Zugegeben, eigentlich sind 1000 Franken nicht gerade viel, um daraus Kunst zu machen. Doch wer im Kleinen reüssiert, dem steht Grosses bevor. Oder: Wer den Franken nicht ehrt, ist des Tausenders nicht wert. Alles schöne Sprüche. Mit Kunst haben sie nicht viel zu tun. Eher doch aber mit Kommerz und nüchternem Monetärdenken.
Kunst und Kommerz – noch selten wurde dieses Verhältnis derart gespannt wie an der aktuellen Artwil zum Thema Shopping. Ein Spannungsverhältnis, das die Toggenbueger Kunstvermittlungsgruppe Arthur junior auf die Probe stellte. «Sollen wir das machen oder nicht?» fragte Maura Kressig von Arthur junior an der Vernissage letzten Samstag.
Frei Kunst machen im Auftrag
Der Auftrag schien klar: Die Interessengemeinschaft der Ladenbetreiber an der Oberen Bahnhofstrasse – Wils verkehrsbefreite Einkaufsmeile – übergibt dem Kunstvermittlungskollektiv eine bestimmte Summe, auf dass die daraus Kunst ohne Auflagen macht. «Artwil» heisst der Anlass, den die IG alle zwei Jahre zwecks Attraktivitätssteigerung ihrer Shoppinggasse lanciert.
Kommerz fördert Kunst. Ob das gutgeht? Arthur junior nahm nach intensiver Güter- und Idealabwägung den Auftrag an, reichte aber clever das Geld gleich weiter an eine Auswahl von jungen einheimischen und internationalen Künstlern. Alle Kunstschaffenden und Kollektive bekamen je 1000 Franken, um daraus ein Werk zu machen. Einzige Auflage: die Tausendernote musste in der Oberen Bahnhofstrasse ausgegeben werden. Mit dem Nebeneffekt, dass die von der IG (und weiteren Sponsoren u.a. das Kantonale Amt für Kultur) aufgeworfene Summe an die Ladenbetreiber zurückging.
Scheusslicher Lumpen
Das ist die Vorgeschichte, die den ebenso flatterhaften wie scheusslichen Lumpen erklärt, der zurzeit mitten in der stets herausgeputzten, von bunten Blumen und grünen Bäumen gesaumten Einkaufsmeile hängt. Nicht eine bedeutungsschwangere Fahne ist es, kein originell verschmutztes Leintuch, kein antifestiver Schmuck. Es ist schmutzig, dreckig, grau-braun-dunkelgrün. Und der Wind reisst ganz schön an den Nähten der zusammengesetzten Putzlappen.
Der «schmutzige» Putzlappen und die herausgeputzte Obere Bahnhofstrasse (Klick zum Vergrössern)
Damit haben die Schmuck- und Brillenverkäufer, Modeboutiquenfilialleiter und Cafétiers der IG sicher nicht gerechnet. Ein schmutziger Lumpen – schöne Shoppingwelt! Der aus diversen, nicht gebrauchten, sondern gefärbten, Putzlappen zusammengenähte Lappen ist das gemeinsame Werk des Kollektivs Edmée Laurin, Domingo Chaves und Fridolin Schoch: «Zu Ehren des Verschleisses, der Sauberkeit und des Überflusses!» Ähnlich gelagerte Aktionen der kommerziell-nationalpathetischen Art im Alpsteinraum sind übrigens rein zufällig.
Geld kreativ ausgeben
Das Geld kreativ auszugeben hat den jungen Künstlerinnen und Künstlern keine Mühe bereitet. Lucie Biloshytskyy aus Deutschland kaufte Kassenbelege und belegte damit Umsatz und Wert von gekauften Waren, zeigte damit aber auch, dass Geld doch nur Papier ist.
Martina Mächler aus Zürich blieb am Schaufenster einer Buchhandlung hängen und stellte fest: Es gibt an der Oberen Bahnhofstrasse fast keine Läden, die nicht Filialen einer Kette sind. Sie aber wollte ihr Geld in einem «echten» Laden ausgeben. Das Geld hat sie noch, denn das Produkt, dass sie erzeugen will, muss noch erzeugt werden. Ihr Plan: Ein Buch, zusammengestellt aus den Antworten eines Fragenkatalogs zum Thema Work-Live-Balance, den Passanten, also Wilerinnen und Wiler, ausfüllen sollen.
Neue Banknote
Der Schotte James Stephen Wright kaufte sich einen Silberbarren und machte daraus eine Banknote, die ihren Wert nicht verliert. Ausserdem ist sie mit dem darauf gravierten Bären nur in Wil gültig. Die neue Wiler Tausendernote ist im Stadtmuseum ausgestellt und soll auch nach der Ausstellung dort bleiben.
Shopping: bis 13. August, Obere Bahnhofstrasse Wil. Führungen: 6. und 7. August, jeweils 14 Uhr. s-h-o-p-p-i-n-g.ch
Drei weitere junge Kunstschaffende, Nina Emge und Samuel Koch sowie Catherine Xu, zeigen ihre Werke in Schaufenstern an der Oberen Bahnhofstrasse. Xu hat aus dem Geld Schokolade gekauft und damit essbare Baumstrünke geformt. Emge und Koch kauften sich zwei Flüge nach Istanbul, wollten sich dort inspirieren lassen, mussten aber nach den Vorkommnissen in den letzten Tagen ihre Pläne revidieren. So entstand das Hörspiel zum Nichts nach der stornierten Reise.
Hier könnte man den einzigen Kritikpunkt der höchst überraschenden Ausstellung ansetzen: Vielleicht hätte man gerade jetzt nach Istanbul reisen sollen. Vielleicht wären dabei aufschlussreichere Eindrücke zusammengekommen statt eines bemühten Hörspiels.
Arthur junior ist es mit den neun jungen Kunstschaffenden gelungen, dem Projekt Shopping im Spannungsverhältnis von Kunst und Kommerz einen provozierenden, nachdenkenswerten und leicht verständlichen Fokus zu geben.
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