Was passiert, wenn ein Text dreidimensional wird? Die Autorin und Künstlerin Sarah Elena Müller hat die Probe aufs Exempel gemacht. Grundlage ihres seit 2019 entwickelten Virtual Reality Projekts «Meine Sprache und ich» ist ein Text der österreichischen Autorin Ilse Aichinger. Die Leserin, die hier zur Besucherin wird, betritt einen virtuellen, dem Text nachempfundenen Raum, in dem Wörter zu Dingen oder Ereignissen werden.
Ein SRF-Podcast versucht zu schildern, wie sich ein solches Literaturerlebnis anfühlt. Stellenweise klingt darin jenes «metaphysische Gruseln» an, das einst Mani Matter besungen hat. Wers trotzdem wagen will, muss sich um eines der exklusiven Tickets für das gut halbstündige Spiel mit Realitäten bewerben, denn es ist für eine Einzelperson programmiert, Plätze sind entsprechend rar.
Illustration zum Virtual Reality Projekt von Sarah Elena Müller. (Bilder: pd)
Müllers Projekt «Meine Sprache und ich», entwickelt mit Unterstützung des Förderprogramms Buch und Literatur + der Ostschweizer Kantone, ist Teil des inhaltlichen Schwerpunkts «Digitale Literatur», den sich das Wortlaut-Festival dieses Jahr auf die Fahne schreibt.
Sarah Elena Müller.
Neben Sarah Elena Müller, 1990 in Amden geboren, kommen als prominente Stimmen der Netz-Literatur Stefanie Sargnagel und Max Kersting nach St.Gallen. Sargnagel ist in ihren Anfängen mit Statusmeldungen auf Facebook bekannt geworden, Kersting nutzt Instagram und Fundsachen aus dem Web literarisch.
Ebenfalls zum Schwerpunkt passt das neue, tik-tok-inspirierte Buch Tick Tack der deutschen Autorin Julia von Lucadou – mehr dazu im Märzheft von Saiten.
Hat Literatur im digitalen Raum Zukunft? Rebecca C. Schnyder, Programmverantwortliche des Wortlaut-Festivals, sagt: «Das Thema ist zumindest brennend genug, um darüber zu reden. Es öffnet neue Räume und erreicht damit auch eine neue Leserschaft ausserhalb des kuratierten Literaturbetriebs.»
Das Festival selber bleibt allerdings analog; um darüberhinaus die digitale Schiene mitzufahren, dazu fehlten die Ressourcen, sagt Schnyder.
Mehr Zeit, mehr Szenisches
Die letzten zwei Jahre waren pandemiebedingt wortlaut-los (mit Ausnahme einzelner digitaler Formate wie dem «Coronahauer» von Saiten und Theater am Tisch 2020 und 2021). «Kultur live erleben und sich an Kulturanlässen begegnen; beides mussten wir mitunter schmerzlich missen», steht in der Einladung zum Festival. «So wollen wir ebendiesen Begegnungen fortan umso mehr Platz schaffen und Raum geben.»
Das Festival dehnt sich deshalb neu aus auf Samstag und den ganzen Sonntag – damit bleibt zwischen den einzelnen Programmpunkten mehr Zeit.
Wortlaut, 25. bis 27. März, diverse Orte in St.Gallen
wortlaut.ch
Neu sind auch die Programmschienen. Statt wie bisher mit Jandl-Titeln mehr launig als aufschlussreich umschrieben («laut», «luise», «lechts» und «rinks»), gibt es neu die Spartenteilung «Bühne», «Buch» und «Bild». Namentlich die Bühnensparte öffne neue Möglichkeiten für szenische und musikalische Auftritte, die bisher beim Wortlaut eher zu kurz kamen, sagt Rebecca C. Schnyder. Das bewährte Profil des Festivals bleibe aber erhalten, mit jenem starken Gewicht auf Comic und Graphic Novel, auf Poetry Slam und Spoken Word, das St.Gallen aus anderen Literaturfestivals heraushebt.
Maeva Rubli und Anisa Alrefaei Roomieh.
Gezeichnete Literatur kommt zum Beispiel von Lina Ehrentraut, von Adam Vogt, Hannes Richert oder der einheimischen Lika Nüssli, die in Starkes Ding an ihren Vater erinnert. Die Zeichnerin Maeva Rubli und die aus Syrien geflüchtete Autorin Anisa Alrefaei Roomieh stellen ihr im Dialog entstandenes Buch bei dir, bei mir vor.
Spoken Word bieten die in Luzern tätige St.Gallerin Miriam Schöb, das Duo Loretta Shapiro, Moser/Muheim, die Zürcher Kabarettistin und Musikerin Rebekka Lindauer und der traditionelle Dialekt-Poetry-Slam. Romane stellen Esther Becker (Wie die Gorillas) oder Yael Inokai (Ein simpler Eingriff) vor, Lyrik ist von Rolf Hermann und Ronya Othmann zu hören.
Rebekka Lindauer.
Neues Zentrum mit Stadthaus und Denkbar
Zum Wortlaut gehören weiterhin auch die literarischen Stadtrundgänge von Richard Butz und Nathalie Hubler, der Gassenhauer von Saiten und Theater am Tisch, neu vom Stadthaus auf die Gasse und den nahen Dom geschmettert, sowie die Festivalbeiz – diesmal ist es die Denkbar, vis-à-vis des Stadthauses der Ortsbürgergemeinde als neuem Festivalzentrum. Weitere Spielorte sind Kellerbühne, Palace, Grabenhalle, Kunstmuseum und Militärkantine.
Die traditionelle «Ostschweizer Bühne», das Format für Kurzauftritte mit Autorinnen und Autoren aus dem Ostschweizer Literaturnetz, fehlt dagegen im diesjährigen Programm. Man suche für die regionalen Stimmen ein neues, attraktives Format, für ein nächstes Mal, sagt Rebecca C. Schnyder.
Neu sind dafür «Blinddates», bei denen in der Denkbar zwei Autor:innen aufeinandertreffen, und die Schreibwerkstatt. Und ebenfalls eine Premiere gibt es zum Auftakt am Freitagabend: Auf einem Stationenweg rund um die Militärkantine lesen Katja Brunner, Rolf Hermann, Adam Vogt und Schauspieler Marcus Schäfer aus selbstgewählten Texten.
Wortlaut-Programmleiterin Rebecca C. Schnyder. (Bild: Su.)
Ob zwischen Buchdeckeln, durchs Mikrofon, gesungen oder gezeichnet: Die Autorinnen und Autoren der diesjährigen Wortlaut-Ausgabe berichteten auf je ganz unterschiedliche Art «vom Zustand der Welt», sagt Rebecca C. Schnyder.
Das St.Galler Wortlaut-Festival 2021 ist digital – und trotzdem regional wie selten. Eine der neueren Ostschweizer Stimmen, die es zu entdecken gibt, ist Maya Olah. Sie präsentiert ihren Text «Im Hallenbad» am nächsten Sonntag als Video-Essay aus dem Volksbad.
Was wir scheinen ist der erste Roman der Literaturwissenschaftlerin Hildegard E. Keller. In der fiktionalen Biografie verbringt sie mit Hannah Arendt den Sommer 1975 im Tessin und lässt Erinnerungen und Freundschaften noch einmal aufleben. Keller liest dieses Wochenende am digitalen Wortlaut-Festival.
Wortlaut, das St.Galler Literaturfestival geht in sein zehntes Jahr: Zeit für eine Hommage oder Ende der Schonfrist? Ein fiktives Gespräch zwischen dem nörgelnden und dem applaudierenden Ich.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.