Unverdrossen blickt er auf den Bodensee hinaus und wirkt so stolz, als wäre er ein König: Ein steinerner Löwe bewacht seit 1856 die Lindauer Hafeneinfahrt und rührt sich nicht vom Fleck. Dabei würde sich seine grimmige Miene schnell aufhellen, wenn er einfach mal durch die pittoresken Gassen der Insel-Altstadt schlendern oder sogar über die Stadtgrenzen hinauswandern würde bis ins sonnige Westallgäu. Der Landkreis Lindau reicht nämlich viel weiter als das Blickfeld dieses Löwen.
Immerhin thront er «ganz schön nah am Paradies». Ja, genau, ein Werbeslogan siedelt die 25’000-Einwohner-Stadt Lindau in der Nähe des Gartens Eden an. Dessen Einfluss haben wohl bereits die Altvorderen gespürt, als sie diesem Eiland den Namen Lindau gaben. Er bedeutet «Insel, auf der die Lindenbäume wachsen». Die Linde ist immer noch allgegenwärtig im prächtigen Baumbestand der Stadt, in ihrem Wappen und als Namensgeberin von grünen Oasen. Einer der schönsten Parks ist der Lindenhofpark auf dem Festland, eines der beliebtesten Strandbäder ist das familiäre Lindenhofbad.
«Das Spannungsgefüge zwischen der «Nähe zum Paradies», der internationalen Strahlkraft dieser Kleinstadt, ihrer touristischen Bedeutung und den Bedürfnissen der heimischen Bevölkerung ist oft aber auch eine Herausforderung.»
Die Lindauerinnen und Lindauer lieben ihre Parks, ihre Strandbäder, ihre Strassencafés zwischen den ehrwürdigen Patrizierhäusern, ihre Sonnenuntergänge am See und ihr reichhaltiges Kulturleben. Sie lieben ihre Obstblüte im Frühjahr, ihr Kinderfest im Sommer, ihren Jahrmarkt im Herbst und ihre Hafenweihnacht im Winter. Sie sind stolz auf die Lindaus Bedeutung als ehemals freie Reichsstadt (bis 1803) und auf die alljährliche Tagung der Nobelpreisträger (seit 1951). Das Spannungsgefüge zwischen der «Nähe zum Paradies», der internationalen Strahlkraft dieser Kleinstadt, ihrer touristischen Bedeutung und den Bedürfnissen der heimischen Bevölkerung ist oft aber auch eine Herausforderung. Der Hafen-Löwe nimmt’s mit stoischer Ruhe zur Kenntnis.
Könnte er die Stadtgrenzen hinter sich lassen, dann würde er ihm auffallen, wie sich die Landschaft verändert. Denn der Landkreis Lindau, mit seinen nur 323 Quadratkilometern Fläche der zweitkleinste Landkreis in Bayern, besteht genau genommen aus zwei Regionen: einer dem Bodensee zugewandten und einer ins Allgäu orientierten Region. Der Volksmund unterscheidet zwischen dem «unteren» und «oberen» Landkreis. Seine Umrisse gleichen einer liegenden Karaffe, deren Flaschenhals an der engsten Stelle nur ein paar Kilometer breit ist.
«Unten» befinden sich die Kreisstadt Lindau auf nur 401 Meter über NHN und die seenahen Gemeinden. «Oben» dehnt sich das Westallgäu aus und erreicht seinen höchsten Punkt auf 1118 Metern ü. NHN. Die Sonne scheint über den sanften Hügeln, saftig-grünen Wiesen und dunklen Wäldern des Westallgäus besonders oft. Im Ranking der sonnenreichsten Orte Bayerns lag die Kleinstadt Lindenberg im Jahr 2020 ganz vorne, direkt gefolgt vom Kurort Scheidegg, der vor etlichen Jahren sogar zum sonnenreichsten Ort Deutschlands gekürt worden war.
Von oben nach unten: Blick vom Hoyerberg auf Lindau.
Das Westallgäu ist eine privilegierte Ferien- und Freizeitregion für alle, die die Natur lieben, gerne wandern, walken, Rad fahren oder loipeln. Jeder Ort hat hier sein eigenes Gepräge. Beliebt sind etwa die Allgäuer Käsestrasse und die Westallgäuer Wasserwege mit dem Eistobel zwischen Maierhöfen und Grünenbach. Scheidegg ist bekannt für seine Kurkliniken und Wasserfälle, seinen Reptilienzoo und Baumwipfelpfad «Skywalk».
Lindenberg hat sogar eine Königin: Alle zwei Jahre wird hier eine Hutkönigin gewählt – als Hommage an die Hutmachergeschichte dieses 11’500-Einwohner-Städtchens. Es war vor gut 100 Jahren das Zentrum der deutschen Herrenstrohhutindustrie mit einer Jahresproduktion von acht Millionen Hüten anno 1913. Längst haben Hightech-Unternehmen die Hutfabriken abgelöst, die Huttradition lebt aber in einem sehenswerten Hutmuseum und beim jährlichen Hutfest weiter. Die Allgäuer wissen nämlich, wie man Feste feiert – und wie man Käse macht. Deshalb gibt es in Lindenberg jedes Jahr auch ein internationales Käsefest.
Gewiss würde sich der Hafen-Löwe im Westallgäu wohlfühlen, zumal er hier ebenfalls in der Nähe eines Paradieses wäre. Gleich hinter der Landkreisgrenze, kurz vor Oberstaufen, gibt es eine Anhöhe, die diesen Namen trägt: Paradies. Beim Gedanken daran huscht dem Löwen ein Lächeln übers Gesicht. Denn in diesem Moment wird ihm klar, dass das Gefühl, im Paradies zu sein, nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist. Vielleicht blickt er deswegen so unverdrossen auf den See hinaus…
Ruth Eberhardt, 1965, ist freie Journalistin und lebt in Lindau.
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