Abbruch geht noch einmal die Post ab, unter anderem mit einer Kunstausstellung auf zwei Stockwerken.

Kunstkiosk goes Flawil

Seit gut zehn Jahren nutzt der Flawiler Kulturverein Touch den grossen Post-Saal für Veranstaltungen und als Kegelbahn. Touch lud das Künstler-Kollektiv vom St.Galler Kunstkiosk ein, im Rahmen des Post-ab-Festes das Gebäude installativ zu bespielen. Der Kunstkiosk an der Rorschacherstrasse 48 ist eine Galerie speziell für junge Kunstschaffende, wobei die Betreiber selber Künstlerinnen und Künstler sind.

Flowilhuus heisst die Arbeit des Kollektivs. Man beachte das mündliche «o» statt «a» in Flawil, von dem niemand so richtig weiss, weshalb es so ausgesprochen wird.

Der grosse Ansturm von Vernissage-Gästen lässt noch auf sich warten, als ich letzten Freitagabend beim Hintereingang der Abbruchliegenschaft auftauche. Linus Stiefel, den ich dort mit einer Kollegin antreffe, gehört zum Kunstkiosk-Kollektiv. Linus wuchs in Flawil auf, wohnt jetzt in St.Gallen und besuchte in Zürich das Propädeutikum, den Vorkurs für Erwachsene an der Schule für Gestaltung.

Die neue Ordnung

Für Linus hat der Abbruch des historischen Gebäudes keinen emotionalen Wert. Er spricht zwar dem alten Kasten den Charme nicht ab, findet aber, man solle das Haus jetzt aufgeben und würdig verabschieden. Sie vom Kunstkollektiv leisteten sozusagen Sterbehilfe, indem sie schon mal ein wenig mit der Destruktion anfingen, «Wände durchbrechen und so», meint er belustigt.

Linus findet es bemerkenswert, dass die neue Ordnung am Flawiler Bahnhofplatz Wohnraum für ältere Leute schafft. Tatsächlich erzählt der Bau des Hotelkomplexes, damals in der Aufbruchzeit zur Moderne mit Saal, Stallungen, Billard, elektrischem Licht, Bädern und sogar Autogaragen, eine zukunftsgläubigere Geschichte.

Bild: Ortsmuseum Flawil

Inspiration fanden die jungen Künstlerinnen und Künstler zuhauf in liegengebliebenem Material im Haus selber. Im Treppenhaus  zeigt mir Carol Müller, auch sie eine gebürtige Flawilerin, ein Fundstück, die Fotografie eines Mannes, der wohl einmal hier wohnte, von dem aber niemand mehr weiss, wer er war.

Carol gestaltete einen Raum, in dem kleine Spiegel an den Wänden einen Kopf aus Kleiderbügeln reflektieren. Am Boden bilden grosse Leuchtbuchstaben das Wort WAHN.

Vollpaniert

Ich setze mich mit Linus auf den Orientteppich vor das neoexpressionistische Gemälde von Mindaugas Matulis. Und möchte von ihm wissen: Habt ihr einen Begriff für eure Kunst? Verblüffend schnell kommt ein ganzer Katalog: «vollpaniert», «psych» (wohlgemerkt nicht psycho), «eskalant» (kommt von Eskalation), er mag besonders die Bezeichnung «chrank».

Was ist euer Antrieb zum Kunstmachen? Die Antwort auf diese Frage fiele wohl bei jedem Kollektivmitglied anders aus, meint Linus. Er möchte mitreden, «Seich probieren», seinen Anspruch an die Welt geltend machen. Ihn interessieren Geschichten und Design.

Sein Beitrag zum Flowilhuus ist ein mit zwei Kollegen gebautes Fahrzeug, das ein Zimmer im oberen Stock fast ausfüllt. Später am Abend wird er mit einem Copiloten zusammen damit eine Fahrt unternehmen. Das Fahrzeug sei schnell, sehr schnell. Für mich tönt das nach Dimensionensprung.

Etwas Ungewisses kommt

Das Flowilhuus ist voller Erzählungen ohne Worte, wie das bepflanzte WC von Lea Hitz. Es beschreibt, was nach der Dekonstruktion kommt, nämlich die Natur.

Exzessiv und zurückhaltend, selbstbespiegelnd und technikverliebt, ekelerregend und mit kühler Ästhetik, dramatisch und fast ohne Gesten erklärt das Kunstkiosk-Kollektiv die Welt.

Nötig haben es die Flawiler. Mit dem Abbruch des alten Hotels beim Bahnhof kommt etwas Ungewisses auf sie zu. Wenn das grosse Haus den Aggregatszustand wechselt, bleiben nur noch die Erinnerungen: an den Coiffeur-Salon, an den Kiosk mit dem gerundeten Eckfenster, an das Restaurant mit der einmaligen Terrasse.

Die Ausstellung Flowilhuus ist am Samstag 9. September von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Für das weitere Programm des Post ab-Festes:

kulturverein-touch.ch

Das Kunstkiosk-Kollektiv setzt sich derweil nach St.Gallen ab und ist während der Museumsnacht vom 9.9. in seiner Galerie an der Rorschacherstrasse 48 anzutreffen.

kunstkiosk-sg.ch

 

 

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Schmitt Erika,  

Finde der Kunstkiosk ist eine gute Sache.

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