Neue Wege dekolonialer Arbeit
Das St.Galler Künstler:innenkollektiv U5 setzt sich im Münchner Lenbachhaus mit kolonialen Bildern auseinander. Die entstandene Ausstellungspublikation Ein Jahr und ein Tag. Leonore Mau und Haiti feiert am 20. Januar ihre Vernissage im Kunstmuseum St.Gallen.
Kunst im säulenartiges Regal (Bild: pd/Lenbachhaus München)
Was tun mit Bildern, die stereotype Vorstellungen bedienen? Wie begegnen wir einem fotografischen Schatz, der reichhaltig und interessant, gleichzeitig auch eine Last voller kolonialer Prägungen ist? Das St.Galler Künstler:innenkollektiv U5 tritt mit seinem langjährigen interdisziplinären Forschungsprojekt der Universität Zürich erstmals an die Öffentlichkeit.
Am Beispiel des Schaffens der deutschen Fotografin Leonore Mau (1916-2013) präsentiert es mit der Ausstellung «Out of Focus. Leonore Mau und Haiti» im Lenbachhaus München (bis 15. Februar) einen Vorschlag auf das schwierige Unterfangen. Die dazu erschienene Publikation Ein Jahr und ein Tag. Leonore Mau und Haiti feiert am 20. Januar im Kunstmuseum St.Gallen Vernissage.
Räumlich begrenzt, entfaltet «Out of Focus. Leonore Mau und Haiti. Eine Ausstellung von U5» nicht nur eine grosse Komplexität von Themen und Fragen, sondern auch einen Sog. Im Halbdunkel lockt eine kreisförmige, ebenerdige Projektionsfläche das Publikum an. Es ist ein mit Wasser gefülltes Becken, auf das Fotografien in einem langsamen Fluss in Überblendungen projiziert werden. Hier kommen die Besucher:innen zusammen, stehen sich gegenüber, geraten ins Gespräch.
Begleitet von einer meditativen Sound-Collage von Madafi Pierre mit Meer- und Wasser- und Windgeräuschen, Strassenlärm, Musikfetzen werden wir auf eine Bilderreise durch das Haiti der 1970er-Jahre mitgenommen, vom Land in die Stadt und wieder zurück aufs Land, sehen den Alltag und Feierlichkeiten, verschiedene Tätigkeiten, Militärparaden, Buchhandlungen, Tourist:innen. Oft wechseln Bilder in minimalen Verschiebungen, zeigen das Suchen, das Ausprobieren der Fotografin.
Blick in die Ausstellung in München (Bild: pd/Lenbachhaus München)
Die unterschiedlichen Längen von Sound- und Bilderfluss bewirken eine Verschiebung und damit immer neue Kombinationen der gegenseitigen Belebung von Bild und Ton. In diesem ständigen Fliessen und Ändern entsteht eine Kontextualisierung – und es tauchen Fragen auf. Wir glauben, von den spezifischen Interessen der Fotografin zu erfahren, ihrer Nähe zu Kunst und Literatur, zum Leben auf der Strasse, zu den Menschen. Wir sehen aber auch, wie sich eine Frau die Hand vors Gesicht hält. Sie will nicht fotografiert werden.
Das fluide Auftauchen und Verschwinden der Bilder stellt sich auratischen, ikonischen Einzelbildern herkömmlicher Fotografie-Präsentationen entgegen. Wir können den Fluss der Bilder im Wasser nicht aufhalten. Wir können nicht stehen bleiben.
Leonore Mau reiste in den 1970er-Jahren, während der Diktatur von Jean-Claude «Baby Doc» Duvalier, gemeinsam mit ihrem Partner, dem Schriftsteller Hubert Fichte (1935-1986), nach Haiti. Die Reise war Teil eines langjährigen Rechercheprojekts der beiden zu afrikanischen und afrodiasporischen Religionen. Ihre Bilder fanden Niederschlag in Reisereportagen in Zeitschriften sowie in Fotobüchern.
In der Ausstellung im Lenbachhaus in München aber ist der Fokus anders gelegt. Der grösste Teil der Fotografien wurde bislang nie veröffentlicht. Aus diesem unterdessen digitalisierten Nachlass in der bpk-Bildagentur Berlin haben U5 gemeinsam mit Expert:innen, darunter auch Kunsthistorikerin und Projekt-Mitinitiantin Dora Imhof, St.Galler Historiker, Aktivist und Stadtführer Hans Fässler oder Vodou-Priester, Musiker, Tänzer, Vermittler und Ethnoszenologe Jean Erol Josué, rund 200 Haiti-Bilder ausgewählt, die gerade nicht jenes von Vorurteilen geprägte Bild bedienen.
Und trotzdem geht es in «Out of Focus» auch um dieses Bild. Auch um das Nachdenken darüber, wie wir einen Umgang finden können mit den von kolonialen Verflechtungen, Exotismen und Machtgefällen geprägten Vorstellungen.
Weiter hinten im Raum, der in Zusammenarbeit von U5 und ALIAS architects als zeltartige, mobile Struktur mit einem halbtransparenten Baustellen-Textil inszeniert wurde, steht ein säulenartiges Regal, wie eine grosse Etagere. Darauf werden bunt glasierte Keramikobjekte präsentiert, ganz in der Handschrift von U5, sorgsam verwahrt hinter Glas. Es sind Kerzen zu erkennen und Katzen, vielbrüstiges Getier, ein ganzes Auge, eine Milchpackung, Blutadern und vieles mehr.
Alle Flaschen sind mit einem Zapfen oder Deckel verschlossen. «Im Regal sind jene Bilder abgefüllt, die wir aus diversen Gründen nicht zeigen wollten: Aufnahmen von Vodou-Ritualen, die nur Eingeweihten vorbehalten sein sollen, Aufnahmen von Menschen in vulnerablen Situationen, in denen sie keine Handlungsmacht haben, und Aufnahmen, die stereotypische Bilder zeichnen», erläutert U5 aus St.Gallen das Vorgehen.
U5 hat diese ebenfalls auf die Wasseroberfläche projizierten Bilder zusammen mit anderen Beteiligten angeschaut, diskutiert und entschieden, sie in diesem flüssigen Zustand in die Flaschen zu füllen. Sind sie nun, wie böse Geister, in die Flasche verbannt, damit sie nicht länger Schaden anrichten? Es sei ein Versuch, ein Vorschlag, wie solche Bildarchive aufgearbeitet werden könnten, wie mit Bildern überhaupt umgegangen werden könnte, die Schaden anzurichten vermögen. Dabei steht die Kollaboration mit Menschen aus Haiti und der Diaspora im Vordergrund.
«Wir wollten den Displays, wie sie oft in ethnologischen Ausstellungen anzutreffen sind, eine sinnlichere Alternative entgegenhalten», so U5. Es sei eine Möglichkeit, die Bilder zu transformieren und Diskriminierung nicht zu wiederholen. «In dem Projekt sind Dialog, Vielstimmigkeit, Aushandlungsprozesse, Lernen und Verlernen zentral.» Jede Idee ist vorläufig, jede Begegnung eröffnet neue Blickwinkel und schafft neue Verbindungen.
Vielstimmig und vielschichtig komplex ist auch die Publikation Ein Jahr und ein Tag. Leonore Mau und Haiti aufgebaut und zu lesen. Sie ist, wie auch die Ausstellung, als Einladung zu verstehen, um über Verbindungen und Verstrickungen sowie die Macht der Bilder nachzudenken.
Die Notwendigkeit dekolonialer Arbeit, gerade auch im Umgang mit gemachten Bildern, ist brisant und aktuell. «Out of Focus» stellt genau dies in den Fokus.
Dora Imhof, Gina Athena Ulysse und U5: Ein Jahr und ein Tag. Leonore Mau und Haiti. Hatje Cantz Verlag GmbH, Berlin 2025.
Buchvernissage, 20. Januar, 18.30 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen.
«Out of Focus. Leonore Mau und Haiti. Eine Ausstellung von U5», bis 15. Februar, Lenbachhaus, München.
Kunst in Dornbirn
Anna Hulačová zeigt ihr vielschichtiges Werk im Kunstraum Dornbirn. Die ehemalige Montagehalle wird zur perfekten Kulisse für ihre künstlerische Erzählung über die historische und gegenwärtige Dimension von Landwirtschaft und Ökologie.
Als St.Galler Manorkunstpreisträger:in 2025 verwandelt marce norbert hörler flüchtige Erfahrungen in vielschichtige Wahrnehmungsräume. Mit «slant», der Einzelausstellung im Kunstmuseum St.Gallen, manifestiert sich eine künstlerische Praxis, die beständig nach neuen Formen der Orientierung sucht.
Kunst in Liechtenstein
Seine Themen sind Rassismus, Medienkonsum, Popkultur und die Kunst selbst. Tony Cokes stellt aktuell im Kunstmuseum Liechtenstein aus. Seine Werke schaffen die Synthese von Wort, Farbe und Musik.
Kunst in Stein am Rhein
Die Aargauer Künstlerin Denise Bertschi inszeniert im Kulturhaus Obere Stube in Stein am Rhein die kolonialen Verflechtungen von Wissenschaft und Wirtschaft am Beispiel der Schweizer Chemieindustrie.
Kunstwerk im Textilmuseum
Ein Quilt, verpackt in Gepäckstücken: Seit dem 4. Juli wirft ein Künstler:innenkollektiv in der Lounge des Textilmuseums St.Gallen Fragen zu den kolonialen Verflechtungen der Bodenseeregion auf.
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.