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Mit Artur dem Rhein entlang

«artur017» bringt Leben ins Rheinvorland: ein gutes Dutzend Kunstschaffende aus vier Ländern setzt sich dort mit dem Rhein auseinander. von Meinrad Gschwend
Von  Gastbeitrag

Rheinvorland, das ist die topfebene Fläche zwischen den Mittelwuhren und Hochwasserdämmen. Gedacht für den Notfall. Wenn der grösste Gebirgsfluss Europas über die Ufer tritt, dann füllt sich dieses Vorland (was regelmässig passiert). Abgesehen von den landwirtschaftlich genutzten Grasflächen, vom Vel weg und ein paar provisorischen Fussballplätzen ist es leer. Aktuell ist dieses Niemandsland Projektionsfläche für die konkreten Projekte, wie dem Rhein wieder mehr Platz gegeben, die Hochwasser­-Sicherheit erhöht und die Lebensader des Rheintals erlebbarer gemacht werden könnte.

Einen Vorgeschmack darauf, wie attraktiv diese Fläche sein kann, liefert «artur017», ein grenzüberschreitendes Projekt rund um den Widnauer Kulturschaffenden Kuspi (Kurt Spirig). Teils eingeladen, teils direkt ausgewählt setzt sich ein gutes Dutzend Kunstschaffende aus vier Ländern mit dem Rhein auseinander. Eine der Vorgaben lautete, Schwemmholz, Sand und 125 Meter Dachlatten (weil vor 125 Jahren der Staatsvertrag Österreich/Schweiz zur Rheinregulierung unterzeichnet wurde) zu verwenden. Kein Nachteil, dass sich nicht alle daran gehalten haben.

Der Rhein trennt und verbindet, er schürt Ängste und weckt Sehnsüchte. Einmal droht er (mit Überschwemmung und Zerstörung), ein andermal zeigt er sich von seiner lieblichen, beruhigenden Seite. Ein Gewitter, ein Föhneinbruch während der Schneeschmelze, und schon ist alles anders. Gabriela Nasfeter setzt dies mit einem Dachlatten-­Würfel um: die eine Hälfte straff bespannt mit Polyesterbändern, die andere ein Kuddelmuddel. Der Rhein ist unberechenbar: Ronja Svaneborg hat aus Latten einen Dachstock gezimmert. Der liegt nun wellenumspült am Ufer. Ihr Fazit: «Mit dem Rhein zu leben, heisst den willensstarken Teil der Natur zu akzeptieren.»

artur017: bis 26. August, verschiedene Orte im Rheintal
artur017.ch

Das Künstlerduo Bildstein/Glatz nutzt das hindernisfreie Vorland und eine entsprechende Rampe, um einen Stuntman über den Rhein zu schicken. Die Verbindung zwischern Hüben und Drüben zeigt sich im Beitrag von Severin und Pirmin Hagen: auf beiden Dämmen ein gespiegelter Betonpoller mit einem Draht verbunden. Jonas heisst für einmal nicht der Ausgespuckte, sondern der Fisch selber – gezimmert von Insassen der Strafanstalt Saxerriet. Alfred Graf zeichnet mit Dachlatten in die Landschaft. Im Verlauf der Ausstellung entsteht am Damm und auf der angrenzenden Wiese eine Lattenzeichnung.

Mit Textauszügen arbeiten Vera Leisibach, Corina Schaltegger und Laura Bider. In grossen Lettern werden Sätze auf die Blockstein-­Dämme geschrieben. Kreide – sobald das Wasser steigt, ist alles wieder abgewischt. Das nächste Hochwasser kommt bestimmt. Unklar ist nur das Ausmass. Ingenieure ha
ben dafür Begriffe, beispielsweise Q 300: eine Katastrophe, die gemäss Wahrscheinlichkeitsrechnung alle 300 Jahre mindestens einmal vorkommt. Lilian Hasler hat aus blauem Polyester zwei Riesenbrüste geschaffen, sie auf ein stabiles Gerüst gesetzt, und spekuliert nun darauf, dass diese 120 × 120 × 120 cm grossen Gebilde beim nächsten Q 300 vom Fluss bis nach Rotterdam getragen werden.

Der Rhein transportiert und beflügelt. Das tut er seit eh und je. Schön, dass er – wenigstens gedanklich – für ein paar Wochen aus seinem Korsett befreit wird und im Rahmen des Kunstweges auf neue Art erlebbar ist. Der Kunstweg führt von der Habsburg auf Schweizer Seite bis zu den Rheinschauen auf der Vorarlberger Seite. Am besten legt man ihn mit dem Velo zurück.

Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten. 

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