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«Nicht fragen, einfach machen»

tipiti-Initiator Rolf Widmer über die Gründungsjahre, seine Vision, dass jedes Kind in Sicherheit, mit verlässlichen Beziehungen und Perspektiven aufwachsen sollte, und sein Unverständnis darüber, dass die St.Galler Bundesrätin verhindert, Flüchtlingskinder aus Griechenland aufzunehmen. von Roman Hertler und Corinne Riedener
Von  Roman Hertler  und  Corinne Riedener , 
(Bilder: Ueli Steingruber)

Saiten: Der Verein tipiti wurde 1976 gegründet, damals noch unter dem Namen Verein Heilpädagogische Grossfamilien (VHPG). Wie kam es dazu?

Rolf Widmer: In dieser Zeit war ich 26 und pädagogischer und administrativer Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Ganterschwil. Da viele Kinder nicht in die Familie zurückkehren konnten, interessierte es mich, wie man Lebensräume von Kindern und Jugendlichen in der ausserfamiliären Erziehung entwicklungsfördernd gestaltet. Ich studierte aber zuerst Ökonomie in Paris, da ich dereinst die Privatbank mei- nes Stiefvaters übernehmen sollte. In Paris bin ich mit Abbé Pierre in Kontakt gekommen und wurde mit der Not vieler Menschen konfrontiert.

Das war Anfang der 70er-Jahre.

Genau. Damals, nach dem Algerienkrieg, gab es eine grosse Welle von jungen Menschen aus Nordafrika, die nach Frankreich gekommen sind. Frankreich war völlig überfordert mit der Integration dieser Leute – ist man bis heute. Abbé Pierre hat dann Freiwillige rekrutiert, und so begann auch ich für ihn zu arbeiten. Unter anderem habe ich auch Gelder beschafft für seine Projekte. Damals wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass es Menschen gibt, die sich nicht selber vertreten können.

Wie meinen Sie das?

Man hat diesen jungen Menschen aus Nordafrika einfach gesagt, was sie zu tun haben, aber sie hatten keine Mitsprache. Das hat mich sehr bewegt. Und mich schliesslich dazu gebracht, meinen Beruf zu wechseln; von der Finanzbranche in die Soziale Arbeit. Denn diese jungen Menschen brauchten andere Menschen, die sie vertreten. Mein Vater fragte mich einmal, ob ich es denn «edler» fände, jetzt Geld mit dem Elend von anderen zu verdienen statt auf der Bank. «Edler» ist das viel- leicht nicht, aber ich hoffte, dass mein Engagement so für einige Menschen die Lebensqualität verbessert.

Gab es weitere Gründe für ihr soziales Engagement?

Während meines Studiums der Sozialen Arbeit hatte ich ein zweites prägendes Erlebnis: Im Rahmen einer Studie zur Resilienzforschung untersuchten wir die Lebensgeschichte von de- portierten Kindern im Zweiten Weltkrieg, die ihre Eltern im Alter von 10 bis 14 verloren hatten. Wir wollten wissen, wie diese später als Erwachsene ihr Leben bewältigt haben. Eine unserer wichtigsten Erkenntnisse war, dass der Mensch verlässliche Beziehungen braucht. Jene deportierten Kinder, die über die Jahre stets Bezugspersonen hatten, die ihnen das Gefühl vermittelten, wichtig zu sein und sie als Persönlichkeit respektierten, konnten ihr Leben grundsätzlich besser meistern. Es gab immer jemanden, der an sie geglaubt hat, ihnen Dinge zugetraut hat, sie bestärkt hat – und das waren nie Institutionen, sondern meist einzelne Bezugspersonen.

Weg von Institutionen, hin zu Personen: Ist das die Devise von tipiti?

Ja, oder anders formuliert: Wir wollen weniger in die Institutionen – also in Mauern – investieren und mehr in die Menschen. Für mich war schon früh klar, dass man ein Kind nicht nach dem bestehenden Angebot platzieren sollte, sondern nach seinen Bedürfnissen. Dass man nicht fragen soll: «Was gibt es?», sondern: «Was braucht es?» Und wenn wir das entsprechende Angebot für dieses Bedürfnis nicht finden, dann schaffen wir es. Das war der Start von tipiti bzw. dem Verein Heilpädagogischer Grossfamilien.

Das passt zum Geist der «Heimkampagne» Anfang der 70er-Jahre. Worum ging es dieser Bewegung damals?

Es war ein Aufruf gegen die stationäre Unterbringung von Kindern in Einrichtungen, die damals zum Teil ja sehr autoritär auf- gebaut waren. Diese Heimkinder waren eine Form von Verdingkindern. Plakativ gesagt, bestand für viele der Sinn des Lebens darin, zu beten und zu arbeiten – zumindest in den christlichen Heimen. Sie mussten dankbar sein, dort sein zu dürfen. Dieses System wollte man aufbrechen. Weil man er- kannte, dass jedes Kind ein Anrecht auf eine sinnvolle und gute Begleitung hat, auch wenn es keine Familie im Rücken gibt.

Waren Sie ein Anti-Heim-Aktivist?

Von dieser Kampagne habe ich damals nicht allzu viel mitbekommen. Ich habe mich da nicht aktiv engagiert, da ich primär von meiner Zeit in Paris und der vorhin erwähnten Untersuchung geprägt war. Unser damaliges tipiti-Modell passte zwar dazu, aber wir haben ja diese neuen Formen der Betreuung nicht erfunden. Das war eine Zeiterscheinung damals; das Leben mit den Kindern und nicht für die Kinder zu gestalten, zum Beispiel in Heilpädagogischen Grossfamilien statt Heimen.

Die Heime haben sich ja in der Zwischenzeit auch verändert. Sie sind nicht per se «bös».

Ich habe tipiti nie als Alternative zum Heim gesehen, sondern als Ergänzung. Für jene Kinder, die langfristig ausserhalb ihrer Kernfamilie leben müssen. Unsere drei Säulen waren und sind bis heute ein lebensechtes Umfeld, konstante Beziehungen und individuelle Förderung. Da sind wir wieder bei den Mauern: Wir wollten stets möglichst wenig in Infrastrukturen investieren und stattdessen möglichst viel in die Menschen. Beim tipiti haben wir anders als in Heimen viel weniger Fixkosten, so können wir uns rasch nach den sich veränderten Bedürfnissen richten. Das ist ja in der Geschäftswelt auch so; man richtet sein Sortiment nach den Wünschen der Kundinnen und Kunden aus.

Wie war das, als ihr 1976 gestartet seid mit tipiti? Dezentrale Strukturen kosten zwar weniger, aber ihr wart noch nicht etabliert und irgendwoher musste das Geld ja kommen.

Öffentliche Subventionen hatten wir anfangs noch keine, das stimmt, aber wir konnten private Mittel auftreiben. Es gab da ganz zu Beginn ein sehr schönes Erlebnis: Ich war neu als pädagogischer und administrativer Leiter in Ganterschwil angestellt und hatte einen Termin beim Bundesamt für Sozialversicherungen. Da ich früh morgens schon da sein musste, habe ich in einem Berner Hotel übernachtet. Am Morgen sass ich zufällig am Frühstückstisch von Ruedi Schatz, dem damaligen CEO der Bank Wegelin. Ich erzählte ihm von unserem Projekt und er bot mir an, einmal vorbeizukommen, wenn ich in St.Gallen bin. Kurz darauf bekam ich von ihm die ersten 50ʼ000 Franken. So oder ähnlich lief das öfters ab damals.

Wann kam tipiti richtig ins Rollen?

Als unsere Schule als IV-Sonderschule anerkannt wurde. Das war ein wichtiger Schritt und gab uns eine Basis. So konnten wir etwa 70 Prozent der Kosten decken, der Rest kam von privaten Geldgebern und den einweisenden Stellen. Und wir waren damals ja auch totale Idealisten, machten vieles ehrenamtlich, zumindest in der Anfangszeit. Ich selber bin bis heute «nur» im Nebenamt für tipiti tätig. Hauptberuflich war ich immer wieder im Aufbau und in der Leitung von sozialen Einrichtungen in der Schweiz und im Ausland tätig. Anders die Eltern der Heilpädagogischen Grossfamilien damals: Sie waren sozusagen «Berufseltern». Auch bei ihnen war der Pioniergeist gross. Kurzum: Wir haben nicht gefragt, wir haben einfach gemacht. Der Kanton Appenzell Ausserrhoden hat sich dafür bestens geeignet, da die gesetzlichen Vorschriften dort nur minimal waren.

In den 90er-Jahren kam man dann etwas weg von den Grossfamilien, die Strukturen wurden kleiner, das neue Modell hiess «Begleitete Pflegefamilie». Warum?

Kindern und Jugendlichen Lebensräume zu ermöglichen, wo sie in Sicherheit, in einem verlässlichen Beziehungsumfeld und auf Rahmenbedingungen zählen dürfen, wo sie Perspektiven entwickeln können: All das gehört zu den Kernaufgaben, die wir laufend weiterentwickeln. Wir haben mit der Zeit festgestellt, dass es viele Vorteile hat, wenn die Kinder in einer kleineren Familie mit eigenen Kindern leben. Beim Modell der Heilpädagogischen Grossfamilien gab es meist relativ viele Kinder, vier bis fünf, alle mit einer belastenden Lebensgeschichte. Das machte das soziale Zusammenleben teilweise nicht ganz einfach. Wir haben dann gemerkt, dass es für die Kinder noch wertvoller ist, wenn sie in einer möglichst «normalen» Situation eingebettet und nicht nur von sogenannten Problemkindern umgeben sind, also haben wir unser Modell angepasst.

Auch der Kontakt zu den leiblichen Eltern gewann damals an Bedeutung, sagt beispielsweise Tschösi Olibet, Vater einer Heilpädagogischen Grossfamilie.

Das war uns schon früh ein wichtiges Anliegen, aber das Bewusstsein dafür bei den Pflegeeltern musste teilweise noch wachsen. Man muss auch sehen, dass diese Dreiecksbeziehung Kind – leibliche Eltern – Pflegeeltern nicht immer einfach ist. Das hat zum Teil auch mit der Herkunft zu tun. Die Pflegeeltern, die sich diese soziale Aufgabe zumuten, kommen meist eher aus der Mittelschicht, die Kinder, die sie begleiten, kommen eher aus einfacheren Verhältnissen. Das kann zum Kulturschock führen: Die Familie unter der Woche tickt ökologisch, hat zum Beispiel nur Holzspielsachen, und wenn die Kinder nach dem Wochenende von ihren leiblichen Eltern zurückkommen, bringen sie eine Plastikpistole mit. Damit muss man lernen umzugehen, es ist ein Lernprozess. Die Eltern müssen akzeptieren, dass das Kind in zwei Welten lebt. Eine weitere Herausforderung ist, dass der «Verwöhnungsgrad» bei den leiblichen Eltern, die ihr Kind nur gelegentlich am Wochenende sehen, meist viel höher ist. Das kann zu Problemen führen im Alltag, darum muss man solche Themen und Beziehungsthemen mit den Eltern wertschätzend ansprechen, und dazu braucht es vor allem die fachliche Begleitung durch die Mitarbeitenden von tipiti.

In dieser Zeit hat das tipiti auch seine Sonderschulen für andere Kinder, die nicht in Pflegefamilien leben, geöffnet.

Ja, auch weil das Schulwesen in der Schweiz allgemein toleranter und weniger ausschliessend wurde. Es zeigte sich auch, dass viele Kinder, die als Sonderschüler zugewiesen wurden, durch die emotionale Sicherheit in der Familie sich auch intellektuell besser entfalten und viele tipiti-Kinder in die Regelschule wechseln konnten – was für sie ein grosser Gewinn war. Und da sie die Plätze in unseren Sonderschulen nicht mehr brauchten, konnten wir nun auch andere Kinder aus der Region aufnehmen, um ihnen das Aufwachsen in ihrer Familie zu erhalten. Heute haben wir insgesamt 75 Kinder in vier Sonderschulen.

Und daneben führt tipiti noch ein Lern- und Begegnungszentrum, bietet Mentoringprogramme an und betreut Wohngruppen für junge Erwachsene und unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Mittlerweile beschäftigt der Verein über 160 Personen. Wohin steuert dieses Schiff in den nächsten Jahrzehnten?

Dieses Thema werden wir im Mai 2021 gemeinsam angehen, dann planen wir einen grossen Zukunftstag. Bezüglich der künftigen Leitung träume ich persönlich von jungen Leuten, die noch einige Jahrzehnte Berufsleben vor sich haben. Ich bin der Überzeugung, dass wir alle nur in der Gegenwart funktionieren können, darum sollte die Zukunft des tipiti von jungen, dynamischen Menschen bestimmt werden.

Sie sagen, dass zur Gründungszeit des tipiti ein grosser Idealismus geherrscht habe. Ist der Groove bei den Jungen heute immer noch so?

Vermutlich nicht … Aber dafür gibt es auch Gründe. Wir sind damals in einer Zeit aufgewachsen, in der man jeden Tag einen Job haben konnte. Das ist heute völlig anders. Die Menschen haben mehr Zukunftsängste, das Sicherheitsbedürfnis ist gewachsen. Das müssen wir selbstverständlich berücksichtigen. Trotzdem glaube ich, dass es viele junge Leute gibt, die einen gewissen Idealismus leben und pflegen. Ausserdem ist heute das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit wesentlich ausgeprägter, das gibt mir Hoffnung, dass sich junge Leute finden, die das tipiti weiterführen.

Von aussen hat man das Gefühl, dass es Ihnen recht leicht fällt, immer wieder neue Geldquellen anzuzapfen, um tipiti-Projekte auszubauen und am Laufen zu halten. Täuscht dieser Eindruck?

Das ist eine Frage der Einstellung. (lacht) Man darf einfach keine Angst vor dem Geld haben. Ausserdem ist es wichtig, potenziellen Geldgebern zu vermitteln, dass sie etwas Nachhaltiges bewirken können und ihnen ein Projekt so zu präsentieren, dass sie selbst den Mehrwert sehen. Das ist das eine. Das andere sind gute Reports, gute Dokumentationen und eine transparente sowie regelmässige Kommunikation.

Sie betonen immer wieder: «Wenn man eine Überzeugung hat, soll man nicht fragen, sondern einfach machen.» Daran könnten sich auch die Städte und Kantone ein Beispiel nehmen angesichts der Situation der Geflüchteten in Moria, zumal sich der Bund querstellt.

Das Problem ist Karin Keller-Sutter bzw. der rechtslastige Bundesrat. Das Verhältnis ist vier zu drei. Alain Berset, Simonetta Sommaruga und Viola Amherd würden vermutlich sofort Flüchtlinge aus Moria aufnehmen. Bundesrätin Karin Keller-Sutter sagt nur dann, wenn es ihr gerade zu ihrer politischen Haltung dient, dass wir uns mit Europa verbinden müssen. In dieser Angelegenheit zeigt sie überhaupt keine Courage und Humanität. Wir von tipiti haben schon im Mai auf die Situation in den griechischen Lagern hingewiesen und beim SEM ein Konzept eingereicht zur Aufnahme von mindestens 40 Kindern. Weitere Kantone waren auch bereit, Kinder aufzunehmen. Aber es ist ein ausländerrechtliches Thema, wir können die Leute nicht einfach in die Schweiz schmuggeln. Wir haben auch jetzt wieder das Gespräch mit Bundesrätin Karin Keller-Sutter gesucht, aber sie bleibt hart in ihrer Haltung. Ich finde das beelendend.

Der Bund will vor Ort helfen.

Wenn man sieht, was in Griechenland passiert, geht es um reine Abschreckungspolitik. Der Bund betont immer, er leiste Hilfe vor Ort. Wenn er aber so viel Geld dort hinunterpumpt und trotzdem zulässt, dass solch menschenunwürdige Zustände herrschen, kann ich das nicht nachvollziehen. Es werden die Grenzen sicherer gemacht und das kommt nicht den geflüchteten Menschen zugute, sondern den Eigeninteressen. Offen- sichtlich hat man kein Interesse daran, die Bedingungen für die Menschen zu verbessern. Aus tipiti-Sicht bleibt uns momentan nur eines übrig: ein Gemeinschaftsprojekt vor Ort aufzugleisen, zusammen mit einer Hilfsorganisation. Wir möchten unsere Erfahrung im Aufbau eines Lern- und Werkzentrums unseren griechischen Partnern weitergeben.

Rolf Widmer, 1950, ist Ökonom und Sozialarbeiter. Er ist seit 44 Jahren im Bereich des Kinderschutzes tätig. Seine erste Stelle trat er als pädagogischer und administrativer Leiter einer kinderpsychiatrischen Klinik an. In dieser Funktion baute er den Verein tipiti auf, der heute über 230 Kinder und Jugendliche begleitet.

In den 90er Jahren leitete Rolf Widmer die Asylorganisation Zürich. 2000 bis 2020 war er Direktor des Internationalen Sozialdienstes Schweiz, einem Verbundsystem, das in über 120 Ländern soziojuristische Problemstellungen betreffend Kindern und Familien koordiniert. In Zusammenarbeit mit tipiti und DEZA entwickelte er zusammen mit Urs Rennhard aus Heiden von 1997 bis 2003 ein Programm zur Unterstützung von 4000 Vollwaisenkindern in Bosnien und Herzegovina. Zurzeit baut er die unabhängige Stiftung «Bildungschancen» auf, damit allen jungen Menschen der Zugang zur Ausbildung ermöglicht wird.

Privat war Rolf Widmer Pflegevater von drei heute erwachsenen ehemaligen Flüchtlingskindern, die als Vollwaisen aus dem Libanon in die Schweiz gekommen sind. Er ist verheiratet, lebt in Genf und hat insgesamt sieben erwachsene Kinder und 15 Grosskinder.

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