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Mehr Schub für die Bibliothek

Im Februar 2015 wurde die Bibliothek Hauptpost in St.Gallen eröffnet. Seither geht es eher rückwärts: In der Cafeteria gibt es nur noch Automaten-Kaffee. Es droht der Dauerzustand.
Von  Andreas Kneubühler
«Wo kannst du kreativ sein?»: Die abtretende Leiterin des Amts für Kultur St.Gallen war es sicherlich bei der Einschätzung, wie «gut» der neue Automaten-Kaffee beim Bibliotheks-Publikum ankommt. (Bilder: akn)

Ein Besuch in der Bibliothek Hauptpost.

Links geht es in eine Art Lesesaal. Vor rund einem Jahr war dies noch ein Café mit zeitweise viel Betrieb. Nun stehen an der Wand einige Automaten für Kaffee und Snacks. Die Leute sitzen und lesen. Es ist sehr ruhig. Das schnelle Umblättern einer Seite der «Süddeutschen» verursacht ein störendes Geräusch.

Weiter geht es zu den Regalen mit den Büchern. Regelmässige Besucher:innen stellen rasch fest, dass es zwei Bibliotheken gibt. Links ist die Stadtbibliothek mit eigenen Regalen mit Neuheiten, rechts die Kantonsbibliothek mit eigenen Regalen mit Neuheiten.

Die Neuheiten auf der linken Seite gehören eher zur Unterhaltungsliteratur. Rechts findet sich tendenziell eher die E-Literatur. Doch so einfach ist das nicht. Es gibt viele Unschärfen. Wer ein bestimmtes Buch möchte, sucht am besten an beiden Orten.

Lucinda Riley? Links.

Olga Tokarczuk? Rechts, wurde aber auch schon links gesichtet.

Anna Rosenwasser? Links gesehen.

Peter Stamm? Links und rechts.

Stella Maris von Cormac McCarty? Rechts.

Die einen binden die Bücher in Plastikfolie ein. Die anderen (rechts) nicht.

Zwischen den beiden Bibliotheken gibt es eine Art Niemandsland mit Angeboten an CDs und DVDs. Der direkte Weg von links nach rechts führt an den PC-Stationen für Katalog und Ausleihen vorbei und ist durch ein Metallgestell teilweise versperrt.

Natürlich kann man sich vorbeizwängen.

Damit hat es sich aber auch schon mit den Nachteilen des komplexen Innenlebens der Bibliothek Hauptpost. Es gibt nur eine Theke für Rückgaben und Auskünfte. Und überall das gleiche Personal.

Natürlich stellt sich die Frage, wieso sich die unterschiedlichen Kulturen der beiden Bibliotheken in acht Jahren einander nicht angenähert haben.

Und was das alles überhaupt soll.

Doch zurück zum Wartesaal mit den Snacks- und Kaffee-Automaten, der immer noch mit Café St.Gall angeschrieben ist.

Neben dem Eingang gibt es Informationen. Unter dem Titel «Zukunft Café St.Gall» heisst es: «Automatenbetrieb bleibt». Das kantonale Hochbauamt und das Amt für Kultur hätten seit der Schliessung im Mai 2022 verschiedene Möglichkeiten einer Wiedereröffnung geprüft. «Leider konnte keine der eingegangenen Pächter-Bewerbungen überzeugen.»

Dem «St.Galler Tagblatt» erklärte die Leiterin des Amtes für Kultur, für die Auswahl sei ein externer Gastroexperte beigezogen worden. Dies habe 8800 Franken gekostet. Der Experte habe die Langfristigkeit der Bewerbungen kritisch gesehen. Es sei wichtig, nicht nach ein, zwei Jahren wieder eine Lösung suchen zu müssen. Der Automatenbetreib komme bei den Besucher:innen «interessanterweise gut an».

Dazu stellen sich viele Fragen. Beispielsweise wieso es zu einer unperfekten Bibliothek nicht auch ein unperfektes Café geben könnte – ohne Garantie für eine Dauerlösung. Oder: Wenn es der Kanton nicht schafft, in eineinhalb Jahren eine Lösung zu finden, sollte sich da nicht die Stadt versuchen?

Noch grundsätzlicher: Da gibt es doch dieses 137-Millionen-Projekt für eine neue Bibliothek auf dem Blumenmarkt. 2030 soll der Neubau bezugsbereit sein. (Falls das Projekt nicht bereits im November 2024 im Kantonsrat abgesägt wird.) Bedeutet dies für die Besucher:innen der Hauptpost sieben Jahre lang Automatenkaffee und mit Twint bezahlte Snacks?

Aber lassen wir die Fragerei einmal weg und spulen zurück zum Start der Bibliothek, als die Bedingungen für den Betrieb des Cafés festgelegt wurden.

Die St.Galler Regierung hatte 2014 eigentlich den Eigenbetrieb der Cafeteria vorgesehen. Geplant war eine «gastronomisch versierte» Leitung mit spezifisch dafür angestellten Bibliotheksmitarbeitenden. Im Budget gab es dafür drei Stellen. Die Finanzierung sollte über die Cafeteria-Einnahmen laufen. Das unternehmerische Risiko wäre beim Kanton gelegen.

Die Finanzkommission war dagegen. Sie beantragte in der Novembersession 2014, rund drei Monate vor der geplanten Eröffnung der Bibliothek, die Streichung des gesamten Budgetpostens und setzte sich durch. Der Staat dürfe nicht mit Steuergeldern einen Gastronomiebetrieb führen, lautete die Begründung.

Danach musste in aller Eile eine neue Lösung entwickelt werden. Die Cafeteria sollte nun ohne Unterstützung des Kantons funktionieren. Ein allfälliges Defizit hatte der Betreiber zu tragen. Es gab eine Ausschreibung.

Die Politik mischte sich weiter ein. Als der Lehrverbundsbetrieb WERT-VOLL aus Amriswil TG den Zuschlag bekam, reagierten CVP-EVP und SVP mit einem gemeinsamen Vorstoss. Der Inhalt: Wieso erhielt nicht der TISG (Trägerverein Integrationsprojekte der St.Galler Gemeinden) den Auftrag?

Bei der Behandlung des Vorstosses im September 2015 wurde im Rat eine Diskussion verlangt, was eher selten vorkommt. Dort kritisierte SVP-Kantonsrat Michael Götte (im Vorstand der TISG) erneut, den Entscheid für das Thurgauer Projekt. Der TISG führe schliesslich in St.Gallen erfolgreich das Restaurant St.Leonhard sowie den Rüthihof in Rüthi SG, argumentierte er.

Der damalige Regierungsrat Martin Klöti (FDP) entgegnete, die WERT-VOLL GmbH habe bei der Eingabe einen Business-Plan mit 15 Seiten abgeliefert, die TISG einen mit zwei Seiten. «Wir hatten einfach wenig in den Händen.» Im Schlusswort sagte dann Götte noch, man werde das Café St.Gall «sehr genau beobachten». Es sei fraglich, ob der Staat hier mit dieser Aufgabe richtig umgegangen sei.

Sieben Jahre lang bis zum Einschnitt durch Pandemie betrieb die WERT-VOLL GmbH zusammen mit Jugendlichen «mit besonderem Unterstützungsbedarf» das Café. Der Kaffee war gut, das Mineralwasser wurde in Plastikflaschen serviert. Eine Küche war nicht eingebaut worden. Weil auch eine Lüftung fehlte und keine Abtrennung zur Bibliothek existiert, waren Suppen am Mittag vielleicht nicht die beste aller Ideen.

Auch die Bibliothek in der Hauptpost hätte einen Boost verdient.

Aus all dem lässt sich schliessen, dass es für den Betrieb der Cafeteria hohe Hürden gibt, die eigentlich nur für eine Non-Profit-Organisation zu erfüllen sind. Zudem ist die Vergabe ein Politikum und üblicherweise will sich dann in der Verwaltung niemand die Finger dran verbrennen. Nicht, dass es wieder Vorstösse der SVP gibt.

Lieber nichts entscheiden und Automaten aufstellen.

Die nächste Schlussfolgerung: Ohne Druck passiert in der Bibliothek Hauptpost nichts mehr. Die Behauptung der Leiterin des Amtes für Kultur, der aktuelle Zustand komme bei den Besucher:innen «gut an», bleibt unwidersprochen.

Es gibt noch eine weitere Ebene.

Im Projektbeschrieb für die neue Bibliothek ist die Rede von einem «Aufenthalts-, Arbeits- und Begegnungsort für alle». Angekündigt sind grosszügige Öffnungszeiten, ein Café sowie ein Veranstaltungsraum mit Bar. Der Bau des Berliner Architekturbüros Staab soll zu «einem lebendigen Teil der Innenstadt werden».

Das alles ist ziemlich weit weg von der unperfekten Bibliothek Hauptpost mit ihrem Automatencafé.

Noch steht der politische Prozess aus. Es braucht dazu sowohl die Zustimmung des Stadt- als auch des Kantonsparlaments. Dazu müssen Volksabstimmungen in der Stadt und im Kanton gewonnen werden. Der Widerstand im Kantonsrat wird gross sein. Damit das Projekt nicht scheitert, braucht es eine breite Bewegung, die sich für eine neue Bibliothek einsetzt. Vielleicht wäre eine Wiedereröffnung des Café St.Gall ein erstes Übungsziel.

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