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Bibliotheken ohne Bücher?

Pius Knüsel ist ein streitbarer Kultur-Kritiker. Das Konzept der Bibliothek habe sich in Zeiten der Digitalisierung überholt, sagt er – aber er zeigte am Freitag in der Hauptpost unter dem Titel «Bibliotheken ohne Bücher, Bücher ohne Papier!» auch ein Schlupfloch auf.

Von  Eva Bachmann
Das Union, künftiger Standort der Haupstadt-Bibliothek.

Was tut eine Kulturinstitution, die an Bedeutung verliert? Sie vergrössert. Denn Investition dokumentiert Bedeutung. Mit dieser These knüpft Pius Knüsel direkt an den Kulturinfarkt an. Das war das Buch, mit dem er 2012 seinen Abgang als Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia garniert hat. Es machte ihn zum Prügelknaben der Szene, weil er darin die Halbierung der Kultursubventionen vertrat. Seither leitet er die Zürcher Volkshochschule, die gänzlich ohne staatliche Unterstützung auskommen muss – dafür kleiner und lebendiger geworden sei, wie er sagt.

Die universale Bibliothek

In seinem Referat in St.Gallen in der Reihe «Welche Bibliothek wollen wir?» stellte Knüsel den Bedeutungsverlust von Bibliotheken als ausgemachte Sache dar. Das Internet sei die universale Bibliothek der Zukunft, in der viel mehr als in jedem physischen Speicher Wissen vorhanden, abrufbar, jederzeit und überall verfügbar sei. Die sinnliche Qualität eines Buchs will er nicht abstreiten, auch er steckte früher mit Lust seine Nase in jedes frisch gekaufte Exemplar… Inzwischen liest er nur noch digital und sieht sich in der Mehrheit – ein kurzer Blick durch den Zugswagen bestätigt den Befund: Es wird zwar überall gelesen, aber praktisch durchgehend auf Tablets und Smartphones.

Pius Knüsel, ohne Buch. (Bild: Volkshochschule Zürich)

Wir sind eine durch und durch schriftbasierte Gesellschaft, das ist eine Tatsache. Doch werde sich das gedruckte Buch innert einer Generation zum Liebhaberobjekt entwickelt haben, prophezeit er. Damit will er nicht dem Inhalt oder der literarischen Qualität eines Texts die Bedeutung absprechen, hinter die Bedeutung der Bibliothek als Bücherspeicher setzt er aber ein grosses Fragezeichen. Denn die Schwelle zum Internet sei noch niedriger als die zur Bibliothek.

Papiermuseum! Etikettenschwindel!

Damit stellt sich jetzt die Sinnfrage: Braucht es noch eine Bibliothek? Und wenn ja: Wie soll sie aussehen? Was soll sie leisten? Diese Grundsatzfragen gilt es in nächster Zeit in St.Gallen zu beantworten, und Pius Knüsel trug das Seine dazu bei, indem er bewusst die Kontroverse zu seinen Vorrednern in der Vortragsreihe suchte.

Am 22. März hatte der Architekt Max Dudler (Altenrhein/Berlin) über vorbildliche Bibliotheksbauten gesprochen und dabei eine Reihe von ikonischen Gebäuden vorgestellt. Sie alle bauen dem Buch eine Kathedrale. Die Räume sind offen und hoch, Treppenhäuser inszenieren den Aufstieg zu den Sphären des erhabenen Wissens. Unten darf man Kaffee trinken, oben wird studiert. Knüsel nannte diese Art von Bibliothek despektierlich «Papiermuseum». Mit der Stiftsbibliothek sei dieses Segment in St.Gallen bereits hochkarätig besetzt, mehr brauche es nicht.

Am 5. April hatte die Pariser Bibliothekarin Mathilde Servet das Konzept der Bibliothek als dritten Ort, also als Begegnungszone und geteiltes Wohnzimmer vorgestellt. Sehr engagiert und gewinnend hatte sie Bibliotheken in Frankreich und nordischen Ländern präsentiert, in denen Informationen und Kurse aller Art für alle Gesellschaftsschichten angeboten werden. «Etikettenschwindel», sagt Knüsel dazu. Bibliotheken würden damit zu Soziotheken, in denen man Beziehungen tausche anstelle von Wissen. Seine Kronzeugin ist die Bibliothek Dokk1 in Arhus, wo der Schalter der Gemeindeverwaltung im Eingangsbereich, die Bücher aber in der hintersten Ecke zu finden seien.

Dokk 1, die Bibliothek von Aarhus. (Bild: Schmidt Hammer Lassen)

Knüsels Kritik erscheint einleuchtend, blendet aber zwei Fakten aus: Erstens hat die Kantonsbibliothek einen Sammlungsauftrag. Sie muss von Gesetzes wegen zusammentragen, was für das kollektive Gedächtnis des Kantons wichtig ist. Die Speicherfunktion gehört also dazu. Zweitens sprechen die Ausleihzahlen gegen einen Bedeutungsverlust der St.Galler Bibliotheken. Sie haben in den letzten Jahren nicht ab-, sondern zugenommen. Einen wesentlichen Anteil an diesem Erfolg hat die Kinder- und Jugendbibliothek Katharinen, die sich schon am weitesten in Richtung eines dritten Orts entwickelt hat.

Die Lücke – für den direkten Kontakt

Bleibt man dennoch dabei und versteht die Digitalisierung als epochalen Bruch, dann lässt sich mit Alexander Kluges «Lücke, die der Teufel lässt» im Hinterkopf fragen, mit welcher neuen Geschichte die Bibliothek gefüllt werden kann. Sich besinnen auf den Kern, lautet Knüsels Devise – also auf das Wort. Zwar habe sich die Begegnung mit dem Buch als physischem Objekt erübrigt, nicht aber jene mit dem Text und der Autorin, dem Übersetzer oder der Verlegerin, die dahinterstehen. Er ortet die Lücke für die Bibliothek im digitalen Zeitalter bei der Begegnung mit dem Wort. Dem virtuellen Buch setzt sie die reale Anwesenheit, den direkten Kontakt mit den Schaffenden entgegen.

«Welche Bibliothek wollen wir?», fragte die Vortragsreihe des Vereins Pro Stadtbibliothek und stellte drei sehr unterschiedliche Ideen zur Debatte: Wollen wir eine würdige Architekturikone, ein öffentliches Wohnzimmer oder einen Veranstaltungsort? Wollen wir alles zusammen – oder vielleicht einen Kompromiss?

Diese Diskussion wäre auch mit den Nutzerinnen und Nutzern der künftigen Bibliothek zu führen. Am Rand der Veranstaltung war allerdings zu vernehmen, dass hinter den Kulissen fertige Konzepte vorliegen, Raumprogramme definiert und die Laufmeter Gestell berechnet sind. In seiner Antwort auf eine Interpellation deckte der Stadtrat vergangene Woche erst wenige Karten auf. Weitere Informationen gibt es «im Sommer».

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
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Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
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Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
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Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
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In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
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«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
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Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
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Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
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FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
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Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
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Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
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Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi