Sollen wir der abgelehnten Expowirklich nachtrauern? «Expo Bodensee – Ostschweiz» klingt zwar gut. Aber versuchen wir uns mal vorzustellen, was wir am Ende – nach mehreren Jahren abwägen, politisieren, aushandeln, vernehmlassen und kulturmanagen – erhalten hätten.
Wir hätten in der Entstehungsphase viel über Zukunft, Nachhaltigkeit, Gesellschafts-Modelle, Europa und das grosse Miteinander gesprochen. Doch bereits die Frage, wie und in welcher Form sich die Innerrhoder an der Expo beteiligen sollen, hätte die hehren Ziele auf eine harte Probe gestellt.
Ganz zu schweigen vom Geld. Woher hätte es kommen sollen, wenn nicht auch von Sponsoren? Coop, Raiffeisen, Appenzeller Käse, Möhl und Locher und Konsorten. Na bravo! Lauter vorzügliche Firmen, gewiss, auf die wir auch alle stolz sind. Aber sind sie auch interessiert an einer Diskussion über Zukunft und Visionen? Es sind Sponsoren! Und als solche wünschen sie sich bitteschön eine anständige Plattform, um sich zu präsentieren. Als gutes Umfeld für die kommerzielle Imagepflege wären etwa ein bisschen Sennen-Chic und Alpstein-Romantik gut geeignet. Auch geheimnisvolle Mundart-Sprüche gehen gut, die man nur versteht, wenn man sie sich selbst laut vorliest und sich ein Lindauerli in den Mund hängt. Natürlich sollte alles irgendwie innovativ, aber doch auch der Scholle verbunden wirken. Und «total offen gegenüber dem Ausland» sollte als Stimmung auch noch rüber gebracht werden, und überhaupt. Einer solchen Veranstaltung kann man Expo sagen, wenn man unbedingt will, aber wirklich bekommen hätte man dann doch nur etwas mit Marketing.
Dann gäbe es natürlich noch den unverwüstlichen Säntis und den Bodensee und was der Naturschönheiten mehr sind. Auch diese hätten inszeniert sein wollen. Beim Äscher wäre es nicht mehr nötig gewesen, der gehört schon zu den «places of a lifetime». Aber die Churfirsten sind doch auch spitze und der Nagelfluh-Speer erst recht. Und wie stehts um die Bratwurst? Hätte sie es nicht auch verdient, als Naturschönheit verehrt und verspiesen zu werden? Selbstverständlich hätte sich jede Tourismus-Organisation der Region über eine Expo gefreut. Sie hätten aus dem Vollen schöpfen und die touristischen Vorzüge unserer Gegend bestimmt in den höchsten Tönen loben können. Eine Expo als «Olma reloaded» irgendwie.
Man mag nun einwenden, dass die Ostschweiz im Rest des Landes ver- oder überhaupt nicht gekannt wird, und eine Expo hier hätte Wunder wirken können. Mag sein. Aber wie hätte dieses Ziel erreicht werden können? Indem man herausgestrichen hätte, was bei uns aussergewöhnlich ist?
Hervorragende Volksmusik, modernste Industrie, traditionelle Landwirtschaft? Oder doch eher die unverkennbare Landschaft? Oder vielleicht das vielfältige künstlerische Schaffen, das dem Mainstream erfolgreich trotzt? Das alles wären sehr gute Argumente und es wäre auch an der Zeit, dass man das mal laut sagt. Aber eine Expo hätte massentauglich sein müssen, allzu gewagte Experimente hätten da sicher keinen Platz. Am Ende wäre – man mag es drehen und wenden, wie man will – das immer gleiche Standort-Marketing-Geschwafel geblieben. Zudem ist dieses Kaprizieren auf die regionalen Besonderheiten total provinziell!
Vielleicht hätte der ganze Expo-Effort auch zu Tage gefördert, dass die Eigenheiten und Besonderheiten am Ende dann doch nicht so grossartig sind, wie wir uns das wünschen.
Wir im Osten sind gar nicht einzigartig – mal abgesehen von der Bratwurst. Die Probleme, die uns umtreiben, haben meistens nichts Ostschweizspezifisches. Burkaträgerinnen haben wir wie alle andern in Europa ebenfalls praktisch keine. Es herrscht Krieg auf der Welt. Die Klimaerwärmung schreitet voran. Wir beuten die Dritte Welt schamlos aus. Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Sollen wir diesem Elend mit einem «Sönd willkomm» entgegentreten?
Das Nein zur Expo ist eine Chance! Viele haben gehofft, die Expo löse ein breites Nachdenken über Visionen aus. Also lasst uns jetzt damit beginnen. Ohne die Finanzierungsfrage, ohne Sponsoren, ohne Standort-Marketing lässt sich vortrefflich über die Zukunft nachdenken. Auch ohne die Pflicht, am Ende des Prozesses eine grosse Kiste auf die Beine stellen zu müssen. Ohne das Einengende einer Expo könnten wir auch offener auf die Vorarlberger, die Süddeutschen zugehen und uns gemeinsam mit den europäischen Nachbarn über Identität, Gemeinsamkeiten und Trennendes unterhalten. Behalten wir die Bratwurst für uns und entwerfen gemeinsam Visionen für die Welt.
Emil Müller, 1968, ist Mathematiker und Lehrer in St.Gallen. Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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