Was ist das Atelier? Ein Ort der Freiheit, sagt Lika Nüssli. Hier gebe es kein Internet und komme kein Telefon – das mache den Kopf frei für konzentriertes Arbeiten. An ihrem Atelier im 4. Stock der Hauptpost, vom Kanton günstig vermietet, schätzt die Zeichnerin zudem, dass der Raum hoch und roh ist und strapaziert werden kann.
Auf dem gleichen Stock hat Iris Betschart seit kurzem ihre «graue Zone» eingerichtet: ein Wunderland mit Nähutensilien, Nähmaschine, Materialien aller Art, Schachteln mit Aufschriften wie Krimskrams, Kordeln, Schnallen oder Murmeln, Notizheften, Fotos. Das Atelier mache es ihr möglich, «in meinen Dingen drin zu sein» – und dies wenn immer möglich jeden Tag.
Annina Thomann hat in ihrem Raum in der Reithalle einige der gequetschten Ziegelsteine aufgestellt, denen momentan ihr künstlerisches Interesse gilt und die sie ab 1. Juni im Lagerhaus zeigen wird in ihrer Werkbeitrags-Ausstellung unter dem schlichten Titel «to build». Das Atelier sei als Werkraum zentral – «eine Insel, in die ich mich zurückziehen kann». Die Ziegelsteine entstehen allerdings nicht hier, sondern in einer Ziegelbrennerei.
«Materialeigenschaften herausfordern», das ist, was sie interessiert und worüber das Publikum in ihrem Atelier Überraschendes erfährt – etwa dass Stoffe ein Materialgedächtnis haben, das sich für den künstlerischen Prozess fruchtbar machen lässt. Oder dass die Arbeit mit Keramik eine ausgezeichnete Übung in Entschleunigung sei – wenn man pressiert, geht es schief.
Durchwegs positiv äussern sich auch andere in der Reithalle einquartierte Kunstschaffende. Die Ateliers, welche die Stadt günstig vermietet, seien «einfach toll und ein Geschenk», sagt die Fotografin Tine Edel. Sie ist seit zwei Jahren in der Reithalle, davor habe sie in einer kleinen privaten Mansarde gearbeitet, mit weniger Platz und ohne den kollegialen Austausch, der sich in der Reithalle fast von selber ergebe.
Beatrice Dörig schätzt diesen Dialog ebenfalls, auch jetzt an diesem Wochenende der offenen Türen: «Es ergeben sich spannende Auseinandersetzungen mit der eigenen Arbeit.» Hier hatte zuvor der verstorbene David Bürkler gearbeitet – die Grösse des Raums wirke sich auch auf die Formate Ihrer Werke und den ganzen Schaffensprozess aus, sagt die Künstlerin.
Einen Stock höher breiten sich die Auslegeordnungen von Felix Stickel aus. Sein Atelier an der Stirnseite der Reithalle wirkt dank den Halbrund-Fenstern besonders grosszügig. «Das Atelier ist meine Arbeit», sagt er radikal; es sei der Ort wenn möglich «täglicher Praxis» in den Feldern von Theorie, Bildforschung, Materialexperimenten, Lektüre. Stickel spricht von seiner Skepsis gegenüber dem «Weg der Malerei» und der Fülle der Bilder – und reagiert darauf mit einer Kollektion von «Gefügen, die ständig komplexer werden».
Bei Michael Bodenmann nebenan wuchert es weniger. Das Atelier nennt er sein «Refugium»: geschätzt als Rückzugsort insbesondere jetzt in der Schlussphase seines Masterstudiums in Zürich. «Super, dass eine Stadt wie St.Gallen solche Räume zur Verfügung stellt», sagt Bodenmann.
Kristin Schmidt, Co-Leiterin der Fachstelle Kultur der Stadt, bestätigt, die Ateliers seien begehrt – eine Warteliste gibt es zwar nicht, aber sie werden im Dreijahresturnus ausgeschrieben, mit Verlängerungsmöglichkeit bis zu dreimal drei Jahren. Besonders attraktiv sei natürlich ein Ort wie die Reithalle, wo die eigenen Werke in Resonanz mit anderen Kunstschaffenden kommen.
5ünfstern, ganze Ostschweiz ohne Stadt St.Gallen: Samstag 6. Mai 12-19 Uhr, Sonntag 7. Mai 11-17 Uhr Infos: fuenfstern.com
Nicht bloss die «üblichen Verdächtigen»
Genau dieses Anliegen – Austausch und Vernetzung – verfolgt Brigitte Kemmann mit ihrer inzwischen zur Tradition gewordenen 5ünfstern-Aktion. Vernetzen, das heisse zum Beispiel: Menschen an Orte zu holen, wo sie sonst nicht hinkämen. Oder: Unerwartete Begegnungen ermöglichen. Und schliesslich vor allem: Kultur zu vermitteln an jene Mehrheit, die sich dafür bis dahin nicht interessiert.
So hat sie es gegenüber Saiten im Aprilheft erklärt und mit einem drastischen Bild begründet: 95 Prozent der Bevölkerung blieben der Kultur fern, die übrigen fünf Prozent bewegten sich in geschlossenen Zirkeln der «üblichen Verdächtigen». Das müsse man aufbrechen und versuchen, einer neuen Klientel all das grossartige Schaffen von Künstlern aller Sparten näher zu bringen. Die direkte Begegnung vor Ort, wie es 5ünfstern möglich mache, sei ein gutes Format, um diese Öffnung der Kultur voranzubringen.
Also: Raus aufs Land zur Kunst, nach dem Motto, das vor Lika Nüsslis Atelier prangt:
300 Künstlerateliers in den Kantonen Appenzell Ausser- und Innerrhoden, St.Gallen und Thurgau öffnen ihre Türen an insgesamt zwei Wochenenden im März. Vor-Vernissage ist am 22. Februar im St.Galler HB.
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
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Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.