Kategorie
Autor:innen
Jahr

Low-tech für die neue St.Galler Bibliothek

Jetzt ist der Architekturwettbewerb für die Neue Bibliothek in St.Gallen gestartet. Gesucht ist ein möglichst ökologischer Bau in Low-tech. Die Höhe des Neubaus auf dem Blumenmarkt neben dem «Union»-Gebäude ist nicht beschränkt.
Von  René Hornung
Das «Union» vom Blumenberg gesehen. (Bilder: Corinne Riedener)

«Das wird ein Mocken auf dem Blumenmarkt.» Das sagen alle, die sich mit den Anforderungen an die Neue Bibliothek auseinandersetzen. Hier sollen die Stadt- und die Kantonsbibliothek mit ihrem heutigen Freihandangebot, wie es seit fünf Jahren provisorisch in der Hauptpost zu finden ist, Platz haben.

In den Neubau auf dem Blumenmarkt will aber auch die Kinder- und Jugendbibliothek einziehen, die heute noch in Katharinen untergebracht ist. 200’000 Medien – Bücher, CDs und DVDs – sollen künftig in den Freihandbibliotheken zugänglich sein, noch einmal so viel Material in Magazinen – auch dort darf laut Konzept das Publikum hinein.

Hier die vollständige Ausschreibung des Wettbewerbs.

So soll eine moderne Public Library entstehen – ein vielschichtiger, urbaner Ort, ein sozialer Treffpunkt mit Leseplätzen, Begegnungsmöglichkeiten und Veranstaltungsräumen. Zusätzlich braucht es Büros und Magazine, einen Kulturgüterschutzraum, einen «Rara»-Leseraum, in dem wertvolle Bestände separat eingesehen werden können, und nicht zuletzt ein gastronomisches Angebot.

Bücher in den Neubau

Im «Union»-Gebäude – es gehört der Helvetia Versicherung und stammt aus den 1950er-Jahren – können nur beschränkt Nutzungen untergebracht werden. Konstruiert ist das Haus nämlich als Skelettbau aus Stahl und Stahlbeton und mit einer sogenannten Rippenplatten-Deckenkonstruktionen. Die Belastbarkeit der Böden stösst deshalb schon mit der heutigen Büronutzung an Grenzen. Höhere Nutzlasten seien nur mit unverhältnismässigen Verstärkungen zu erreichen, heisst es in den Unterlagen. Konkret bedeutet dies wohl: Die Bücher kommen in den Neubau.

Das «Union»-Gebäude erfüllt natürlich auch keine heutigen Dämmvorschriften, weder bezüglich Wärmeverlust, noch akustisch. Die Wettbewerbsausschreibung bezeichnet die diesbezüglichen Nachrüstungen als «anspruchsvoll». Wärmeisolationen müssen aus denkmalpflegerischen Gründen innen angebracht werden. Die Schallisolation erfordere möglicherweise neue Unterlagsböden und abgehängte Decken. So soll das «Union» auch nach dem Umbau und der «Ertüchtigung» seinen Charakter behalten – samt der grosszügigen, geschwungenen Treppen.

Das Treppenhaus im Union mit Roman Signers Kanu.

Weil klar ist, dass im «Union» nur ein Teil der Bibliotheksnutzungen möglich ist, sieht der Wettbewerb die Überbauung des ganzen Gevierts des Blumenmarkts vor. Dabei kann der «Union»-Flügel auf der Seite Marktplatz (mit dem heutige Café Blumenmarkt) abgebrochen werden. Auch ein Teil des Café Zentrum über der Einfahrt zum Taubenloch kann in die Planung des Neubaus miteinbezogen werden.

Vor der Häuserzeile auf der Südseite des Blumenmarktes mit den Restaurants soll aber ein Hof mit mindestens 350 Quadratmeter offen bleiben, ebenso der Durchgang bei der «Süd»-Bar in den Oberen Graben.

Der Neubau der Bibliothek auf dem Blumenmarkt solle sich «zum städtischen Umfeld visuell nicht verschliessen, sondern sich dem Publikum mit einer möglichst offenen Geste zuwenden». Der Haupteingang ist denn auch auf der Seite Marktplatz/Blumenmarkt angedacht.

Der heutige Blumenmarkt, auf dem der Neubau zu stehen kommt. Rechts der zum Abbruch freigegebene Anbau, ganz links die Einfahrt zum Taubenloch.

Stadt und Kanton St.Gallen, die die auf rund 50 Millionen Franken geschätzte Neue Bibliothek gemeinsam mit der Helvetia bauen wollen, streben mit dem Neubau die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft an. Der Einsatz von nicht erneuerbaren Ressourcen muss schon beim Bau und dann auch beim Betrieb minimiert werden.

Lüften statt klimatisieren

Deshalb soll bei der Haustechnik möglichst Low-tech zum Einsatz kommen. Die vollständige Klimatisierung sei zu ressourcenintensiv und führe meist zu einer sehr grossen finanziellen Belastung in Betrieb und Unterhalt, heisst es in den Unterlagen. Lüften mit offenen Fenstern bedingt aber Höfe, Atrien oder Schächte.

Zum ökologischen Bauen gehört auch möglichst wenig Tiefbau. Empfohlen wird die Planung von nur zwei Kellergeschossen, denn auf der Höhe des 2. Untergeschosses verläuft unter dem Blumenmarkt der Kanal des Irabachs, heute ein Teil des Kanalisationssystems. Den könnte man zwar umleiten, die Ausschreibung empfiehlt allerdings davon abzusehen. Tiefe Grabungen möchte man auch aus Gründen der Archäologie vermeiden – ein Thema das bei der abgelehnten Parkgarage Schibenertor immer wieder aufgekommen war.

Ausdrücklich verzichtet wird auf eine Parkgarage. Es reicht eine Paketanlieferung über den Marktplatz.

In die Höhe, in die Breite

All diese Randbedingungen machen klar: es könnte mitten in der Stadt ein mächtiges und hohes Gebäude auf dem Blumenmarkt zu stehen kommen. «Der Neubauteil ist in der Höhe nicht beschränkt. Die Beurteilung erfolgt durch das Preisgericht aufgrund von städtebaulichen Kriterien», heisst es denn auch in der Ausschreibung.

Noch ein interessanter Hinweis findet sich in den Unterlagen: «Es ist davon auszugehen, dass längerfristig der Aussenbereich zum Oberen Graben zu Gunsten des «Union»-Gebäudes vergrössert wird. Verwiesen wird auf das Grabenstatut von 1929 und auf den Vorstoss aus dem Stadtparlament, der eine grüne Insel beim Schibenertor fordert.

Mit der Lancierung des Wettbewerbs können sich nun Architekturbüros melden. Sie müssen sich vor dem eigentlichen Start des Wettbewerbs aber einer Präqualifikation stellen. Die Jury wird rund 25 Büros auswählen, die mitmachen dürfen, und zusätzlich maximal fünf junge Architekturbüros zur Teilnahme einladen. Zu einem vollständig offenen Wettbewerb haben sich Helvetia, Stadt und Kanton nicht durchringen können. In rund einem Jahr, im April 2021, soll der Juryentscheid vorliegen.

Luftaufnahme des heutigen abgewinkelten Union-Gebäudes mit der Öffnung zum Marktplatz hin. (Bild: Stadt St.Gallen)

 

 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Einfache Anfrage Bibliothek – #kurzverbloggt,  

… die Stadt und den Kanton erwartet hat René Hornung in einem Artikel im Magazin Saiten …

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler