«Knick» nennt Katharina Mayrhofer ihr 25 Meter langes, 10 Meter hohes Objekt. Es ist ein Schlauch aus schwarzer Silofolie, der sich wie ein riesiger Dickdarm in der Halle 52 in Winterthur aufplustert und sich darauf gemächlich entleert. Der «Knick» von Mayrhofer, einer Wienerin mit St. Galler Wurzeln, ist nur eines von insgesamt 26 Kunstwerken, die dieses Wochenende in Winterthur ausgestellt werden. Denn heute Abend ist es wieder soweit: Die Jungkunst öffnet ihre Tore und lockt knapp 7500 Besucher in die alte Industriehalle am Katharina-Sulzer-Platz.
Die Ausstellung für junge Kunstschaffende ist aus der Winterthurer Kulturagenda nicht mehr wegzudenken. Es ist bereits die neunte Austragung – ihrem kuratorischen Konzept sind die Jungkunst-Organisatoren auch 2014 treu geblieben: Ausgestellt wird, wer unter 35 Jahre alt ist, in der Schweiz künstlerisch arbeitet oder gearbeitet hat. Alle Sprachregionen sollen vertreten sein und möglichst viele künstlerische Techniken: Videoinstallationen, Malerei, Fotografie, Skulpturales und interaktive Spielformen. Auch die beleuchteten Kuben über dem Katharina-Sulzer-Platz hängen wieder – waren sie letztes Jahr noch weiss, sind sie jetzt bunt.
Kunst zum Publikum bringen
Die Idee ist einfach: Die Jungkunst bringt die Kunst zum Publikum, das sich von herkömmlichen Ausstellungen nicht gross angesprochen fühlt. Ziel der drei Organisatoren Andreas Schmucki, Martin Landolt und Tom Stierli ist es, mit der gängigen Meinung zu brechen, dass Kunst nur für ein elitäres Publikum und sehr abstrakt sei. Anstelle einer Vernissage im traditionellen Sinn stehen bei der Jungkunst Konzerte im Vordergrund, an die Stelle der Sterilität rücken Gemütlichkeit und der Charme der Industriehalle. Und an die Stelle der Poster zu Hause soll nun schon bald ein Original hinkommen, so das Konzept der Organisatoren. Denn Ziel der Jungkunst ist es nicht nur, dass das Publikum über Kunst zu diskutieren beginnt, sondern auch das eine oder andere Werk kauft und zuhause an die Wand hängt. Der Anlass interessiert denn auch namhafte Galerien, die sich schon am Montagabend, am Pre-Opening der Ausstellung, die besten Werke sichern.
Die Jungkunst ist ein Ort, wo man gerne hingeht, weil hier vieles zusammenkommt. Und mittlerweile trifft sich hier nicht mehr nur Winterthur, sondern das Ausgehvolk aus der ganzen Schweiz. Bar und Lounge laden zum Verweilen ein. Anstatt Cüpli und Champagner trinkt man Bier. Am Abend treten Slam-Poetry-Künstler auf wie Simon Chen (heute), Lara Stoll (Freitag) und Simon Libsig (Samstag). Danach runden Konzerte von Evelinn Trouble (heute), Bleu Roi (Freitag) oder Chamber Soul mit Brandy Butler (Samstag) und anschliessende DJ-Sets das Programm ab.
Mit viel Humor
Im Zentrum steht aber nach wie vor die Kunst: Denn um die soll es ja an der Jungkunst gehen. Und die Ausstellung ist nicht ganz apolitisch. Aber statt einem belehrendem Ton ist da viel Humor. Tamara Janes zum Beispiel hat Bilder von den Wänden der Halle 52 gemacht. Sie hat Details – sei das ein Farbfleck oder ein kleiner Technikkasten – fotografiert, anschliessend Google nach ähnlichen Bildern suchen lassen und das Original mit den Topergebnissen zu teils abstrusen Bilderquartetten ergänzt. Sie hängen verteilt in der Halle an ihrem bildlichen Ausgangspunkt.
Tamara Janes ist dieses Jahr gleich zweimal in Winterthur zu sehen. Denn die junge Fotografin aus Bern hat den ersten Preis des vgf-Nachwuchsförderpreis für Fotografie gewonnen und stellt mit den anderen Nominierten im vgf-Container auf dem Katharina-Sulzer-Platz aus.
Dass sich in der Künstlerliste der Jungkunst herausragende Talente finden lassen, scheint für die Ausstellung als Plattform zu sprechen. Deshalb verwundert es auch nicht, wenn andere Städte um die Jungkunst buhlen, am lautesten Baden und Zürich, die den Event gerne zu sich holen würden. Die Jungkunst muss denn auch bald ein neues Zuhause suchen. Die nächste und zehnte Ausgabe wird 2015 ein letztes Mal in der Halle 52 am Katharina-Sulzer-Platz stattfinden, bevor diese einem Neubau der ZHAW Platz machen muss. Doch solange die Organisatoren wieder eine tolle Halle finden, bleiben sie in Winterthur.
Die Jungkunst findet vom 23. bis 26. Oktober in der Halle 52 am Katharina-Sulzer-Platz statt. Geöffnet jeweils ab 16 Uhr, ab 19 Uhr gibt es Auftritte von Slam-Poetry-Künstlern und Konzerte. Eintritt: CHF 10
www.jungkunst.ch
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.