Mark, 10. März 2023 um 13:03 Uhr Ein interessanter Beitrag, doch passt die Theorie nicht ganz zur Empirie. Man könnte auch sagen, dass man nicht nur in der politischen Kampagne übertreiben und überzeichnen kann, sondern auch in der wissenschaftlichen Betrachtung. So erkennt der Autor im „Wiesli“ einen „utopischen Raum“, ja sogar „Magie“ gebe es dort zu entdecken. Nun, ein „utopischer Raum“ ist eben gerade kein bestimmtes (noch dazu kleines) soziales Gefüge, wo Grenzziehungen dazugehören dürfen. Vielmehr handelt es sich bei einem „utopischen Raum“ um einen radikal öffentlichen Raum, der also gänzlich offen, durchlässig und unzensiert ist und wo immer neue soziale Konstellationen und Dynamiken entstehen. In einem „utopischen Raum“ sind zudem die gesellschaftlichen Grenzen zwischen den sich dort Aufhaltenden (Herkunft, Schicht usw.) temporär aufgehoben. Das Potenzial des „utopischen Raumes“ besteht in der Identifikation mit der Allgemeinheit, ihrer Solidarisierung und der Entstehung einer Vielfalt von sozialen Möglichkeiten und städtepolitischen Ideen. Die Selbstidentifikation mit einer kleinen vertrauten Quartiersgemeinschaft, wo äussere Grenzziehungen, soziokulturelle Homogenität, eine bestimmte Quartiers-Tradition und -Aneignung und wohl auch Hierarchien dazugehören, ist kein „utopischer Raum“. Vielmehr kann der Stadtpark als öffentlicher Raum ein „utopischer Raum“ für alle sein -- wenn man/frau es denn wollte. Ja in Ansätzen ist er es bereits -- wenn man/frau es denn sähe. Wer diesen Frühling und Sommer die sozioökonomisch/-kulturell/-ethnisch bedingten Scheuklappen ablegt, wird feststellen, dass der Stadtpark von diversen Individuen und Gruppen aus entfernteren Quartieren schon längst kreativ oder gar utopisch angeeignet wird. Da liegen nicht nur ein paar Erwachsene auf der Wiese und Kinder spielen auf dem Spielplatz, wie es der Autor suggeriert. Es gibt diverse Interaktions- und Vergemeinschaftungspraktiken zwischen den sich dort zufällig Begegnenden (Foren, Diskussionen, Volière, Spielplatz, Fussball, Yoga usw.). Menschen aus weniger privilegierten Quartieren, die keine eigenen Gärten, Innenhöfe und autofreie Quartierstrassen haben wie die Museumsquartierbewohner:innen, können auch den Stadtpark für seine Potenziale der Freizeitgestaltung wertschätzen und kreativ nutzen. Es wäre wünschenswert, wenn die Privilegierten von den Minderprivilegierten lernen würden, die sich bereits den öffentlichen Raum kreativ zu eigen machen. Nur so kann ein wahrlich „utopischer Raum“ entstehen. Deshalb sollten wir -- wenn schon -– den Stadtpark aufwerten, von dem alle profitieren können und damit auch alle gewillt sind sich den Stadtpark „utopisch“ anzueignen. Den Wiesli-Anwohner:innen scheint es indes um ein partikularistisches Anliegen zu gehen. Obwohl sie von diversen Grünräumen, Spiel- und Sportplätzen umgeben sind, obwohl sie in diversen weiteren geräumigen Freiräumen alternative „Begegnungsorte“ organisieren könnten, obwohl sie auch noch nach dem Neubau mehr als die Hälfte ihres „Wieslis“ behalten können, möchten sie, dass das ganze „Wiesli“ weiterhin ihrer kleinen Gemeinschaft vergütet bleibt –- auf Kosten der Steuerzahler:innen. Auch wenn noch diverse weitere städtepolitische Anliegen und Forderungen zum Ausdruck gebracht wurden (Umwelt, Kinderrechte, Jung und Alt usw.), wirken diese vor dem Hintergrund der selbstbezogenen und teils populistischen Kampagne eher wie nachgeschobene Argumente, um den eigenen partikularistischen Anspruch etwas zu tarnen und relativieren. Schliesslich sollten sie berücksichtigen, dass der geplante Neubau (sgpk) gerade auch im Sinne der Umwelt (massvolle Verdichtung) und des generationsübergreifenden Miteinanders (altersgerechte Wohnungen) gedacht ist. Hätten die Initianden während der Kampagne mit ihren beachtlichen Ressourcen öffentliche Anlässe auf dem „Wiesli“ organisiert, um eine verbesserte Zugänglichkeit des „Wieslis“ und ihre Aufwertung zugunsten der Allgemeinheit geworben (z.B. Spielplatz, kleines Gartencafé, ähnliche Ideen wie beim Bach Areal etc.), wäre die Initiative vielleicht glaubwürdiger geworden und man/frau hätte mehr Sympathien für diese Initiative entwickelt.
Chrigel Neff, 23. Februar 2023 um 14:08 Uhr Was ist der grösste Nutzen eines Ortes wie dem Wiesli - und vieler anderer, noch vorhandener, echter Begegnungszonen? Nein, Begegnungszonen sind nicht die ausgestuhlten Kaffees beim Marktplatz. Und auch nicht durch linke Vorstösse auf 30 km/h reduzierte Hauptverkehrsadern. £Echte Begegnungszonnen sind Orte, an denen sich Generationen treffen, austauschen, voneinander lernen oder Wissen teilen. Bei diesem Thema geht es um das "Gemeinwohl". Und gerade in einer Zeit wie der unsrigen, wo alles schneller, besser, 24/7 blah erledigt werden muss, fehlt eines: Gemeinwohl. Ich glaube daran, dass das einzige, was unsere Gesellschaft wieder näher zueinander rücken lässt, wieder Verständnis für ein Miteinander aufbaut, Solidarität stärkt, ist, wenn verschiedene Generationen sich wieder miteinander beschäftigen und für einander interessieren. Und das Wiesli ist der mir einzige, bekannte Ort in der Stadt St. Gallen, wo das konsequent und ohne 'Anleitung' passiert. Einfach, weil es möglich ist und sich ein Raum entwickelt hat, der dies motiviert. Und nein, es geht auch nicht um Enteignung. Denn Institutionen wie die SG PK hat auch Öffentlichkeitspflichten. Muss sie haben. Sie predigen immer vom Stakeholdervalue (Gemeinwohl), selber optimieren sie die eigenen Gelder aufs Bitterste (Shareholdervalue). Die SG PK soll sich hinstellen und Grösse zeigen, klar bekennen: Wir halten von Lippenbekenntnissen nichts. Wir stellen hier, als ersten Schritt, weiterhin den Raum zur Verfügung, damit dieses wertvolle Gut, das Zusammenspiel von Generationen, weiter in diesem Ausmass existieren kann und sogar Inspiration ist für andere Orte und andere Mitspieler im Spiel der Grossgrundbesitzer. Nebenbei: Diese Harmonie der Fraktionen ist eines - ein Paradebeispiel eier(stock)loser Politik. Und genau schafft die Stadt St. Gallen politisch Nichts. Kein Mut. Nicht die Fähigkeit, vllt durch kurzfristigen Verzicht viel mehr Potential abschöpfen zu können zukünftig. Uvm. Tolles Foto von den Fraktionspräsidenten, spätestens am 14.03. ist es wieder Makulatur.