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Männerkörper und eine Schweizer Entdeckung

Männlichkeit in allen Facetten mauserte sich zum heimlichen Hauptthema der 70. Ausgabe des Filmfestivals Locarno. Ausnahmsweise durfte man dieses Jahr auch den Schweizer Film bewundern.
Von  Timo Posselt
Goliath-Regisseur Dominik Locher (mitte) mit Jasna Fritzi Bauer und Sven Schelker. (Bild: Locarno Festival, Massimo Pedrazzini)

Spätestens in der Mitte des Festivals wurde es augenfällig. Die Männerkörper waren das heimliche Hauptsujet der 70. Ausgabe des Filmfestivals in Locarno. Sie standen zum Beispiel im Mittelpunkt von Denis Côtés dokumentarischer Meditation über Bodybuilding Ta peau si lisse.

Der Dokumentarfilmer folgt darin einer Handvoll Muskelprotzen im alltäglichen Hamsterrad von Proteinshakes, Gewichtstemmen und Muskel-Selfies. Ganz ohne Kommentar des Regisseurs, nur mit dem empathischen Blick seiner Kamera lernt man so die Protagonisten in ihrem natürlichen Umfeld kennen und realisiert schnell, wie unglaublich stumpf der Weg zum Traumkörper sein muss. Als Erkenntnis mag das nicht besonders tiefsinnig sein, dennoch wurde es einem noch nie so unaufdringlich und präzise aufgezeigt.

Geil, aber giftig

Traumkörper haben auch die Jungs in Beach Rats. Die amerikanische Regisseurin Eliza Hittman erzählt darin das homosexuelle Erwachen des weissen Teenagers Frankie. Statt sich auf die üblichen Konfliktfelder von Familie und homophober Peergroup zu konzentrieren, gelingt ihr mit einem ausgefeilten Drehbuch ein bestechendes Porträt weisser, amerikanischer Jugendlichkeit.

Sie zeigt die anziehenden und gleichzeitig bedrohlichen Körper der Jugendlichen immer wieder in Closeups und schnellen Schnitten. Mit diesem scheinbar einfachen Kniff steigert sie die Intensität der Bilder so, dass diese einem von allen Filmen am längsten im Gedächtnis bleiben.

 

Ebenso nachhallend ist der dänische Film Vinterbrødre von Hlynur Pálmason. Sein Langfilmdebut spielt in einer jahrlosen Zeit in einem dänischen Bergbaugebiet. So richtig klar wird einem nicht, was die Protagonisten dort eigentlich aus der Erde schaffen. Das trägt zur bedrückenden Stimmung bei, die aus jedem der oft in Grautönen gehaltenen Bilder strömt.

Während der Hauptprotagonist sich mit seinem schlecht gepanschten Alkohol ins Verderben stürzt, verliert man sich völlig in der visuell strengen Inszenierung des tristen Alltags. Die Soundlandschaften, mit denen Toke Brorson Odin die Szenen untermalt, verstärken diesen Effekt exponentiell. Auch hier sieht man zum Schluss nackte Männlichkeit in Aktion. Für seine flirrende Darstellung erhielt Elliott Crosset Hove völlig verdient den Preis für die beste männliche Hauptrolle.

 

Während die Wahl von Isabelle Huppert als beste Hauptdarstellerin eher etwas gschpässig anmutet: Im soliden, aber unaufregenden Mrs Hyde spielt sie so stark wie eh. Doch es ergibt abgesehen davon schlicht keinen Sinn, wenn ein Festival wie Locarno, das sich vor allem jungen, aufstrebenden Filmschaffenden widmet, einen Preis einer bereits mit Preisen überhäuften Schauspielerin wie Huppert gibt.

Genau umgekehrt verhält es sich mit dem Goldenen Leoparden für Wang Bings zärtlichen Dokumentarfilm über die an Alzheimer erkrankte Mrs Fang. Es mag nicht Bings bester Film sein, aber es ist die verdiente Auszeichnung eines grossartigen Regisseurs und auch seine erste an einem wichtigen Festival wie Locarno.

Digitale Entfremdung in Zürich-West

Der toxische Männerkörper tauchte schliesslich nochmals auf: In Dominik Lochers vorab gehypten Goliath. Das Drama über die Krise der Männlichkeit, die mit übertriebenem Bodybuilding überstanden werden will, blieb jedoch hinter seinen hohen Erwartungen zurück. Zu unterkomplex waren die Figuren, zu epigonal die künstlerische Ausgestaltung und zu vorhersehbar der Plot.

Ein anderer Schweizer Film hingegen staubte am Ende noch etwas Lorbeeren ab: Das Debüt Dene Wos Guet Geit von Cyril Schäublin erhielt zwar nur eine lobende Erwähnung unter den besten Erstlingsfilmen, trotzdem ist man beruhigt, dass solch aufregendes Schweizer Kino, offenbar die Zustimmung einer internationalen Jury geniesst.

 

Schäublin erzählt im Film die Geschichte der Erbschleicherin und Scheinenkelin Alice, die neben ihrem Callcenterjob im Zürcher Agglo-Brei alten Damen Geld abluchst. Aber der Plot ist nur die Beilage: Noch nie hat man die digitale Entfremdung der selbstgefälligen Schweizer Wohlstandsgesellschaft so genau seziert gesehen. Zürich ist eine Betonwüste, die Dialoge kreisen um Versicherungspolicen und Handyverträge, und jede einzelne Einstellung zeugt vom enormen Gestaltungswillen von Schäublin und Kameramann und Künstler Silvan Hillmann.

Vielleicht ist es dieser Selbstanspruch, alles andere als gefälliges Heimatkino zu machen, der Schäublins Erstling unter den Schweizer Filmen in Locarno herausstechen lässt. Auch im internationalen Vergleich wirkt sein Hyperrealismus mit trockenem Witz noch aufregend. Locarno ist bekanntlich gut für Entdeckungen. Es ist selten, dass man solche auch unter den Schweizer Filmen machen darf.

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