St.Gallen kennt ganz andere Wasser-Fälle. Max Oertlis Gaukler im Stadtpark ist unbestrittener Kinder- und Publikumsliebling. Das rote Fass von Roman Signer, in Sichtnähe zum ehrwürdigen Broderbrunnen, war jahrelang Hass-Objekt Nummer 1 und ideale Projektionsfläche für den Bürgerzorn. Die Steinach ist eingesargt. Und der Lämmlerbrunnen?
Die Debatte läuft eher gemächlich, typisch für einen, der zwischen den Extremen steht. Kein Ärgernis, aber auch keine richtige Herzenssache. Kraftvolle Form, aber eher streng als fliessend. «Beim Lämmler» hat man sich kaum je verabredet wie «beim Vadian», am feuchten Brunnenrand findet kein Romeo seine Julia, auch wenn die Skulptur nach der Einweihung 1980 einigen als «erigiertes Handtuch» vorkam – und zum Postkartensujet hat sie es auch nicht geschafft. Erst jetzt, wo die Brunnenskulptur «Textil» der Neugestaltung des Bahnhofplatzes weichen soll, regt sich Widerstand und bekennen sich Leute zu «ihrem» Lämmler.
Der Brunnen müsse bleiben als Repräsentant der St.Galler Textilgeschichte, forderte in vorderster Reihe der Textilunternehmer Max R. Hungerbühler – bereits vor der Abstimmung 2013 und jetzt erneut im Tagblatt. Leserbriefe folgten und nahmen mehrheitlich Partei für den Brunnen – Gegenstimmen gibt es auch, sie stören sich jedoch nicht an der Skulptur, sondern an der «Missachtung des Volkswillens»: Die Vorlage vom 9. Juni 2013 habe klipp und klar eine Neugestaltung des Platzes versprochen und visualisiert, mit Bäumen und Wasserrinne. Seit neustem gibt es auch einen politischen Vorstoss der Stadtparlamentarierinnen Doris Königer und Karin Winter-Dubs.
Wer war Köbi Lämmler? Am 5. August 1989, vor fast auf den Tag genau 25 Jahren ist der St.Galler Künstler und Gewerbeschul-Lehrer auf einer Reise in der damaligen Tschechoslowakei gestorben. «Schillernd in Persönlichkeit und Werk» stand als Titel über dem Nachruf im «Tagblatt», Weggefährten würdigten ihn als Schaffer, Geniesser oder «Vollblut-Künstlerpersönlichkeit», Rudolf Hanhart vom Kunstmuseum nannte ihn «einen der Lebendigsten» unter den hiesigen Kunstschaffenden.
Als Lämmlers stärkste Werke galten schon damals und gelten bis heute die abstrakten Arbeiten der frühen Sechzigerjahre. In der Ausstellung «Aufbruch – Malerei in der Ostschweiz 1950 bis 1965» nahm er denn auch einen wichtigen Platz ein, neben Diogo Graf, Walter Burger, Carl Liner, Johanna Nissen, David Bürkler und anderen. Ein Aufenthalt in Südfrankreich und die Begegnung mit Matias Spescha und Lenz Klotz hatten die entscheidenden Impulse gegeben, berichteten die Kunsthistoriker Isabelle und Daniel Studer damals im Ausstellungskatalog.
Heute sagt Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums, auf Anfrage: «Ich schätze Köbi Lämmler nach wie vor sehr hoch ein, besonders als Wegbereiter der Abstraktion in der Ostschweiz.» Und neben den Bildern der Sechzigerjahre gehöre auch die Skulptur am Bahnhofplatz zu seinen geglücktesten Werken.
An der Stoffbahn auf dem Kornhausplatz überzeugt Studer, dass sie zwar konkret ist, ihren Gegenstand aber zugleich ins Zeichenhafte überhöht. Die Bronzeplastik entstand in einer Phase, da Lämmler «sprunghaft» (ein Wort von Rudolf Hanhart) diverse Stile ausprobierte und auch zum Gegenständlichen zurückkam. Neben dieser bekanntesten Arbeit im öffentlichen Raum existieren von Lämmler zahlreiche Glasfenster in evangelischen Kirchen, zudem Mosaike und Steinskulpturen.
Und jetzt? Einlagern? Das wäre ein Jammer. Versetzen? Da könnte man frei assoziieren: in die Marktgasse, anstelle des stummligen Vadianbrunnens – auf die Kreuzbleiche, einstige Leinwandbleiche – in den Stadtpark… Oder integrieren in die Neugestaltung? Studer fände es zumindest richtig, die Sache «noch einmal zu überdenken». Das in der Abstimmungsvorlage präsentierte Wasserspiel zwischen Bäumen zeuge von «X-Beliebigkeit». Im Gegensatz zu diesem «Verlegenheitswasser» habe der Lämmlerbrunnen ganz klar einen städtebaulichen Akzent gesetzt.
Und dies, nicht zu vergessen, an einer Stelle, die mehr verdient hat als gestalterische Ratlosigkeit – bis 1977 stand hier bekanntlich das alte Rathaus, bevor es, wie die benachbarte Helvetia, der damaligen Abbrucheuphorie zum Opfer fiel. Und einen Platz hinterliess, der es seither (trotz textilem Wahrzeichen) noch nie so richtig zum Platz gebracht hat.
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