Kategorie
Autor:innen
Jahr

Kunst mit Kommerz oder gegen ihn

Ein Bündel Geld erhalten, um Kunst daraus zu machen – ohne Auflagen. In Wil haben das die «Artwil» und die Toggenburger Kunstvermittlungsgruppe Arthur junior möglich gemacht. Die Ergebnisse der à-fonds-perdu-Aktion sind noch bis 13. August zu sehen. von Michael Hug
Von  Gastbeitrag
Fridolin Schoch, Domingo Chaves und Edmée Laurin (v.l.) vor ihrer Arbeit mit Scotch-Schwämmen im Schaufenster eines Brillengeschäfts (Bilder: Michael Hug)

Zugegeben, eigentlich sind 1000 Franken nicht gerade viel, um daraus Kunst zu machen. Doch wer im Kleinen reüssiert, dem steht Grosses bevor. Oder: Wer den Franken nicht ehrt, ist des Tausenders nicht wert. Alles schöne Sprüche. Mit Kunst haben sie nicht viel zu tun. Eher doch aber mit Kommerz und nüchternem Monetärdenken.

Kunst und Kommerz – noch selten wurde dieses Verhältnis derart gespannt wie an der aktuellen Artwil zum Thema Shopping. Ein Spannungsverhältnis, das die Toggenbueger Kunstvermittlungsgruppe Arthur junior auf die Probe stellte. «Sollen wir das machen oder nicht?» fragte Maura Kressig von Arthur junior an der Vernissage letzten Samstag.

Frei Kunst machen im Auftrag

Der Auftrag schien klar: Die Interessengemeinschaft der Ladenbetreiber an der Oberen Bahnhofstrasse – Wils verkehrsbefreite Einkaufsmeile – übergibt dem Kunstvermittlungskollektiv eine bestimmte Summe, auf dass die daraus Kunst ohne Auflagen macht. «Artwil» heisst der Anlass, den die IG alle zwei Jahre zwecks Attraktivitätssteigerung ihrer Shoppinggasse lanciert.

Kommerz fördert Kunst. Ob das gutgeht? Arthur junior nahm nach intensiver Güter- und Idealabwägung den Auftrag an, reichte aber clever das Geld gleich weiter an eine Auswahl von jungen einheimischen und internationalen Künstlern. Alle Kunstschaffenden und Kollektive bekamen je 1000 Franken, um daraus ein Werk zu machen. Einzige Auflage: die Tausendernote musste in der Oberen Bahnhofstrasse ausgegeben werden. Mit dem Nebeneffekt, dass die von der IG (und weiteren Sponsoren u.a. das Kantonale Amt für Kultur) aufgeworfene Summe an die Ladenbetreiber zurückging.

Scheusslicher Lumpen

Das ist die Vorgeschichte, die den ebenso flatterhaften wie scheusslichen Lumpen erklärt, der zurzeit mitten in der stets herausgeputzten, von bunten Blumen und grünen Bäumen gesaumten Einkaufsmeile hängt. Nicht eine bedeutungsschwangere Fahne ist es, kein originell verschmutztes Leintuch, kein antifestiver Schmuck. Es ist schmutzig, dreckig, grau-braun-dunkelgrün. Und der Wind reisst ganz schön an den Nähten der zusammengesetzten Putzlappen.

HUG_6448_wil_artwil_shopping_sait

Der «schmutzige» Putzlappen und die herausgeputzte Obere Bahnhofstrasse (Klick zum Vergrössern)

Damit haben die Schmuck- und Brillenverkäufer, Modeboutiquenfilialleiter und Cafétiers der IG sicher nicht gerechnet. Ein schmutziger Lumpen – schöne Shoppingwelt! Der aus diversen, nicht gebrauchten, sondern gefärbten, Putzlappen zusammengenähte Lappen ist das gemeinsame Werk des Kollektivs Edmée Laurin, Domingo Chaves und Fridolin Schoch: «Zu Ehren des Verschleisses, der Sauberkeit und des Überflusses!» Ähnlich gelagerte Aktionen der kommerziell-nationalpathetischen Art im Alpsteinraum sind übrigens rein zufällig.

Geld kreativ ausgeben

Das Geld kreativ auszugeben hat den jungen Künstlerinnen und Künstlern keine Mühe bereitet. Lucie Biloshytskyy aus Deutschland kaufte Kassenbelege und belegte damit Umsatz und Wert von gekauften Waren, zeigte damit aber auch, dass Geld doch nur Papier ist.

Martina Mächler aus Zürich blieb am Schaufenster einer Buchhandlung hängen und stellte fest: Es gibt an der Oberen Bahnhofstrasse fast keine Läden, die nicht Filialen einer Kette sind. Sie aber wollte ihr Geld in einem «echten» Laden ausgeben. Das Geld hat sie noch, denn das Produkt, dass sie erzeugen will, muss noch erzeugt werden. Ihr Plan: Ein Buch, zusammengestellt aus den Antworten eines Fragenkatalogs zum Thema Work-Live-Balance, den Passanten, also Wilerinnen und Wiler, ausfüllen sollen.

Neue Banknote

Der Schotte James Stephen Wright kaufte sich einen Silberbarren und machte daraus eine Banknote, die ihren Wert nicht verliert. Ausserdem ist sie mit dem darauf gravierten Bären nur in Wil gültig. Die neue Wiler Tausendernote ist im Stadtmuseum ausgestellt und soll auch nach der Ausstellung dort bleiben.

Shopping: bis 13. August, Obere Bahnhofstrasse Wil. Führungen: 6. und 7. August, jeweils 14 Uhr.
s-h-o-p-p-i-n-g.ch

Drei weitere junge Kunstschaffende, Nina Emge und Samuel Koch sowie Catherine Xu, zeigen ihre Werke in Schaufenstern an der Oberen Bahnhofstrasse. Xu hat aus dem Geld Schokolade gekauft und damit essbare Baumstrünke geformt. Emge und Koch kauften sich zwei Flüge nach Istanbul, wollten sich dort inspirieren lassen, mussten aber nach den Vorkommnissen in den letzten Tagen ihre Pläne revidieren. So entstand das Hörspiel zum Nichts nach der stornierten Reise.

Hier könnte man den einzigen Kritikpunkt der höchst überraschenden Ausstellung ansetzen: Vielleicht hätte man gerade jetzt nach Istanbul reisen sollen. Vielleicht wären dabei aufschlussreichere Eindrücke zusammengekommen statt eines bemühten Hörspiels.

Arthur junior ist es mit den neun jungen Kunstschaffenden gelungen, dem Projekt Shopping im Spannungsverhältnis von Kunst und Kommerz einen provozierenden, nachdenkenswerten und leicht verständlichen Fokus zu geben.

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01