Alt und kalt. Das beschreibt das schmale Haus an der Oststrasse 5, nahe an der Kreuzung beim Blutspendezentrum in St.Fiden, eigentlich schon recht gut. Seit die letzten Bewohner:innen ausgezogen sind, stünde eigentlich eine Sanierung an. Bewohnbar ist das Haus kaum noch. Aber für die Kunst taugts alleweil. Finden zumindest die Künstler:innen, die hier zu bezahlbaren Konditionen ihrer Arbeit nachgehen können, wie auch die Stadt St.Gallen, der die Liegenschaft gehört. Ein Elektroöfeli hier, ein Teekocher da: Fertig ist das neue Atelierhaus, in dessen Räumlichkeiten sich seit der Eröffnung letzten Herbst ein gutes Dutzend Kunst- und Kulturschaffende eingenistet hat.
Das Projekt hört auf den Namen «Ostblock 5». Die Sowjet-Anspielung sei nebst der Anlehnung an die Adresse bewusst gewählt, sagt die umtriebige Initiantin und gute Seele des Hauses, Dokfilmerin und Goldschmiedin Bianca Schellander. Nicht, weil man etwas übrig hätte für realsozialistisch-diktatorische Experimente, sondern weil es im sozialistischen Kontext auch ein eigentümliches, die Künste sehr befruchtendes Selbstverständnis für die Kulturförderung gegeben habe.
Ein politisches Programm verfolgt das Haus allerdings nicht, es ist lediglich die Feststellung einer zunehmenden Kulturfeindlichkeit im Allgemeinen. Und dieser will man mit dem niederschwelligen, herzlichen und offenen Basisprojekt etwas entgegenhalten. Dem Kunstschaffen gemeinschaftlichen Raum geben.
Ein Verkauf oder ein Abriss lohnt sich (noch) nicht
Schellander und ihr Partner, der Dokfilmer Luca Schmid, der sein Atelier auch in den Ostblock verlegt hat, leben in einer grossen WG im Heiligkreuz. Als dort die letzte Mieterin der Oststrasse 5 – auch hier lebte zuletzt noch eine WG – aufkreuzte, um Bastelmaterial vorbeizubringen, und dabei ankündigte, ausziehen zu wollen, kam sofort die Idee eines Atelierhauses auf.
Denn, wie gesagt, das Haus an der Oststrasse zum Wohnen zu vermieten, ist mit gutem Gewissen kaum noch möglich. Zu lotterig ist es, eine Zentralheizung gab es nie. Aber Wasser und Strom fliessen noch, und auf der Rückseite gibt es zusätzlich einen Schopf zur Lagerung von Material und Unterstellung der Velos sowie einen grosszügigen, von den Vormieterinnen liebevoll reaktivierten und von den Künstler:innen übernommenen Garten, eine Feuerschale und einen heimeligen Sitzplatz. Der Mietvertrag läuft vorerst unbefristet. Solange die direkt anliegenden Häuser nicht gleichzeitig zum Verkauf stehen, dürfte es der Stadt schwerfallen, das verwinkelte Grundstück zu veräussern – oder selber neu zu bebauen.
Die alten Backöfen sind leider nicht mehr in Betrieb.
Dafür ist auch im verwunschenen Hinterhofgarten wieder Leben eingekehrt. Der Frühling kann kommen!
So haben jetzt also die Künste in den diversen Zimmern und Kammern des alten Hauses Einzug gehalten. Im Schaufenster der einstigen Bäckerei im Hochparterre begrüsste die Besucher:innen bis vor Kurzem eine Skulptur von Tobias Bamert. In einer der beiden kleinen Gemeinschaftsküchen sind noch die alten Backöfen eingebaut, «leider nicht mehr funktionstüchtig», sagt Schellander beim Rundgang.
Die Treppe hoch, zweimal ums Eck, betreten wir ein kleines Büro mit zwei grossen Bildschirmen. Hier bereitet der angehende Game-Design-Student Olaf Fähnle sein Portfolio für die Bewerbung an die Zürcher Hochschule der Künste vor. Auch Zeichnerin Lea Le-Frei und ihr Vater, Literaturvermittler Gallus Frei, der britisch-sanktgallische Künstler Peter Dew oder Designerin und Illustratorin Miriam Landwehr haben sich nebst weiteren Kunst- und Kulturschaffenden im Ostblock eingerichtet.
Bedarf nach Ateliers ist hoch
«Die Leute sind gerne hier», sagt Schellander. Es gebe mittlerweile eine Warteliste. Ein Verteilkampf um die grössten Räume habe es nicht gegeben. Die kleinste Kammer, in der nur gerade ein kleiner Hocker und ein Mini-Tischchen Platz haben, hat Dominic Curseri, Drehbuchautor und Musiker bei Catalyst, bezogen. Wie ihn der ganz in knallig Leuchtrot bemalte Schluff zu inspirieren vermag respektive wie er es darin überhaupt aushält, bleibt vorerst sein Geheimnis. Er ist beim Rundgang grad nicht anwesend.
Die Räume seien innerhalb von zwei Wochen ausgebucht gewesen, berichtet Schellander. Der Raumbedarf für die freien Künste ist nach wie vor gross. So sieht es auch ein paar Blocks weiter beim Pool, dem Raum für das freie Bühnenschaffen, aus. Nur dass man im Ostblock 5, wo das eher stille kunsthandwerkliche Schaffen Unterschlupf gefunden hat, nicht von Einsprachen eingedeckt wird. Dafür sind hier auch keine öffentlichen Publikumsanlässe erlaubt, ebenso wenig kommerziell-gewerbliche. Aber wer will schon etwas gegen die eine oder andere kunstorientierte «WG-Party» einwenden, solange sie sich an Nachtruhezeiten hält und sich auch sonst hervorragend mit der direkten Nachbarschaft arrangiert?
Weiss, wie man mit der grossen Kelle anrührt: Ostblock-5-Initiantin Bianca Schellander.